163 Kinder haben die Nacht zu Freitag auf Samstag im Clara-Schumann-Gymnasium verbracht – freiwillig. Trotz Gruselgeschichten im Kerzenschein blieben die Albträume wohl aus.

18.11.2018, 16:38 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wer nicht schläft, der kann auch keine Albträume bekommen. „Wir machen durch bis morgen früh“, tönen Ansagen immer wieder aus Kindermund. Bis zur Geisterstunde gen Mitternacht war an Schlaf im Clara-Schumann-Gymnasium auch nicht zu denken – dafür sorgte der unheimliche Besuch von fünf Q1-Schülerinnen.

In der Klasse 5a von Schulleiterin Andrea Helmig-Neumann, die auch Deutsch und Biologie unterrichtet, geht es gerade um Harry Potter, der in Begleitung des Halbriesen Hagrit seine ersten Erfahrungen in der Zauberwelt macht, als es an der Klassentür klopft. Ganz in schwarz gekleidet und weiß geschminkt treten fünf unheimliche Damen in den abgedunkelten Raum. „Hallo Cara“, ruft es aus einer Ecke. Aber Cara Schneuer, Finja Lügger, Lejla Alikadic, Kaya Naujoks und Vera Jacobs bleiben in ihren dunklen Rollen, kleben einen Bannkreis ab und stellen Kerzen auf. „Ich würde gut zuhören und ihr solltet gut aufpassen“, sagt Schneuer.

Bundesweiter Vorlesetag

Aktion für bessere Bildung

Bundesweit haben sich rund 650.000 Vorleser und Zuhörer mit Aktionen in Schulen, Kitas, Bibliotheken und Unternehmen am Vorlesetag beteiligt. Das erstmals ausgerufene Jahresthema Natur und Umwelt wurde von zahlreichen Veranstaltern aufgegriffen und an ungewöhnlichen Orten umgesetzt – beispielsweise in der Bilsteinhöhle Warstein oder dem Naturkundemuseum Leipzig. Prominente wie Bundesfamilienministerin Franziska Giffey, die Journalisten Linda Zervakis, Anne Will, Peter Kloeppel oder Musiker wie Rolf Zuckowski und Modedesignerin Jette Joop beteiligten sich. Der Vorlesetag ist eine Aktion der Stiftung Lesen, der Wochenzeitung „Die Zeit“ und der Deutsche Bahn Stiftung.

Und tatsächlich rascheln die Luftmatratzen und Schlafsäcke, die Tische und Stühle auf die CSG-Flure verdrängt haben, und rücken die Fünftklässler zusammen, als sich der Geist eines verstorbenen Grafen das Silberbein von seinem Diener zurückholen will, der es dem Leichnam entwendet hatte. Das Finale der Kurzgeschichte lässt die Kinder denn auch zusammenzucken, bevor alle in Gelächter ob ihrer Schreckhaftigkeit ausbrechen.

Auch für die Geschichte eines Reisenden, der seinen eigenen Sarg tragen muss und einer jungen Anhalterin bleiben die fünf jungen Frauen aus dem Deutsch-Leistungskurs in ihren Rollen und besuchen im Anschluss auch die weiteren Klassen. „Gar nicht so einfach, den Kindern einen Schrecken einzujagen“, sind sich die Fünf im Anschluss einig. Sie haben sich freiwillig gemeldet und finden sowohl die Erprobungsstufenbibliothek als auch die Lesenacht unterstützenswert. „Wir bespaßen die Kinder gerne. Es ist super, dass die 5. und 6. Klassen so an Bücher geführt werden und hoffentlich beim Lesen bleiben“, sagt Cara Schneuer.

In der Klasse von Andrea Helmig-Neumann haben die Kinder bis zur Geisterstunde ihre eigenen Lieblingsbücher in Vierer-Teams vorgestellt und Auszüge gelesen. Gemeinsam erstellten die Kinder ein Ranking – Platz eins der Bücher wird im Anschluss für die Erprobungsstufenbibliothek angeschafft. Mit Unterstützung der Gemeinde als Schulträger, des Schulfördervereins und der Sparkasse Unna-Kamen wurde ein Raum hergerichtet und mit Büchern gefüllt. Obwohl in den Regalen noch reichlich Platz ist, hat das jetzige Sortiment mit Jugendliteratur von Astrid Lindgren bis Cornelia Funke eine mittlere vierstellige Summe gekostet. Ausgedünnt ist das Sortiment am Freitag zwar, „aber wir haben genug Bücher für alle Schüler“, sagt Helmig-Neumann.

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Die neue Bibliothek für die 5. und 6. Klassen, die Erprobungsstufe, wurde am Freitag nicht nur eröffnet, sie nahm mit der Lesenacht auch ihren Betrieb auf. Die Kinder suchten sich im Anschluss je ein Buch aus, das sie in den kommenden vier Wochen lesen. Dann wird es im Deutschunterricht besprochen. Danach wartet ein neues Buch. Die Kinder wurden vorab nach ihren Buch-Vorlieben gefragt, sollen lesen, was sie interessiert und an ihren Lieblingsbücher lernen, wie man ein Buch inhaltlich zusammenfasst, interpretiert oder die Autoren vorstellt.

Schon während in Klasse 5a die mitgebrachten Werke von zu Hause vorgestellt werden, schmökern die Kinder nebenbei in den ausgeliehenen Büchern, suchen auf ihren Luftmatratzen die bequemsten Lese-Positionen und vergraben sich in ihren Schlafsäcken. Acht Lehrer und Lehrerinnen schlagen sich freiwillig mit den Kindern die Nacht um die Ohren, passen auf, dass es nur zu zweit auf die Toiletten geht und kein Kind verloren geht.

Und weil Kinder eben Kinder sind, darf die Antwort einer Schülerin auf die Frage der Schulleiterin, was ihre Klasse bis eben so gemacht habe auch lauten: „Erst haben wir gelesen und dann gab es eine Kissenschlacht!“

Eröffnung der Erprobungsstufenbibliothek mit Ehrengast

Zur Eröffnung der Erprobungsstufenbibliothek und vor der langen Lesenacht dankte Schulleiterin Andrea Helmig-Neumann ihren Schülern und den Eltern fürs Kommen: Das sei ja nicht selbstverständlich an einem Freitagabend. Das Schulforum war jedoch gut gefüllt. Helmig-Neumann freute sich nicht nur über den Besuch der Bürgermeisterin Ulrike Drossel sowie über Vertreter der Schulaufsicht und der umliegenden Grundschulen. Ein besonderer Dank galt Josef Reding. Der 1929 in Castrop-Rauxel geborene Dortmunder Schriftsteller las die Geschichte „Ein kleiner bebrillter Ömmes“, die an seine eigene Jugend angelehnt ist.

„Persönlich habe ich ihn erst zum Jubiläum der Josef-Reding-Schule getroffen. Seine Werke haben mich aber als Schülerin, Studentin und Lehrerin begleitet. Sein Besuch war mir eine Herzensangelegenheit“, sagte Helmig-Neumann. Die Schulleiterin freute sich, dass Reding die Erprobungsstufenbibliothek als tolle Idee bezeichnete, um Kinder für Bücher zu interessieren.

Schüler schmökern bis tief in die Nacht hinein in neuen Büchern

Josef Reding las zunächst eine Kurzgeschichte und ein Gedicht und bekam im Anschluss von den Schülern rote Rosen gereicht. © Greis

Reding selbst war sichtlich gerührt, dass das Publikum seiner Geschichte vom „bebrillten Ömmes“ so aufmerksam lauschte. „Das tut einem Autor immer gut“, sagte der fast 90-Jährige nach dem Applaus. Zum Dank gab es von den CSG-Schülern zahlreiche rote Rosen für den Schriftsteller und Namensgeber der Hauptschule im Schulzentrum. Neben Reding trugen auch die Schüler kurze Gedichte und Geschichten vor, um sich auf die anschließende lange Nacht des Lesens in den Räumen des Gymnasiums einzustimmen.

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