So arbeitet ein Hobby-Historiker mit historischen Dokumente aus drei Jahrhunderten

dzZeitreise auf Papier

Einer aufwendigen und mühsamen Arbeit hat sich Andreas Heidemann verschrieben: Er wertet historische Dokumente einer Hengser Bauernfamilie aus.

Holzwickede

, 10.08.2018, 09:37 Uhr / Lesedauer: 3 min

Familiengeschichte wird oft über Generationen von Mund zu Mund weitergegeben. Dabei verschwimmen Details, entspricht nicht immer alles den Tatsachen. Beim Blick in alte Dokumente tauchen nicht selten Widersprüche auf. Insofern historische Schriften überhaupt noch vorhanden sind und man sie lesen kann. Elke Strenge-Erbstößer hat solche Schriften, kann sie aber nicht lesen. Das übernimmt Andreas Heidemann für sie.

Der IT-Fachmann ist im Jahr 2000 aus Bielefeld nach Hengsen gezogen, bewohnt selbst ein historisches Haus an der Unnaer Straße. Die Geschichte der eigenen Bleibe, ein Fachwerkbau, der um 1900 gebaut wurde, hat Heidemann zum historischen Verein geführt, in den er sich seit Jahren einbringt. Anfang des Jahres ist Elke Strenge-Erbstößer an ihn herangetreten. „Mit meinem Erbe habe ich eine alte Holztruhe voller Dokumente übernommen. Ich kann es nicht lesen, aber Andreas Heidemann kann und geht voll darin auf“, sagt Strenge-Erbstößer.

Seitdem sind die mitunter Hunderte Jahre alten Dokumente in Heidemanns Obhut, die er Seite für Seite analysiert. Weil die Schriften mitunter sehr empfindlich sind, digitalisiert der 57-Jährige jedes einzelne Schriftstück und verwendet dafür eine spezielle Technik. Auf das Einscannen verzichtet er – zu umständlich und es schont die Dokumente nicht. „Dafür habe ich einen Karton durchgeschnitten und im 90-Grad-Winkel aufgestellt. So kann ich jedes Dokument einzeln einlegen und mit Fernauslöser fotografieren“, sagte Heidemann. Das gehe schneller als scannen und sei bei den Auflösungen der heutigen Kameras kein Problem mehr.

Historisches Dokument aus dem Jahr 1759

Immer wieder bleibt Andreas Heidemann aber an Dokumenten hängen. Zum Beispiel am ältesten Schriftstück aus dem Jahr 1759: „Das ist im Kommando-Ton gehalten. Der Ortsvorsteher Strenge sollte einen Wagen mit Pferden zum Warentransport von Werl nach Unna bereithalten

Andernfalls drohte ihm wohl Ungemach“, fasst Heidemann den Inhalt zusammen. Inwieweit er die Handschriften entziffern kann, kommt immer darauf an: „Manche Schriften wiederholen sich. Das liegt auch an der eigenen Erfahrung und inwieweit bestimmte Worte auftauchen“, sagt Heidemann. Geduld und Digitalisierung führen zum Kontext: „Das Schöne ist ja, dass ich im Nachhinein auf dem Bildschirm einzelne Passagen und Wörter vergrößern kann“, sagt Heidemann. Das sei beim Lesen wichtig, weil das Gehirn ähnlich aussehende Buchstaben oft verwechselt.

Mit alten Dokumenten kam Andreas Heidemann erstmals vor 20 Jahren in Berührung. „Da habe ich die Feldpost des Großvaters für die Familie entziffert.“ Schaut Heidemann heute als Zugezogener auf historische Fotos aus der Gegend, achtet er auf die Details. „Es gibt ein Foto mit der Belegschaft der Textilfirma Kühnholz zu Beginn des vorigen Jahrhunderts, die sich vor dem Schwarzen Adler aufgestellt hat“, sagt der IT-Fachmann. Am Rande des Fotos entdeckte Heidemann eine Leuchtreklame am Gebäude, das heute das Restaurant Bambusgarten beheimatet. „Zu der Zeit und auf ländlichem Gebiet – das ist schon faszinierend“, sagt der 57-Jährige.

150.000 Reichsmark für Truppenübungsplatz

Für Elke Strenge-Erbstößer, die ihre Eltern früh verloren hat, ist Heidemanns Arbeit die einzige Chance, mehr über ihre Familiengeschichte zu erfahren. Der jetzige Hof Erbstößer war früher der Schulte-Hof der Großmutter. Ihr Großvater heiratete ein. Der frühere Strenge-Hof lag zwischen Unnaer- und Oststraße und existiert nicht mehr. „Einiges, was man aus Erzählungen kennt, stellt sich nun ein bisschen anders da“, sagt Strenge-Erbstößer. So sei sie davon ausgegangen, dass ihre Vorfahren Mitte der 1930er-Jahre das Grundstück für den Truppenübungsplatz durch Zwangsenteignung verloren haben. „Da ist aber durchaus Geld für geflossen“, sagt Strenge-Erbstößer. Rund 150.000 Reichsmark waren es laut der Unterlagen. „Inwieweit Strenge damals aber zum Verkauf genötigt wurde, lässt sich heute natürlich schwer sagen“, wendet Heidemann ein.

Dass die Dokumente später veröffentlicht werden, damit hat Elke Strenge-Erbstößer kein Problem: „Das ist alles geschehen und vielleicht auch für andere interessant.“ Andreas Heidemann würde es begrüßen, wenn sich noch mehr Menschen melden, die der Heimatforschung historische Quellen zur Verfügung stellen. Auch wer bei der Auswertung helfen möchte, ist willkommen. „Wir stellen das alles in die Cloud. Wer mitmacht, kann jederzeit und überall auf die Daten zugreifen“, sagt Heidemann.

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