So arbeiten Ehrenamtler mit demenzkranken Menschen

dzCafé Yesterday

Demente Menschen pflegen, das kann eine Vollzeitbeschäftigung sein. Damit Angehörige eine Pause bekommen, öffnet das Café Yesterday – auch in den Ferien.

Holzwickede

, 15.08.2018 / Lesedauer: 4 min

Alfons Kittel kommt aus Opherdicke. Das ist wichtig. Opherdicke ist nicht Holzwickede. Er kam vor Jahrzehnten aus Bayern in die Region. Seinen Zungenschlag hört man noch immer heraus. Kittel war am Aufbau des Westfalenparks beteiligt, arbeitete im Steinbruch in Opherdicke. Er erzählt davon klar und deutlich. Ein aufgeräumter, netter Herr mit wachen Augen. Alfons Kittel ist 97 Jahre alt, sieht viel jünger aus und ist ältester Gast im Café Yesterday.

Schein und Sein – so wie sich äußerlich nicht darauf schließen lässt, dass Alfons Kittel bereits 1921 geboren wurde, ist es nicht möglich zu wissen, inwieweit die Demenz die Betroffenen bereits im Griff hat. Zumindest nicht ohne entsprechende Erfahrung. Joyce Hösch und ihre acht Mitstreiterinnen haben diese Erfahrung. Und sie bringen sie ein, damit pflegende Angehörige dementer Menschen eine Pause bekommen. Sie machen das ehrenamtlich, sie wechseln sich ab. Damit auch in den Ferien jeden Dienstag das Café Yesterday öffnet und demenzkranke Menschen im Gemeindehaus an der Goethestraße gemeinsam Zeit verbringen können. „Die Pastoren und die Kirchengemeinde helfen uns sehr. Mit den Räumlichkeiten hier, aber auch mit dem Kirchenbus. Auch das Pertheshaus stellt uns einen Bus bei Bedarf“, sagt Hösch.

Ohne diesen Rahmen wäre das Angebot nicht möglich. Ihn ausfüllen, das müssen aber die Betreuerinnen. Wöchentlich wechseln die Aufgaben für den Einkauf und für Aktivitäten mit den Senioren. Joyce Hösch koordiniert die Kolleginnen und erstellt die Dienstpläne.

Wenn das Café dienstags um kurz nach 9 Uhr öffnet, wird vor dem Frühstück ein Dankeslied gesungen, dann gegessen und im Anschluss folgen Spiele, Geschichten, ein Ausflug in den Emscherpark oder auch in die Kleingartenanlage am Oelpfad. Demnächst soll es zum Essen in den Milchhof nach Mühlhausen gehen.

Positive Gespräche gegen die Demenz

Während des Frühstücks wird viel gelacht, animieren Hösch und Co. die Gäste immer wieder, selbst zu erzählen. Christel Böhnke ist seit der Eröffnung des Cafés im September 2015 regelmäßiger Gast. Wirkt sie zunächst teilnahmslos, blüht sie auf, als sie nach ihrer Herkunft gefragt wird. Sie sei nach dem Krieg aus Ostpreußen gekommen, ihre erste Reise alleine als junge Frau im Zug. Das Melken habe sie dann bei einem Förster gelernt. Das ist auch für Joyce Hösch neu. „Ich schreibe das im Anschluss sofort auf“, sagt Hösch. Beim nächsten Termin wird sie Christel Böhnke darauf ansprechen. Gute Zeiten aufleben lassen, darüber reden, das ist wichtig. „Wir konzentrieren uns auf positive Gespräche. Negatives kann dazu führen, dass Ängste hochkommen. Davor, dass sich der eigene Zustand verschlechtert“, sagt Hösch.

So arbeiten Ehrenamtler mit demenzkranken Menschen

Betreuerin Christel Berkemann (r.) hat Anfang August ihren 72. Geburtstag gefeiert, dafür gab es am Dienstag nachträglich ein Plakat von Joyce Hösch im Namen der Gäste. © Marcel Drawe

Nicht nur Gespräche helfen. Wenn den Café-Gästen eine Geschichte vorgelesen wird, werden möglichst viele Sinne beansprucht. Dann liegen zum Beispiel Blumen zum Riechen und Tasten parat, um die Erinnerungen aufzufrischen. Dann kann ein Außenstehender nicht erkennen, dass Alfons Kittel bereits 97 Jahre alt und dement ist. „Das ist auch ein Talent. Die Demenz zu verschleiern“, sagt Hösch. Als Betreuerin müsse man indes gut beobachten können. „Wenn die Betroffenen schlechter hören oder sehen, ziehen sie sich zunehmend zurück. Das fällt Angehörigen manchmal im täglichen Umgang nicht auf. Wir geben dann schon mal den Tipp, den Arzt aufzusuchen“, sagt Hösch.

Angehörige dürfen Verantwortung abgeben

Sie und einige andere Betreuerinnen sind entsprechend ausgebildet. Eine medizinische Fachkraft ist immer im Dienstplan vorgesehen. Wer den anwesenden Betreuerinnen beim Frühstück die Frage nach der Motivation stellt, bekommt keine bedeutungsschwere Antwort, sondern eine pragmatische: Man mache das, weil man es leisten kann. „Das Café soll es Angehörigen erleichtern, die Fremdbetreuung anzunehmen. Da liegt die Hemmschwelle sehr hoch“, sagt Hösch. Viele Menschen würden sich nicht trauen, Verantwortung abzugeben. Wenn sie es doch tun, weiß Joyce Hösch, dass sie dadurch ein Luxus erfahren, der für andere Menschen selbstverständlich ist: „Wenn ich Angehörige frage, wie sie die freie Zeit genutzt haben, höre ich oft: ‚Ich habe geschlafen. Einfach mal geschlafen.“

Neun ehrenamtliche Betreuerinnen teilen sich die Aufgaben im Café Yesterday. In den drei Jahren seit Bestehen haben insgesamt 30 Demenzkranke das Café besucht. Derzeit nutzen zehn Gäste das Angebot. Das Café Yesterday ist aus einem Kurs zu Demenz der Diakonie Ruhr Hellweg entstanden. Jeder Gast zahlt 20 Euro an die Diakonie Ruhr Hellweg pro Besuch. Das Geld fließt ins Bugdet des Cafés. Gäste können sich die Kosten über das Betreuungsgeld erstatten lassen. Außerhalb der Ferien öffnet das Café Yesterday in der Regel auch freitags. Bevor ein Gast in das Café aufgenommen wird, steht mindestens ein persönlicher Besuch an, um auszuloten, ob der Gast zur Gruppe passt. Derzeit stehen drei demente Menschen auf der Warteliste.
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