Tönnies-Affäre in Verl: Wie Holzwickedes Ex-Beigeordneter zum Krisenmanager wurde

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Heribert Schönauer machte in Verl Schlagzeilen, weil er in der Tönnies-Affäre für drei ganze Wohnblocks die Quarantäne organisierte – und mit TV-Comedian Oliver Pocher aneinander geriet.

Holzwickede

, 28.07.2020, 17:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Hinter Heribert Schönauer liegen nervenaufreibende Wochen. Der in Fröndenberg wohnende ehemalige Erste Beigeordnete der Gemeinde Holzwickede hat hautnah zu spüren bekommen, wie sehr die Corona-Krise Entscheidungsträger in stark betroffenen Kommunen fordern kann.

Als sich im Juni beim Fleischverarbeiter Tönnies und seinen Subunternehmern zahlreiche Menschen mit dem Coronavirus angesteckt hatten, war die Stadt Verl unmittelbar betroffen. Dort befinden sich nämlich mehrere Unterkünfte von Mitarbeitern, die bei Tönnies´ Subunternehmern angestellt sind.

Als die Fallzahlen im Kreis binnen weniger Tage auf fast 2000 Infizierte, davon rund 80 in Verl, gestiegen waren, bestand dringend Handlungsbedarf. Im gesamten Kreis Gütersloh, zu dem die Kommune Verl gehört, wurde zunächst eine zweiwöchige Quarantäne für alle Tönnies-Mitarbeiter und ihre Familien verfügt. In Verl selbst hat Schönauer gemeinsam mit Bürgermeister Michael Esken gleich am ersten Tag einen Krisenstab einberufen.

Absperrungen waren ein sensibler Eingriff in die Persönlichkeitsrechte

Nicht alle Maßnahmen, die die Stadt Verl umgesetzt hat, waren in der Theorie unumstritten: Im Zuge der Quarantäne-Verordnungen wurden drei große Wohnblocks eingezäunt und damit regelrecht von der Außenwelt abgeschnitten. Wie Schönauer erläutert, ein durchaus sensibler Eingriff: „Da stoßen individuelle Persönlichkeitsrechte Einzelner und das Schutzinteresse der Allgemeinheit aufeinander“, sagt er.

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Heute, so beurteilt er, bestehe kein Zweifel daran, dass diese Vorgehensweise in der Praxis notwendig und richtig war. Die Zahlen sprechen für die Maßnahme der Stadt Verl. Die Zahl der bestätigten noch aktiven Corona-Fälle in Verl ist inzwischen auf null (heutiger Stand) gesunken, Neuinfektionen hat es keine mehr gegeben. Die Corona-Welle, die der Tönnies-Eklat in der gesamten Region ausgelöst hat, hat die Stadt Verl durch die Quarantänemaßnahme verhältnismäßig schnell in den Griff bekommen.

Zur Sache

Erster Beigeordneter in Holzwickede

  • Heribert Schönauer war von 2011 bis 2014 Erster Beigeordneter der Gemeinde Holzwickede. Federführend war er vor allem dafür verantwortlich, dass Holzwickede als „Fair-Trade-Gemeinde“ wurde, was sie bis heute ist.
  • Sein Wechsel nach Verl ging seinerzeit ziemlich zügig vonstatten. Im direkten Anschluss an die Ratssitzung, in der er im Dezember 2014 in Holzwickede verabschiedet wurde, fuhr er nach Ostwestfalen und unterzeichnete sein Arbeitspapier bei der Stadt Verl.
  • Sein Abschied kam für viele Holzwickeder durchaus überraschend – und wurde aus weiten Teilen der Politik mit einem Bedauern zur Kenntnis genommen.
  • In Verl führt er neben dem Amt des Ersten Beigeordneten auch das des Kämmerers aus. Zudem gilt er dort als Stellvertreter des amtierenden Bürgermeisters als Verwaltungschef.

Von den Menschen, die von dieser Regelung unmittelbar betroffen waren, habe er außerdem viel Verständnis erfahren. „Die meisten von ihnen sind Rumänen, Polen oder Bulgaren“, sagt Schönauer. Dass es sich bei den Menschen vorwiegend um Migranten handelt, hat die Organisation denkbar erschwert.

Zum gesamten Team, das die Quarantäne organisiert hat, gehörten neben Verwaltungsmitarbeitern auch viele Ehrenamtliche, die über mehrere Wochen rund um die Uhr im Einsatz waren.

Die größte Sorge war, dass die Stimmung kippt

Schönauers größte Sorge war in der gesamten Zeit, dass die Stimmung in den Wohnblocks kippen könnte. Eine gute ärztliche Versorgung, eine soziale Betreuung der Kinder und Familien, zahlreiche Hilfs- und Unterstützungsangebote für die Betroffenen, genügend Lebensmittel und Dolmetscher hätten dazu beigetragen, dass es keine Zeit der Konfrontation, sondern des Dialogs wurde. Trotz zwei Polizeieinsätzen, die in dieser Zeit durch häusliche Streitigkeiten ausgelöst wurden, verlief der Alltag in den Wohnblocks laut Schönauer insgesamt recht ruhig.

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Eine der wenigen, dafür aber sehr unangenehmen Begegnungen in dieser Zeit war aus seiner Sicht der Besuch von TV-Comedians Oliver Pocher, der als Clemens Tönnies verkleidet an den Quarantäne-Absperrungen in Verl Geschenke (als Entschuldigung) verteilt hat. Was als lustiger Beitrag für soziale Netzwerke gedacht war, stieß Schönauer sauer auf. „Das war sehr geschmacklos“, sagt der Erste Beigeordnete der Stadt Verl, der den Comedian während des Drehs aufforderte, die Kameras auszuschalten.

Inzwischen ist bei Schönauer und seinen Kollegen wieder der „normale“ Corona-Alltag eingekehrt. Der Tönnies-Krise kann er im Nachhinein durchaus etwas Positives abgewinnen: Die osteuropäischen Werksarbeiter in den Wohngebieten haben Kontakt zur Stadtverwaltung aufgenommen. Dadurch bekomme die Erfahrung einen integrativen Aspekt. Jetzt komme es darauf an, das gewonnene Vertrauen in einander zu halten und auszubauen. Ziel der Stadt Verl sei es nun, ein integratives Beratungs- und Stadtteilangebot in diesem Bereich anzubieten.

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