Seit 65 Jahren Meister: Mit 500 Mark gründete Maurer Gieselmann einst seine Baufirma

Eiserner Meisterbrief

Vor 65 Jahren legt Heinrich Gieselmann seine Meisterprüfung ab. Damals lässt sich noch mit 500 Mark eine Firma gründen. Und so mancher Ehemann folgt noch der Frau.

14.04.2019 / Lesedauer: 5 min
Seit 65 Jahren Meister: Mit 500 Mark gründete Maurer Gieselmann einst seine Baufirma

Heinrich Gieselmann mit seinen Meisterbriefen. Der eiserne fehlt noch, weil die Handwerkskammer 2014 vergaß, dem Senior den diamentenen zu übergeben. Deshalb bekam er jetzt erst einmal Diamant. Eisen gibt‘s dann im nächsten Jahr. © Marcel Drawe

Das jedenfalls habe er immer getan, sagt der 94 Jahre alte Maurermeister, unter dessen Kelle halb Holzwickede entstanden ist. So hat er zum Beispiel das alte Feuerwehrhaus in Opherdicke gebaut, in das bald die Wasserversorgung einziehen wird. Jüngst hat Gieselmann von der Handwerkskammer einen diamanten Meisterbrief erhalten, obwohl es diesen eigentlich schon vor fünf Jahren hätte geben sollen. „Die hatten mich 2014 vergessen. Deshalb habe ich mich diesmal gemeldet“, schmunzelt der Senior, der es der Kammer offenbar nicht übel nimmt, dass es den eisernen Meisterbrief nun erst im nächsten Jahr nachgereicht gibt.

Seit 65 Jahren Meister: Mit 500 Mark gründete Maurer Gieselmann einst seine Baufirma

Eines der bekannteren Gebäude, das Heinrich Gieselmann gebaut hat, ist das ehemalige Gerätehaus Opherdicke. © Marcel Drawe

Gesellstück war eine Wand in der Zechensiedlung Königsborn

Trotzdem: Stolz ist er schon darauf, sagt er - und blickt zurück auf ein langes, bewegtes Arbeitsleben. Als 1949 die Zechensiedlung in Königsborn gebaut wird, darf er Hand anlegen. „Mein Gesellenstück war‘s“, so Gieselmann. Er erinnert sich genau, wie er für die Gesellenprüfung die Klinkerarbeiten an der ersten Wand im Erdgeschoss übernehmen sollte. „Besonders die Fenster waren knifflig“, sagt er und zeichnet direkt ein Bild davon, wie er mithilfe eines gebogenen Brettes den Fensterbogen mauerte. „Das ist nicht so einfach, der Schlussstein muss passen“, sagt er. Und natürlich passte er bei der Prüfung perfekt.

Seit 65 Jahren Meister: Mit 500 Mark gründete Maurer Gieselmann einst seine Baufirma

Die Pinnchen-Maurerkelle war früher sehr beliebt und durfte bei keinem Richtfest fehlen. © Marcel Drawe

Freiwilliger Dienst bei der Luftwaffe statt Todeskommando

Eigentlich hatte Heinrich Gieselmann zunächst gar nicht vorgehabt, Maurer zu werden. „Aber wir waren keine Nazis. Und deshalb durfte ich eine Stelle, die mir bei Hoesch angeboten wurde, nicht antreten“, erinnert er sich. Die Versuche, ihn zur Mitgliedschaft in der Hitler-Jugend zu zwingen, seien so weit gegangen, dass man ihn zum Todeskommando schicken wollte, sollte er sich weiterhin weigern. „Da habe ich mich als freiwilliger Soldat gemeldet“, berichtet Heinrich Gieselmann. Bei der Luftwaffe wurde er zum Flieger ausgebildet.

1954 einwöchige Klausur für die Meisterprüfung

Nach dem Krieg begann er dann eine zweijährige Umschulung bei der Firma Karl Wolf zum Maurer, die 1949 mit besagter Gesellenprüfung endete. Doch Heinrich Gieselmann wollte mehr: selbstständig sein. Deshalb meldete er sich zur Meisterprüfung an. Und hätte sie 1954 fast in den Sand gesetzt.

Seit 65 Jahren Meister: Mit 500 Mark gründete Maurer Gieselmann einst seine Baufirma

Heinrich Gieselmann balanciert 1954 leichtfüßig über eine frisch hochgezogene Mauer. Damals stand gerade im Auftrag der Firma Möckel ein Hausbau in Kirchhörde auf dem Programm. © Jacobi

Das Meisterstück: „Oh, oh, oh“

Nach seinem Meisterstück befragt, hebt er die Schultern und sagt nur: „Oh, oh, oh.“ Dann lacht er. „Meine erste Frau“, bericht Gieselmann, „war sehr sensibel.“ Als er zur Meisterprüfung fünf Tage lang nach Dortmund zur Handwerkskammer musste, befragte seine Frau ihn am ersten Abend, wie es denn gelaufen sei. „Ich habe gesagt, war gut, ich muss aber noch ein wenig etwas nachschlagen“, erinnert er sich. Ein Fehler, wie sich zeigte. Die Frau wurde von einer Minute auf die andere so krank, dass er sich die ganze Nacht um sie kümmern musste.

Auf dem Weg zum Meister musste Gieselmann aus Fehlern lernen

Und am nächsten Tag kam er nicht so recht weiter mit seinem Entwurf eines Kindergartens mit drüberliegendem Wohnhaus. Aber Fehler macht Heinrich Gieselmann nur einmal. „Am nächsten Abend habe ich gesagt, alles läuft wunderbar, bin mit ihr zu Bett und habe mich, als sie eingeschlafen war, an den Schreibtisch geschlichen und habe die ganze Nacht gepaukt“, lacht er. Und so konnte er am Ende als erster seinen Entwurf abgeben und bestand.

Auf Geheiß der Ehefrau muss die Selbstständigkeit erst einmal warten

Doch der Traum von der Selbstständigkeit musste warten. „Meine Frau wollte das nicht. Ich hab‘ gehorcht“, sagt der Rentner ganz ernst. Als Polier arbeitete er danach bei der Firma Möckel im Tiefbau, anschließend bei Freundlieb in Hörde, für die er bei Phoenix an einer Walzenstraße baute. Zwischendurch lernt er einen Sprengmeister kennen, der ihn zwei Jahre lang mit zu den Sprengarbeiten bei Hoesch, für die Oberhausener Thyssen-Hütte und bei Krupps in Rheinhausen nimmt.

Den Sprengmeister lässt sich Gieselmann auch von seiner Frau ausreden

Als der dann aber vorschug, Heinrich Gieselmann solle doch einen Sprengmeisterschein machen, war wieder die Ehefrau davor. „Sie hat gesagt, sie lässt sich scheiden, was sollte ich machen?“ Also kündigte Gieselmann und fand eine Anstellung als Polier im Bau von Autobahnbrücken. An vier solcher Mammutbauwerke hat er mitgewirkt. Doch er ist immer unterwegs. Und das mag Ehefrau Ursula nun auch wieder nicht. Sie gibt nach zehn Jahren endlich grünes Licht für die Selbstständigkeit.

2000 D-Mark Kredit von der Sparkasse reichen für die Firmengründung

Mit 500 Mark ging Heinrich Gieselmann 1964 also zur Holzwickeder Sparkasse. Dort lieh man ihm noch 2000 Mark Startkapital dazu. „Die Löhne waren damals ja nicht so hoch“, sagt Gieselmann, der als Vollhafter die Firma gründete. „Es war schon ein Risiko, aber ich war mir sicher, dass es klappt“, erinnert er sich selbstbewusst. Und er sollte Recht behalten. Noch im selben Jahr baut seine Firma ihr erstes Haus in Holzwickede, daran erinnert sich Gieselmann noch genau. „Im November 1964, Kollmann, Landweg“, sagt er. Sechs Jahre später kauft der Firmenchef für 38.000 Mark seinen ersten Kran, acht Jahre später einen weiteren. Den dritten musste er kaufen, als das Feuerwehrgerätehaus in Ophericke in den Bau ging. „Da brauchte ich 30 Meter Ausladung, das hatten meine Kräne nicht.“

Firmensitz am Düsseldorfer Weg ab 1982

1981 baute Heinrich Gieselmann dann erstmals für sich selbst. Der Firmensitz am Düsseldorf Weg 40 entstand, gleichzeitig Wohnsitz der Familie. Als der Senior Anfang der 90er Jahre an den Ruhestand denkt, soll zunächst Sohn Hans-Dieter als Bauingenieur die Firma weiterführen und vergrößern. Doch das Vorhaben scheitert wegen privater Schwierigkeiten. „Ich bin aber ein Mensch, der Dingen nicht hinterhertrauert und schnell Entscheidungen trifft“, sagt der 94-Jährige. Also kaufte sich Heinrich Gieselmann einen Mercedes, verkaufte die halbe Firma an Martin Jauer. „Die andere Hälfte habe ich ihm geschenkt.“ Und dann? „Hinaus, hinaus, die Welt ist schön. Von Meer zu Meer, von Kap zu Kap, hau‘ ich lieber heute als morgen ab“, zitiert Heinrich Gieselmann sein Motto.

Seit dem Ruhestand durch ganz Europa gereist

Gereist ist er durch ganz Europa. Gewandert ist er. Und hat nach dem Tod seiner Frau Ursula eine späte Liebe gefunden. „Aber die Arbeit hat mich seither nie wieder interessiert. Ich könnte noch nicht einmal sagen, wie es heute in der Baubranche aussieht.“

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