Die Zahl der Coronainfektionen in der Gemeinde ist seit Mitte Februar in wenigen Wochen um ein Vielfaches gestiegen. Das dürfte zum einen an mehr Tests liegen, aber auch am Vormarsch der britischen Corona-Mutante. © Udo Hennes
Coronavirus in Holzwickede

Reaktionen auf Aushang: Dürfen Ärzte ungeimpfte Patienten ablehnen?

Ein Arzt infiziert sich mit dem Coronavirus und will ungeimpfte Menschen vermeintlich nicht mehr behandeln. So wurde ein Aushang des Mediziners mitunter verstanden – ist aber völliger Quatsch.

Dr. Dirk Westermann aus Holzwickede wolle ungeimpfte Menschen nicht mehr behandeln – so seien folgende Zeilen auf einem Aushang an der Praxis zu verstehen: „Wenn Sie nicht gegen Covid-19 geimpft sind, betreten Sie die Praxis nicht. Aus Fürsorge für meine Mitarbeiterinnen können und müssen wir Ungeimpfte nur behandeln, wenn die Situation lebensbedrohlich erscheint… sonst nur telefonisch.“

Zugegeben: Dieser Aushang, der sich einige Zeit an der Tür befand und längst getauscht ist, war drastisch formuliert. Mittlerweile verweist ein neues Dokument auf die 3G-Regeln und brauchen Ungeimpfte vor der Behandlung einen negativen Test-Nachweis – ob mit oder ohne Symptome.

Zu seinem ersten Aushang, der unter den emotionalen Eindrücken entstanden sei, die seine Infizierung samt organisatorischer Folgen mit sich brachte, wie er selbst darlegte, hat der Mediziner im Gespräch mit dieser Redaktion klargestellt, dass er wie gehabt auch ungeimpfte Menschen behandelt.

Außer im Notfall haben Ärzte eine Wahl im Umgang mit Patienten

Und selbst die ursprüngliche Aussage, die Praxis nicht zu betreten, ist ja kein Verbot: Sie lässt sich auch so lesen, dass man ungeimpft nicht die Praxis betritt – außer es ist ein Notfall und ansonsten eben zum Telefon greift und zunächst anruft.

Dennoch gingen in der Folge von Bericht und Kommentar dieser Redaktion zum Thema diverse Anfragen und Meinungen von Lesern ein. Dabei eine wiederkehrende Reaktion: Ungeimpfte Menschen nicht behandeln? Das ist Diskriminierung, das darf der gar nicht!

Abgesehen davon, dass Dr. Westermann trotz einer unglücklichen Formulierung dies nie behauptet hat: Per se haben Mediziner durchaus eine gewisse Wahl, wen und wie sie behandeln. „Wenn Arzt oder Ärztin vor einer regulären Behandlung einen negativen Corona-Test verlangen, dürfen sie das tun“, sagt Volker Heiliger, Sprecher der Ärztekammer Westfalen-Lippe.

Als Mediziner dürfe man ja auch aufgrund der eigenen Kapazitäten entscheiden, ob man Patienten aufnehme oder nicht. Auch wenn das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient gestört sei, müsse keine Behandlung erfolgen. Heiliger betont: „Ausgenommen sind immer medizinische Notfälle.“

Dr. Westermann reagierte auf seine Corona-Erkrankung zunächst mit einem Aushang, der aus einer emotionalen Situation heraus entstand. Mittlerweile hängt ein Nachfolger an seiner Praxistür, in dem der Arzt aber auch deutlich macht, dass er es als
Dr. Westermann reagierte auf seine Corona-Erkrankung zunächst mit einem Aushang, der aus einer emotionalen Situation heraus entstand. Mittlerweile hängt ein Nachfolger an seiner Praxistür, in dem der Arzt aber auch deutlich macht, dass er es als „unvernünftig, gesundheitsschädlich und unsolidarisch“ empfindet, sich nicht impfen zu lassen. © Greis © Greis

Andreas Daniel, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe, sagt speziell mit Bezug auf Kassenärzte: „Wer Kassenpatienten behandelt, ist einem Behandlungsvertrag verpflichtet und kann nicht ohne Weiteres Patienten außen vor lassen.“ Eine Missachtung sehe er im konkreten Fall aber nicht und auf die 3G-Regeln zurückzugreifen, sei legitim. Auch er verweist zudem auf gestörte Vertrauensverhältnisse oder Kapazitätsgründe, die eine Abweisung rechtfertigen.

Ungeimpft und ungetestet kein Zugang zur Praxis? Durchaus legitim

Partei für Dr. Westermann ergreift auch Dr. Udo Pappert mit Praxis am Holzwickeder Markt: „Ich denke, ich spreche für alle Ärzte, wenn ich sage, dass wir bei der Behandlung keinen Unterschied zwischen geimpft und ungeimpft machen.“ Pappert macht aber klar, dass jede Praxis für sich entscheiden kann und muss, wie mit Patienten vor der Behandlung umgegangen wird.

Wurde mit Corona-Shirts ausgestattet: Das Praxis-Team von Dr. Udo Pappert (rechts). Der Aufdruck der Oberteile soll die Holzwickeder zur Vernunft im Umgang mit der Corona-Pandemie aufrufen.
Wurde mit Corona-Shirts ausgestattet: Das Praxis-Team von Dr. Udo Pappert (rechts). Der Aufdruck der Oberteile soll die Holzwickeder zur Vernunft im Umgang mit der Corona-Pandemie aufrufen. © arctricon GmbH © arctricon GmbH

„Bei uns kommt niemand ohne Vorgespräch am Eingang in die Praxis. Ob geimpft oder ungeimpft: Bei einer Symptomatik folgt ein Test. Wenn aber ein Sportler umgeknickt ist, nicht geimpft ist und keine Symptome aufweist: Dann kommt der auch rein.“ Damit sei er bislang sauber gefahren, habe aber auch die baulichen Voraussetzungen dafür. Dass Kollegen grundsätzlich einen Negativ-Test bei Ungeimpften verlangen, könne er aber nachvollziehen.

„Wichtig ist bei dem ganzen Thema, sachlich zu bleiben. Und da kann ich nur fürs Impfen werben“, sagt Pappert mit Verweis auf aktuell wieder mehr als Tausend Corona-Patienten auf Intensivstationen im Land. „Davon sind neun von zehn nicht geimpft und vier der neun werden beatmet“, macht Pappert deutlich.

Und klar: So wie es Dr. Westermann passiert ist, kann man sich auch nach Impfung noch anstecken, aber: „Aktuelle Daten deuten daraufhin, dass die Gefahr 15-mal geringer ist“, so Pappert. Dazu komme der Umstand, dass die Wahrscheinlichkeit eines milden Verlaufs höher ist.

Über den Autor
Redaktion Holzwickede
Jahrgang 1985, aufgewachsen auf dem Land in Thüringen. Fürs Studium 2007 nach Dortmund gekommen. Schreibt über alles, was in Holzwickede passiert. 17.000 Einwohner mit Dorfcharakter – wie in der alten Heimat. Nicht ganz: Dort würden 17.000 Einwohner locker zur Kreisstadt reichen. Willkommen im Ruhrgebiet.
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Christian Greis

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