Mittlerweile zwei Stolpersteinverlegungen zeugen vom Bemühen engagierter Holzwickeder, die Nazi-Zeit in der Gemeinde aufzuarbeiten. Für Hobby-Historiker wie Ulrich Reitinger offenbaren die Archive immer neue schwere Schicksale.

Holzwickede

, 17.11.2019, 17:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ulrich Reitinger gehört zum festen Kreis der Holzwickeder Volkshochschulgruppe „Spurensuche: NS-Opfer in Holzwickede“. Nachdem die Spurensucher zuletzt zu Schicksalen behinderter Menschen aus der Gemeinde forschten, die einst unter den Nationalsozialisten gelitten haben, hat sich der Blick in die Archive mittlerweile verschoben.

„Die Arbeit zu Menschen mit Behinderung ist im Grunde abgeschlossen“, sagt Reitinger, der zu Jahresbeginn das Buch „Abgestempelt“ zur Thematik veröffentlichte. Die Aktenlage gibt den Holzwickedern aber weiter Arbeit auf: Mittlerweile konzentrieren sich die Nachforschungen auf einstige Holzwickeder jüdischen Glaubens sowie auf politisch Verfolgte.

Einige neue Fälle möchte Ulrich Reitinger vorstellen, um auf diesem Wege mit Nachfahren, Nachbarn und anderen Menschen, die die Opfern selbst oder durch Überlieferung kannten, in Kontakt zu treten.

Spurensucher erhoffen sich Erkenntnisse über die Akten hinaus

Die bisherigen Ermittlungen in den Archiven beschränken sich oft auf Wiedergutmachungsakten, da viele Verfolgte oder Hinterbliebene nach dem Krieg Entschädigungsansprüche geltend gemacht haben.

Wiedergutmachungsakten, Geburtsurkunden, in seltenen Fällen auch Fotos – um mehr über die Biografien der Opfer zu erfahren, bräuchte es die Mithilfe noch lebender Personen.

„Mittlerweile bin ich es, der oft den Nachfahren erzählt. Aber ich bin dankbar, wenn sich doch jemand meldet und mir Auskunft geben kann“, sagt Reitinger. Natürlich bekomme er auch oft Rückmeldung, die Geschichte ruhen zu lassen. Die Spurensucher treibe aber das Verdrängen und Verschweigen in der Gesellschaft über Jahrzehnte an.

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„Was wir erreichen können: Dass durch die Berichterstattung in den Familien etwas aufbricht und nach vielen Jahrzehnten damit offensiv umgegangen wird“, sagt Reitinger. Die Arbeit der Spurensucher, Veröffentlichungen, nicht zuletzt die Stolpersteinverlegungen – das habe in den vergangenen Monaten dazu geführt, dass sich Nachfahren in die VHS-Gruppe einbringen – von Opfer- und Täterseite.

Historische Akten offenbaren die schweren Schicksale Holzwickeder Nazi-Opfer

Das einstige Wohlfahrtsgebäude der Zechenkolonie Schönhausen in Bergkamen (historische Ansicht zu Artikelbeginn): Nach Übernahme der Macht errichteten die Nazis hier ein provisorisches KZ. Auch Holzwickeder wurden hierhin verbracht. Heute ist es ein Gemeindehaus. © Stefan Milk

Akten holen ein verblüffendes Schicksal in die Gegenwart

ZUR SACHE

MITHILFE IST ERWÜNSCHT

  • Wer etwas beitragen kann zu den Biografien, egal in welcher Beziehung er oder sie zum Opfer gestanden hat, kann sich bei Ulrich Reitinger melden unter Tel. (02301) 9 18 97 37 oder per Email über: Ulrich.Reitinger@yahoo.de

Reitinger hat aus aktuellen Recherchen Steckbriefe formuliert. Darunter findet sich in Oiser Schwanhort sehr wahrscheinlich der letzte Jude, der zur NS-Zeit in Holzwickede lebte – bevor ihn Repressalien durch die SA zur Flucht in den Untergrund zwangen.

Das verblüffende Schicksal Schwanhorts, der sich bis zum Ende des NS-Regimes in Dortmund versteckt hielt, fasziniert auch Reitinger. Über ihn will er demnächst weitere Details veröffentlichen.

Karl Golücke
Geboren am 15. Juli 1882 in Delgehausen, Kreis Northeim
Wohnhaft 1933: Holzwickede, Rausinger Str. 106
Beruf: Schreiner

Karl Golücke war verheiratet und Vorsitzender der SPD-Ortsgruppe Holzwickede. Im April 1933 wurde er aus diesem Grunde inhaftiert und kam ins KZ Bergkamen-Schönhausen, wo er brutal misshandelt wurde. Zurückgekehrt sah er sich laufender Schikanen der Nazis ausgesetzt, überlebte aber. 1953 starb er in Unna.

Andreas Orlowski
Geboren am 6. April 1878 in Bischofsburg (Ostpreußen)
Wohnhaft 1941: Hengsen, Schwerter Str. 17a
Beruf: Maurer

Andreas Orlowski floh aus politischen Gründen aus dem besetzten Polen. Er arbeitete vorübergehend bei Bauer Fritz König in Hengsen, wo er vermutlich auch wohnte. Nach einer unbedachten Äußerung in einer Hengsener Gaststätte kam er 1941 in Haft und wurde zu fünf Monaten Gefängnis verurteilt. 1946 heiratete er in Holzwickede und wohnte in der Rausinger Straße 52. 1956 starb Andreas Orlowski in einem Altenheim in Hamm-Oeventrop.

Oiser Schwanhort
Geboren am 4. Februar 1898 in Wasnow (Polen)
Wohnhaft 1933: Holzwickede, Wörthstr. 3 (heute: Herderstraße)
Beruf: Schneider

Nachdem Oiser Schwanhort 1935 von der SA auf der Straße zusammengeschlagen und in „Schutzhaft“ genommen wurde, floh er aus Holzwickede und tauchte in Dortmund unter, wo er sich bis Kriegsende illegal aufhielt. Der spätere Schneidermeister war unverheiratet, überlebte die Nazizeit und starb 1973 in Dortmund.

Historische Akten offenbaren die schweren Schicksale Holzwickeder Nazi-Opfer

Die Holzwickeder Straße 60 war der letzte bekannte Wohnort von Ernst Wiedemann. Der KPD-Funktionär wurde zwischen 1933 und 1945 mehrfach inhaftiert und von den Nazis schwer misshandelt. © Greis

Ernst Wiedemann
Geboren am 26. März 1896 in Dortmund-Sölde
Wohnhaft 1933: Opherdicke, Westendorfstr. 34 (heute: Holzwickeder Straße 60)
Beruf: Bergmann

Ernst Wiedemann war verheiratet und Funktionär der KPD, was 1933 zu seiner sofortigen Inhaftierung führte. Zunächst kam er ins KZ Bergkamen-Schönhausen, anschließend ins KZ Esterwegen, wo er zur Zwangsarbeit im Moor eingesetzt und gefoltert wurde. Nach schweren Misshandlungen kehrte er nach sieben Monaten zurück, es folgten weitere Inhaftierungen 1944 und 1945. Wiedemann zog später in die Natorper Straße 1. 1957 starb er in Holzwickede.

Karl Weil
Geboren am 26. Mai 1897 in Unna
Wohnhaft 1933: Holzwickede, Moltkestr. 4 (heute: Lessingstraße)
Beruf: Bergmann

Karl Weil war verheiratet, wurde 1933 wegen seiner SPD-Mitgliedschaft verhaftet und kam ins KZ Bergkamen-Schönhausen, wurde gefoltert und später ins KZ Brauweiler verschleppt. Nach dem Krieg lebte er in Dortmund-Loh, dort starb er im Jahre 1970.

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