Routinierte Retter erleben Rauch und Schreie in der Dunkelheit: Eine Übung der Feuerwehr in Holzwickede gibt Einblicke in ein spannendes Ehrenamt.

Hengsen

, 09.11.2019, 22:23 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es ist dunkel im Raum. Alles ist voller Rauch. Hilfeschreie schallen aus der Finsternis und werden lauter. Wer das hört, dem stellen sich die Nackenhaare auf. Da ist ein neues Geräusch: das Zischen und Pusten von Pressluftflaschen. Zügig und routiniert tasten sich zwei Gestalten mit schwerer Ausrüstung durch die finsteren, verwinkelten Räume. Die Feuerwehr ist da.

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Bei einer spannenden Übung ließen sich die Feuerwehrleute des Holzwickeder Löschzugs 2 in Hengsen über die Schulter schauen. Der fiktive Einsatzort war die Offene Ganztagsschule der Paul-Gerhardt-Schule. Mit der Meldung „Verpuffung in der Küche“ wurden am Samstagnachmittag 23 Feuerwehrleute alarmiert. Drei vermisste Personen galt es, in den verrauchten Räumen zu finden und in Sicherheit zu bringen. Das für die Jahresabschlussübung aufgebaute Szenario vermittelte beeindruckend einen Eindruck davon, wie es bei solchen Einsätzen zugeht.

Routinierte Helden holen Opfer aus dem Rauch- so läuft Feuerwehrübung in Holzwickede ab

Das ist die Lage: Einsatzleiter Oliver Engelberg (r.) instruiert seine Gruppenführer, erkennbar an den roten Westen. © Udo Hennes

Arbeitsteilung ohne Hektik

Hektisch ist es nicht. Der Einsatzleiter erkundet die Lage. Löschfahrzeuge haben schon weitere Kameraden in voller Montur gebracht. Je zwei Feuerwehrleute bilden Angriffstrupps mit Atemschutzausrüstung. Wassertrupps rollen Schläuche aus und schließen sie erst einmal an dem großen Tanklöschfahrzeug an. 3000 Liter hat der Löschzug 2 immer dabei. Wenn mal auf die Schnelle kein Hydrant zur Verfügung steht, reicht dieses Wasser fürs Erste aus. „Für einen 08/15-Küchenbrand würde das genügen“, sagt Feuerwehrmann Lars Luicke. Schnell findet der Wassertrupp auch den Zugang zur Trinkwasserleitung neben dem Schulgebäude und schließt den Schlauch an. Der Angriffstrupp ist jetzt schon drinnen.

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Feuerwehr Holzwickede: Übung in Hengsen

Dichter Rauch, überzeugende "Opfer", routinierte Helden: Der Löschzug 2 der Holzwickeder Feuerwehr gewährt bei einer Übung in Hengsen spannende Einblicke.
09.11.2019
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Vorbesprechung: Oliver Engelberg, stellvertretender Löschzugführer, erklärt seinen Kameraden kurz vor dem Einsatz, worum es geht an diesem Samstagnachmittag.© Raulf
Und schon läuft der fiktive Einsatz: Einsatzleiter Engelberg weist die Gruppenführer vor der OGS der Paul-Gerhardt-Schule in die Lage ein.© Udo Hennes
Schnell und routiniert baut der Schlauchtrupp die Löschwasserversorgung auf. © Udo Hennes
Und rein geht's: Immer zwei Leute bilden einen Angriffstrupp.© Udo Hennes
Es gilt, nach einer Verpuffung in der Schulküche drei Vermisste zu retten. © Udo Hennes
Dieses Gerät ist lebenswichtig, damit Retter nicht zu Opfern werden. Es zeigt den verbleibenden Druck in der Atemluftflasche an und gibt Alarm, wenn sich der Träger längere Zeit nicht rührt.© Raulf
Draußen wird weitergearbeitet. Feuerwehrleute bereiten die Versorgung Verletzter vor.© Udo Hennes
Drinnen ist wenig zu sehen. Es ist dunkel und verraucht. Doch die Vermissten sind schnell entdeckt.© Udo Hennes
Keine Übungspuppen, sondern echte Menschen müssen die Feuerwehrleute aus dem Gebäude holen. Das ist an diesem Samstag dem Engagement des DRK Holzwickede zu verdanken.© Udo Hennes
Geschafft: Eine Frau und zwei Kinder sind aus dem Rauch gerettet. Ihre Hilfeschreie gehen durch Mark und Bein.© Udo Hennes
Draußen nehmen die Leute vom DRK die Verletzten in Empfang.© Udo Hennes
Rotes Kreuz und Feuerwehr... © Udo Hennes
... arbeiten Hand in Hand. So funktioniert es auch im Ernstfall.© Udo Hennes
Die Verletzten sind in Sicherheit, die Arbeit am und im Gebäude geht weiter. Mit einem Hochleistungslüfter wird der Rauch aus den Räumen gepustet.© Udo Hennes
An diesem Tag sind "Gaffer" willkommen: Die routinierte Arbeit der Holzwickeder Feuerwehrleute...© Udo Hennes
...wird von zahlreichen Schaulustigen verfolgt. © Udo Hennes
Das DRK zeigt den Zuschauern auch das Innere eines Rettungswagens.© Udo Hennes
Ebenso gern gehen die Feuerwehrleute auf Tuchfühlung. Sie sind Holzwickeder Bürger wie alle anderen - und retten ehrenamtlich Menschenleben.© Udo Hennes

Zweiertrupps mit Atemschutz

Immer zu zweit suchen die Feuerwehrleute im undurchsichtigen Rauch nach Menschen. „Dabei versuchen wir uns breit zu machen“, erklärt Feuerwehrmann Luicke. Der Trupp geht an der Wand entlang, reicht aber möglichst weit in den Raum hinein. Der Truppführer hat eine Axt dabei, der zweite Mann das C-Rohr. Beide müssen sich vor allem auf ihr Gehör und ihren Tastsinn verlassen. „Wenn es wirklich brennt, sieht man gar nichts mehr“, sagt Luicke. Da sind die Vermissten, eine Frau und zwei Kinder. Sie schreien, sehen schwer verletzt aus. Die Feuerwehrleute tragen sie nach draußen. Hier sind zahlreiche Zuschauer, die die dramatisch gespielten Szenen verfolgen. Ein paar Minuten nur hat es gedauert, und die Verletzten sind in Sicherheit.

Routinierte Helden holen Opfer aus dem Rauch- so läuft Feuerwehrübung in Holzwickede ab

Rauch und echte „Opfer“ anstelle von Dummys sorgten für eine realistische Atmosphäre. © Udo Hennes

Der tödliche Rauch

Im Ernstfall muss es schnell gehen. Nicht Feuer, sondern der tödlich giftige Rauch ist in der Regel das lebensgefährliche. „Drei tiefe Atemzüge, und man wird bewusstlos“, nennt Luicke eine Faustregel. Nach rund 15 Minuten im Rauch kann ein Mensch noch reanimiert werden, länger darf es nicht dauern. Umso wichtiger seien Brandmelder, die bei Rauch in Räumen sofort Alarm geben.

Tolle „Opfer“

DRK unterstützt Übung

Die Zusammenarbeit mit dem Deutschen Roten Kreuz, Ortsverein Holzwickede, hat die Übung des Löschzugs 2 besonders realistisch gemacht. Das DRK stellte Rettungskräfte und Opfer: Carina Timpeltei und die Geschwister Lea-Marie und Niklas Grund aus Holzwickede waren „verletzt“ geschminkt und ihre Schreie erzeugten eine Atmosphäre, die die dankbare Feuerwehr-Einsatzleitung lobte.

Wäschekorb als Todesfalle

Die drei Verletzten sind in Sicherheit. Die Feuerwehr hat indes im Gebäude noch weiter zu tun. Die Angriffstrupps gehen noch einmal systematisch die Räume durch, öffnen auch Schränke und erkunden enge Winkel. „Kleine Kinder verstecken sich oft“, erklärt Luicke. Wäschekörbe, Kleiderschränke, Drempelnischen - undenkbar, wenn darin jemand unentdeckt bliebe. Die Schläuche bleiben an diesem Tag trocken. Natürlich soll in der gerade erst neu gebauten OGS kein Schaden angerichtet werden.

Aber die weitere Arbeit in den Räumen verläuft nach System. Bevor ein Fenster geöffnet wird, durch das endlich der künstliche Rauch abziehen kann, muss eine Anweisung der Einsatzleitung gegeben haben. Rauch und Hitze sollen möglichst gezielt durch das Gebäude geleitet werden, auch um die Arbeit der Wehrleute nicht zu gefährden.

Kameraden schützen sich gegenseitig

Natürlich sollen die Feuerwehrleute nicht nur Opfer retten, sondern auch selbst die Einsätze unbeschadet überstehen. Zur Ausrüstung gehört für jede Einsatzkraft ein Totmannwarner: Bewegt sich die Person für 30 oder 40 Sekunden nicht, piept das Gerät, immer lauter. Ist jemand im Einsatz zum Beispiel bewusstlos geworden, bekommen seine Kameraden das auf diese Weise mit. „Deswegen steht am Gebäude auch immer ein Sicherheitstrupp“, erklärt Luicke. Nach und nach wird dem Laien klar, warum bei einem Gebäudebrand so viele Feuerwehrleute nötig sind.

Personalien

Befördert und verlängert

Im Rahmen der Jahresabschlussübung wurden auch zwei Personalangelegenheiten offiziell verkündet:
  • Lars Luicke wurde befördert zum Unterbrandmeister.
  • Jan Stappert bleibt für weitere sechs Jahre Einheitsführer des Löschzugs 2.

Verantwortung für Bürger, die Spaß macht

Lars Luicke ist einer der 83 Freiwilligen Feuerwehrleute von Holzwickede. Dort leistet er in seiner Freizeit Dienst. Hauptberuflich ist er Feuerwehrmann in einem Nachbarkreis. Der 23-Jährige ist seit seinem 18. Geburtstag bei der Feuerwehr, ließ sich von seinem älteren Bruder begeistern und hat es bisher nicht bereut. Er schätzt die gute Kameradschaft und die Tatsache, dass er mit dieser Aufgabe Bürgern helfen kann. Einsätze, die er nie vergessen wird, hat der junge Mann schon einige erlebt. „Wir haben eine große Verantwortung, und es macht einfach Spaß.“

Feuerwehr Holzwickede

83 Aktive, Neuzugänge willkommen

  • Die Freiwillige Feuerwehr der Gemeinde Holzwickede hat 83 aktive Mitglieder, darunter zehn Frauen. 38 Feuerwehrleute gehören dem Zug 1 an, 45 Löschzug 2.
  • Bei der Jugendfeuerwehr machen 19 Jugendliche mit, 17 Kameraden gehören der Ehrenabteilung an, sind also aus Altersgründen aus dem aktiven Dienst ausgeschieden.
  • Die Holzwickeder Feuerwehr hatte in diesem Jahr bisher 138 Einsätze.
  • Unterstützung kann die Freiwillige Feuerwehr immer gebrauchen, auch erwachsene Quereinsteiger. Interessierte zwischen 18 und 60 Jahren können sich über den Dienst in der Feuerwehr informieren. Alle nötigen Kontakte finden sich unter: www.feuerwehr-holzwickede.de

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