Dass vermeintlich kleine Vereine eine Millionensumme in die Hand nehmen, um ein eigenes Gebäude zu realisieren, ist sicher nicht die Regel. Es könnte aber eine Lösung für die Zukunft sein.

Holzwickede

, 27.11.2019, 15:52 Uhr / Lesedauer: 3 min

Mitgliederschwund, immer weniger ehrenamtliche Helfer, Nachwuchsmangel: Darunter leiden viele Vereine im Land – nicht nur, aber vor allem die Sportvereine. Das ist zumindest die gefühlte Wahrheit, fragt man den einen oder anderen Vereinsvorsitzenden.

Zahlen des Landessportbundes NRW hingegen belegen eher das Gegenteil. Seit 1997 ist die Zahl der Mitglieder in Sportvereinen sogar gestiegen – von rund 4,7 auf fast 5,1 Millionen Mitglieder. Zur Statistik gehört aber auch: Lag die Zahl der Vereine um 2010 noch bei knapp 19.600, so ist dieser Wert mittlerweile um rund 1300 Vereine geschrumpft.

Fragt man den einen oder anderen Vereinsvorsitzenden, mangelt es heutzutage im Jugendbereich an sportbegeisterten Kindern, weil die so viel Zeit in der Schule verbringen. Danach bleibe keine Zeit mehr für Training. Und die Erwachsenen? Die würden die Gemeinschaft meiden. Heutzutage mache jeder sein eigenes Ding im Fitnessstudio.

Zumindest was den Nachwuchs angeht, stützen die Zahlen solche Aussagen nicht zwingend. Auf 20 Jahre gesehen folgte einem Nachwuchs-Mitgliederhoch vor zehn Jahren zuletzt wieder ein Abschwung. Da können Veränderungen im Bildungssystem eine Rolle spielen, sicher aber auch andere Faktoren – darunter grundlegende wie der demografische Wandel an sich.

Fragt man Ralf Kamp, Vorsitzender des TV Jahn Rheine im Münsterland, warum sich Sportvereine mit der Mitgliederakquise schwer tun, findet er die Antwort in den Vereinen selbst: „Weil sie für 7,50 Euro im Monat Bedingungen bieten, die nicht dem Bedarf entsprechen.“

Der TV Jahn Rheine gilt mit seinem 2017 eröffneten Sportforum als Vorbild für den Holzwickeder SC. Der möchte gerne in Kooperation mit der Turngemeinde Holzwickede die Gemeindeverwaltung von einem ähnlichen Modell überzeugen. In Rheine hat sich der Kreis Steinfurt in einen vom Verein für rund 3 Millionen Euro gestemmten Neubau eingemietet.

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Schüler und Vereinsmitglieder teilen sich das Sportforum

Der bietet neben einer Einfachturnhalle auch mehrere Gymnastik- und Fitnessräume, sanitäre Anlagen und einen Empfangsbereich. Neben Vereinsmitgliedern nutzen das Rheiner Forum auch Schüler eines Berufskollegs. Dafür zahlt der Kreis Steinfurt, der dem Verein ein Baugrundstück vermachte, auf 20 Jahre gut 1,7 Millionen Euro Miete.

Ein ähnliches Modell kann man sich auch im HSC-Aufsichtsrat mit der Gemeinde als Partner vorstellen und einer Baufläche auf dem Sandparkplatz am Schulzentrum. Dann könnten später einmal auch Schüler hier Unterricht haben.

Ein Sportforum ist nur eine Zukunftslösung, wenn es den Nerv der Holzwickeder trifft

Ein möglicher Standort für das von HSC und TGH gewünschte Sportforum wäre der Sandparkplatz am Schulzentrum. © Greis

In Rheine steht das Sportforum von 7 Uhr bis 9.15 Uhr und von 11.15 bis 15 Uhr dem Kolleg zur Verfügung. Morgens in den Zwischenstunden und nachmittags ab 15 Uhr übernimmt der Verein mit seinen Kursen und Angeboten.

BEDARFE ERMITTELN

ZUSAMMENARBEIT MIT UNNAER HOCHSCHULE

  • HSC und TGH stehen auch mit anderen Holzwickeder Vereinen im Austausch zu möglichen Bedarfen.
  • Speziell beim Thema Gesundheitssport arbeitet man zudem mit der Hochschule für angewandtes Management in Unna zusammen, um hier den Bedarf an gewünschten Angeboten zu erfassen.
  • Dazu soll im März 2020 ein Workshop mit Vertretern Holzwickeder Unternehmen, Vereinen, ausgewählten Meinungsführern, der Kommunalverwaltung, politischen Vertretern und Verbänden stattfinden.

Das wiederum ähnelt sehr den Bestrebungen, die auch der HSC in den vergangenen Jahren im Bereich Gesundheitssport in Angriff genommen hat. Die Gesundheitsabteilung des Vereins mit knapp 180 verschiedenen Kursen hat rund 2000 Teilnehmer und ist auch in Unna, Schwerte, Bönen und anderen Kommunen im Kreis aktiv.

„Als wir damit angefangen haben, kam das nicht überall gut an. Wir würden damit nur Geld machen wollen“, sagt Gesundheitssportleiterin Susanne Werbinsky. Sie wiederum sagt, dass man nur auf entsprechende Bedarfe reagiert habe, die Vereine vor Ort nicht bedachten. „Wir bekamen natürlich keine Hallenzeiten über die Kommunen, aber dennoch Räume an anderer Stelle, weil beispielsweise der Bedarf für Kindersport einfach da war“, so Werbinsky.

Bewegung für ältere Mitbürger aber auch für Kinder – darauf liegt auch in Rheine ein Fokus. Denn diese Zielgruppen lockt das nahegelegene Fitnessstudio eher nicht. Aber dennoch sei eine professionelle Infrastruktur heutzutage ein Muss, denn natürlich stehe man in Konkurrenz zu den gewerblichen Anbietern.

Ein Sportforum ist nur eine Zukunftslösung, wenn es den Nerv der Holzwickeder trifft

Ein großer Schwerpunkt liegt in Rheine auf Bewegungsangeboten für Kinder. © TV Jahn Rheine

„Klar, kann ich sagen: Du zahlst 5 Euro im Monat für einen Fitnessraum ohne Dusche. Oder ich mache es richtig. Mit ausgebildeten Trainern, mit Fitnessstudio, mit sanitären Anlagen etc.“, sagt Ralf Kamp und fügt an: „Wir machen das nicht, weil wir schick sein wollen, sondern weil der Bedarf da ist.“

Wer in Rheine Mitglied wird und Zugang zu Fitnessstudio und -kursen möchte, zahlt beispielsweise 8,50 Euro Grundgebühr plus 26 Euro für die Fitnessabteilung.

Bedarf realistisch einschätzen und danach handeln

Susanne Werbinsky teilt die Meinung des Vereinsvorsitzenden aus Rheine in vielen Punkten. Ausgebildete Trainer, zertifizierte Kurse – das gibt es in Holzwickede bereits: „Das spricht sich rum und sorgt für neue Trainer. Die könnten nebenbei auch im Fitnessstudio arbeiten, kommen aber zu uns – eben wegen der Gemeinschaft“, so Werbinsky.

„Relevant ist, was die Menschen vor Ort wollen und was sie bereit sind, dafür zu zahlen.“
Ralf Kamp, Vorsitzender TV Jahn Rheine

In den ersten Dezembertagen plant der HSC-Aufsichtsrat ein Treffen mit der Verwaltungsspitze, um auszuloten, wie eine mögliche Partnerschaft zwischen Vereinen und Kommune aussehen kann.

Nach möglichen Fallstricken für solch ein aufwendiges Projekt gefragt, macht Ralf Kamp vom TV Jahn Rheine klar: „Die Entscheider dürfen nicht glauben, etwas machen zu müssen, das sie für wichtig halten. Ich kann nicht sagen: Jetzt setzen wir hier eine schöne Bar mit rein, weil der Kamp da gerne mal ein Bier trinkt. Relevant ist, was die Menschen vor Ort wollen und was sie bereit sind, dafür zu zahlen.“

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