Stoffe für alle Lebenslagen schneidet Heike Willingmann je nach Wunsch zurecht. Dafür kommen die Kunden auch aus den Nachbarorten, um sich etwa mit dem Material für einen Babysack, der dann in Heimarbeit entsteht, einzudecken. © Greis
Coronavirus

Selbstständig in Holzwickede: „Bloß kein Lockdown mehr“

Der Türverkauf ist passé und demnächst sitzen auch Kinder wieder an den Nähmaschinen: Dennoch haben anderthalb Jahre Corona-Pandemie ihre Spuren im Nähladen von Heike Willingmann hinterlassen.

Nimmt man zur Grundlage, was die angehende Regierungskoalition aus SPD, Grünen und FDP unter der Woche deutlich machte, nämlich das Land wegen des Coronavirus keinesfalls mehr in einen Lockdown zu schicken, dann dürfte Heike Willingmann beruhigt sein. Andererseits: Welche Aussagen aus der Politik mit Bezug auf das Virus waren in den vergangenen anderthalb Jahren schon sicher?

So wurde Gewerbetreibenden schließlich schnelle und unkomplizierte finanzielle Hilfen versprochen. Dass die letztlich mit zahlreichen bürokratischen Fallstricken verbunden und letztlich mitunter keine wirkliche Hilfe waren, die Erfahrung hat auch die Betreiberin von „Näh‘ dich glücklich“ an der Bahnhofstraße gemacht.

Corona-Finanzhilfen waren ein zweischneidiges Schwert

Im Vorjahr beantragte Hilfen hat sie mittlerweile zurückgezahlt. „Es war irritierend, dass es erst hieß, man könne die Hilfen behalten. Aber mir war klar: Wenn das Geschäft wieder läuft, zahlst du auch zurück.“ Am Ende reifte bei Willingmann zwar die Erkenntnis, dass finanzielle Hilfen einfacher und höher ausgefallen wären, wenn sie ihren Laden einfach geschlossen hätte, aber gar nicht arbeiten? Keine Option.

Zumal Nähen wie viele Handarbeiten insbesondere in Lockdown-Zeiten einen Boom bei den Menschen erlebte. Für die Einzelunternehmerin eine paradoxe Zeit: Die Nachfrage nach Stoffen, Beratung, Kursen war da, aber Letztere durfte sie über Monate nicht anbieten, sind erst seit Juni dieses Jahres wieder eine Option.

Zwischen Oktober und November rückt auch für Heike Willingmann das Weihnachtsgeschäft näher. Bei ihr gibt es etwa passende Säcke für selbstgemachte Adventskalender. Auch wer nicht selbst näht, findet in ihrem Laden eventuell etwas Besonderes: Denn was die Damenschneiderin selbst fertigt, verkauft sie auch in ihrem Laden. © Greis © Greis

Willingmann improvisierte: Ihre Produkte stellte sie via Instagram ins digitale Schaufenster, Beratung lief über Whatsapp und der Verkauf an der Ladentür. „Für den Stoffladen war das vergangene Jahr daher dennoch gut. Aber vor allem im laufenden Jahr wurde es schwierig, weil sich die Corona-Bedingungen ständig änderten, man immer wieder anpassen musste.

Die Zeiten ohne Kundschaft im Laden hat sie genutzt, um das Interieur anzupassen. Frische Farbe an die Wand, ein neues Regal, das Sortiment anpassen. Außerdem hat sie in Eigenregie einen Internet-Shop an den Start gebracht. „Das läuft zwar über einen Anbieter, aber so simpel wie der die Umsetzung verspricht, ist das auch wieder nicht“, sagt Willingmann und lacht.

Online-Geschäft bringt noch überschaubare Umsätze mit sich

Dass sie seitdem nonstop mit Päckchen schnüren befasst ist, das allerdings ist nicht der Fall: „Klar, da ging auch mal ein Paket nach Potsdam. Aber es ist eher so, dass sich Stammkunden über den Shop Inspiration holen und dann persönlich vorbeikommen.“ Die Kunden im Laden – so hat sie es auch am liebsten und freut sich, wenn aus Menschen aus Dortmund oder Unna den Weg an die Bahnhofstraße finden. „Ich mag ja auch das persönlich Gespräch und die Beratung an meiner Arbeit.“

Zu der gehören seit Sommer eben auch wieder diverse Nähkurse, für die es im November und Dezember vereinzelt auch noch freie Plätze gibt. Eine Übersicht vom Morgenklub bis zum Abendkurs findet sich auf der Näh-dich-glücklich-Webseite. Hier finden sich zudem Infos zu Kinder-Nähkursen, die Heike Willingmann im Dezember zunächst mit zwei Einzelterminen und ab Januar dann auch mit regelmäßigen Termine wieder bedienen möchte.

Sie hofft, dass die Zeit der Ungewissheiten dauerhaft vorbei ist und möchte vor allem eines: „Bitte nie wieder Lockdown. Solch eine belastende Situation möchte ich nicht wieder erleben müssen.“

Über den Autor
Redaktion Holzwickede
Jahrgang 1985, aufgewachsen auf dem Land in Thüringen. Fürs Studium 2007 nach Dortmund gekommen. Schreibt über alles, was in Holzwickede passiert. 17.000 Einwohner mit Dorfcharakter – wie in der alten Heimat. Nicht ganz: Dort würden 17.000 Einwohner locker zur Kreisstadt reichen. Willkommen im Ruhrgebiet.
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Christian Greis

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