Ein bisschen laufen, ein bisschen werfen – kann ja nicht so wild sein. Dachte sich unser Autor und schickte sich an, das Sportabzeichen in Gold an einem Abend abzulegen. Er scheiterte grandios.

Holzwickede

, 13.07.2020, 17:40 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ein Mittwochabend im Montanhydraulikstadion. Der Himmel grau, die Temperaturen unter 20 Grad. Aber es ist trocken. Die Bedingungen für mein Vorhaben sind vertretbar. Vor gut zwei Wochen habe ich mal wieder mit dem Rauchen aufgehört, bin nur ganze zwei Mal rückfällig geworden. Also kam mir die Idee: Du bist fit. Mach doch mal das Sportabzeichen an einem Abend.

So hart können die Anforderungen schließlich nicht sein. Wer legt das Abzeichen Jahr für Jahr ab? Kinder. Rund 570.000 waren es im Vorjahr. Dazu kommen gut 186.000 Erwachsene. Vornehmlich Senioren würde ich vermuten. Natürlich gelten für einzelne Altersgruppe unterschiedliche Leistungsanforderungen, aber das blende ich gekonnt aus.

Beim Ortsverband für Sport in Holzwickede ist mein Anliegen willkommen. Der Vorsitzende Udo Wiesemann warnt schon am Telefon: Über die 3000 Meter nicht zu schnell anfangen. Sonst fehle die Power hinten raus.

Vier Kategorien fordern je mindestens eine Disziplin

Die 3000 Meter fallen in die Kategorie Ausdauer. Stehen auf jeden Fall auf meiner Liste. Das Sportabzeichen im Deutschen Olympischen Sportbund bietet vier Kategorien mit mehreren Disziplinen. Prinzipiell braucht es eine absolvierte Prüfung in allen Bereichen: Neben der Ausdauer werden auch Kraft, Schnelligkeit und Koordination geprüft.

Prüfer Rudi Schrader erklärt die Anforderungen für die einzelnen Disziplinen. Bittere Erkenntnis nach dem Weitsprung: Für 3,90 Meter gibt es in meiner Altersklasse nicht mal einen Trostpreis.

Prüfer Rudi Schrader erklärt die Anforderungen für die einzelnen Disziplinen. Bittere Erkenntnis nach dem Weitsprung: Für 3,90 Meter gibt es in meiner Altersklasse nicht mal einen Trostpreis. © Udo Hennes

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Dafür sind an diesem Abend die Prüfer Thea Petersen, Jürgen Hauswerth und Rudi Schrader zuständig. Senioren zwischen 60 und 80 Jahren, die selbst noch das Sportabzeichen ablegen und die Zeiten nehmen, Weiten messen, Tipps geben und anfeuern.

Obfrau Brigitte Bastert sortiert derweil Prüfkarten und Corona-Formulare. Trotz Pandemie hält sich der bürokratische Aufwand in Grenzen: Die Teilnahme kostet nichts, es braucht keine Vereinszugehörigkeit. Name, Alter, Adresse angeben und schon darf man loslegen.

Nach dem Warmlaufen zitiert mich Prüfer Jürgen Hauswerth direkt zum Kraftbeweis. Der sieht außer Standweitsprung lediglich Wurfdisziplinen vor. Medizinballweitwurf, Kugel- oder Steinstoßen – kann ich alles nicht. Schon in der Schule flog der Ball bei den meisten Mädchen weiter als bei mir.

Heutzutage sagt man auch: Lauch

Der zwei Kilo schwere Medizinball scheint das geringste Übel. Drei Versuche. Der Ball muss aus dem Stand mit beiden Händen geworfen werden. Ich versuche die Einwurf-Technik aus dem Fußball – fünf Meter irgendwas. In Gedanken beschimpfe ich mich selbst als Lauch. Peinlich.

Schlechte Idee: Beim Medizinballweitwurf stellt sich heraus, dass die Wurftechnik von oben wie beim Fußball-Einwurf nicht die optimale ist.

Schlechte Idee: Beim Medizinballweitwurf stellt sich heraus, dass die Wurftechnik von oben wie beim Fußball-Einwurf nicht die optimale ist. © Udo Hennes

Sportabzeichen

Abnahme im Montanhydraulikstadion

  • Bis in den September hinein kann jeder seinen Leistungsstand in verschiedenen Disziplinen in den vier Kategorien Ausdauer, Schnelligkeit, Kraft und Kondition prüfen.
  • Im Stadion liegt der Schwerpunkt mittwochs zwischen 17 und 19 Uhr auf den Leichtathletik-Disziplinen.
  • Für Radsportler und Schwimmer gibt es in Disziplinen wie Radsprint oder 800 Meter Schwimmen gesonderte Termine.
  • Schwimmtermine sind aufgrund der Corona-Pandemie und der eingeschränkten Verfügbarkeit des Freibads Schöne Flöte aktuell noch offen. Prüfungen können theoretisch auch andernorts abgelegt werden.
  • Wer sich in den Sportarten ausprobieren möchte, kann in Sportkleidung mittwochs an der Jahnstraße vorbeischauen. Brigitte Bastert und ihr Team beantworten alle Fragen rund um das Sportabzeichen.
  • Allgemeine Informationen zum Deutschen Sportabzeichen finden sich auch unter: www.deutsches-sportabzeichen.de

„Mit beiden Händen von unten werfen“, rät mir Rudi Schrader. Mit fast 80 Jahren wird er mir später seinen flüssigen Bewegungsablauf beim Kugelstoßen zeigen. Weil seine Ansage auch so souverän klingt, folge ich seinem Rat. Im letzten Versuch würge ich mich auf 6,25 Meter. Reicht in meiner Alterklasse der 35- bis 39-Jährigen zumindest für Bronze.

Nächste Kategorie: Koordination. Hochsprung, Weitsprung, Seilspringen, Schleuderball stehen zur Wahl. Jürgen Hauswerth will mich für den ein Kilogramm schweren Ball an der Handschlaufe begeistern. Ähnlich dem Hammerwerfen muss der aufs freie Feld geschleudert werden. „Muss man bisschen aufpassen. Hat auch schon mal einen Fußballer beim Runden laufen getroffen“, mahnt der Prüfer schelmisch.

Ich passe und will lieber weit springen. Zu Schulzeiten war eine solide zwei als Note drin. Aber seit fast zwei Jahrzehnten bin ich nicht mehr auf die Sandgrube zugelaufen. Lange Schritte? Kurze Schritte? Plötzlich ist das Brett da. Beine irgendwie nach vorne werfen. Bin ich überhaupt abgesprungen? Null Koordination. Mehr als 3,90 Meter sind nicht drin – reicht für gar nichts. 20 Zentimeter fehlen zu Bronze. Gold in meiner Altersklasse gibt es erst für einen Satz auf mindestens 4,70 Meter.

Immerhin: Auch Franz Thiel hadert mit der Sandgrube. Leichtathletik betreibt der 17-Jährige bei der TGH. Ist zudem DLRG-Mitglied. Wie auch der gleichaltrige Felipe Heßmer, der über eine Ausbildung zum Rettungssanitäter nachdenkt. „Da würde sich das Sportabzeichen nicht schlecht in der Bewerbung machen.“

War da ein Absprung? Wer nach fast zwei Jahrzehnten erstmals wieder in die Sandgrube springt, der versteht, warum die Disziplin in die Kategorie Koordination fällt: Bei Anlauf und Absprung fühlt sich einfach nichts stimmig an.

War da ein Absprung? Wer nach fast zwei Jahrzehnten erstmals wieder in die Sandgrube springt, der versteht, warum die Disziplin in die Kategorie Koordination fällt: Bei Anlauf und Absprung fühlt sich einfach nichts stimmig an. © Udo Hennes

Manchmal ist einfach der Wurm drin

Thiel indes kämpft mit dem Anlauf: Seine Weiten reichen locker für Edelmetall, aber mit dem 17-Jährigen verzweifelt Prüfer Hauswerth am Absprung: Der Sportler trifft einfach das Brett nicht. Schließlich klappt es doch, aber nur mit vielen verschenkten Zentimetern.

Zum jugendlichen Trio gehört auch Nico Kienast. Das Sportabzeichen ist für ihn Routine: „Ich mache das schon seit zehn Jahren. Meist habe ich Gold nach zwei bis drei Abenden zusammen. Weil es Spaß macht, trainiere ich aber trotzdem den Sommer über weiter.“

Das ist der Spirit. Ich nehme mir den 16-Jährigen für meine letzte Herausforderung des Abends zum Vorbild: Kategorie Ausdauer. 3000 Meter. Wer zwischen 35 und 39 Jahre alt ist, muss siebeneinhalb Runden auf der Holzwickeder Aschenbahn in 15 Minuten absolvieren.

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Gold über 3000 Meter in 12:25 Minuten – da darf man sich schon mal selbst ausgiebig feiern.

Gold über 3000 Meter in 12:25 Minuten – da darf man sich schon mal selbst ausgiebig feiern. © Udo Hennes

Ich habe keine Kraft. Ich habe keine Koordination. Aber ich bin ausdauernd. Meine Kondition konnten mir über die Jahre auch die Zigaretten nicht nehmen. Schließlich habe ich oft erst nach Fußballspielen, Skifahrten oder Radtouren geraucht. Und nur selten währenddessen.

Obwohl Udo Wiesemann warnte, lege ich zu schnell los. Nach vier Runden wird es zäh, aber der Blick auf die Uhr verrät: Das wird reichen. In 12:25 Minuten komme ich durchs Ziel. Wenigstens in einer Kategorie habe ich Gold.

Aber ich werde das so nicht stehen lassen. Die Kategorie Schnelligkeit fehlt noch. Dafür gibt es beim Radsprint einen Sondertermin. Jürgen und Co. müssen zudem damit rechnen, dass ich mittwochs weiter im Stadion aufschlage: Mindestens die Rechnung mit der Sandgrube muss ich noch begleichen.

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