In Holzwickede aufgewachsen, ist Roland Seide über Umwege mittlerweile in Erfurt sesshaft geworden. Mit 51 Jahren sucht er am Samstag in Siegen den Auftritt auf der großen Bühne.

Holzwickede

, 05.12.2018, 05:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Zum Glück ging die Welt nicht unter, sonst hätte Roland Seide alias Jim Flagranti den Weg zur Musik wohl nicht gefunden. Ende der 1960er-Jahre in Dortmund-Wellinghofen geboren, wuchs Seide in Holzwickede auf. „Wir haben damals an der Chaussee gewohnt. Ich fand es als Kind großartig, als die ersten Flieger gestartet sind“, erinnert sich der 51-Jährige. Die Chaussee sei damals von Pappeln gesäumt und eine echte Prachtstraße gewesen. Mit zwei älteren Schwestern und einem älteren Bruder ist Seide zwischen „Türmchen“ und der „Kleinen Kneipe“ großgeworden. Das Leben war vom Bergbau und der Landwirtschaft geprägt. „Die soziale Situation war schwierig“, sagt Seide. Zur Musik fand er zunächst über den Vater: „Er kam mit einem Kriegstrauma nach Hause, hat erst im Bergbau und später im Stahlwerk gearbeitet.“ Wenn der Vater auf dem Akkordeon musizierte, sei er ein anderer Mensch gewesen.

„Meine Mutter war bei den Zeugen Jehovas. Sie hat fest daran geglaubt, dass die Welt bald untergeht“, sagt Seide. Mitte der 1970er-Jahre habe der damalige Nordschüler deshalb mitunter im Unterricht gefehlt. Auch wenn er sich gerne künstlerisch ausdrücken wollte: Die Eltern belächelten ihn. Mit 16 Jahren ging es daher nach Phoenix West zur Ausbildung ins Stahlwerk. Wenn schon kein Schlagzeug, wie es der eigene Wunsch war, so durfte er zumindest wie der Vater Akkordeon spielen. Später folgte doch das Schlagzeug. „Da hat man sich mit 15 Jahren die Haare wachsen lassen und konnte alle Energie rauslassen“, erinnert sich Seide. Während der ersten Lehrjahre spielte er in einigen Bands, lernte auch den späteren Sodom-Gittaristen Bernemann Kost kennen. Harter Rock und Metal waren damals angesagt, auch wenn Seide das Schlagzeug später gegen ein Keyboard tauschte.

An die Arbeit im Stahlwerk erinnert er sich gut. „Man hat viel geschleppt. Überall war Kalk oder Mangan drin. Damals bekam man einen V-Body durch den Job geschenkt“, sagt Seide. Später als Staplerfahrer hat er sich vor den Schnapsrunden gedrückt, die damals Teil der Schichten waren. Sieben Tage am Stück wurde malocht, dann folgten zwei freie Tage. „Dazu gab es viel Urlaub, die Arbeit war gut bezahlt.“ Mit Anfang 20 benatragte er eine Kur, die sein Leben veränderte. „Da nimmst du eine Auszeit im Sauerland und lernst eine Hamburgerin aus dem Arbeitsamt, einen hessischen Bankdirektor und einen CDU-Politiker kennen“, sagt Seide. Der Politiker entdeckte in der Zeitung eine Berufsanzeige in der Schweiz, die Hamburgerin half noch in der Kur bei der Bewerbung und der Banker lieh den Golf II für die Fahrt zum Bahnhof. So wurde Roland Seide Anfang der 1990er-Jahre Verfahrenstechniker in der Schweiz und zog nach Luzern. „Der Sonnenaufgang in Luzern: Das hat mich versaut und ich wollte nicht mehr zurück“, erinnert sich der einstige Holzwickeder. Mit der alten Heimat verbinden ihn nur noch wenige Bekanntschaften. Dass aus Phoenix West erst ein Loch und dann ein See mit feinen Häusern ringsum wurde, erstaunt ihn noch immer.

Seine Jahre in der Schweiz nutzte Roland Seide, um aufzuholen: Er besuchte die Abendschule, betreute die Pressearbeit eines Motorradrennsportteams und verlor schließlich seinen Job. Mittellos und ohne Wohnung stand er kurz vor der Ausweisung, dann holte ihn sein ehemliger Betriebsleiter bei einer anderen Firma in den Verkauf. „Plötzlich verdiente ich richtig gut, hatte einen Dienstwagen und meine Aufenthaltsgenehmigung“, sagt Seide. Mitte der 1990er-Jahre fand er den Weg zurück zur Musik, mit 31 Jahren nahm er Gesangsunterricht. „Das wurde belächelt, aber für mich war das fast meditativ, hat Spaß gemacht und irgendwann war es auch nicht mehr peinlich.“ Zwar fing er damals an, Texte auf Hochdeutsch zu schreiben – das Material blieb aber in der Schublade. Stattdessen spielte er Irish Folk. 1999 ging es in den Urlaub nach Irland. „Mit einem Pint in der Hand habe ich in Galway auf dem Marktplatz gesungen – es flogen keine Blumentöpfe.“ Ein Jahr darauf kam Seide mit drei Kumpels wieder, um als Straßenmusiker durch Irland zu touren.

Musik alleine reicht nicht zum Leben

„In der Zeit habe ich unanständig viel verdient. Man kann sich viele Sachen kaufen, aber das bringt einen nicht nach vorne“, sagt Seide. 2003 gründete er eine neunköpfige Band: Nemo. Mit deutschen und eigenen Texten. „Die Musik kam an, wir wurden in der Schweiz im Radio gespielt, bekamen Tantiemen. Das war grotesk“, sagt Seide. Drei Jahre später die Ernüchterung: Von Musik alleine lässt sich nicht leben. Die Band trennte sich, Seide machte als Nemo Flagranti und später als Jim Flagranti solo weiter, arbeitete in mehreren Jobs, bis ihn die Liebe nach Thüringen führte. Für den westfälischen Schweizer wieder ein Kulturschock, auch war es schwer, Arbeit zu finden. „Ich habe mich als Freiberufler und Hausmeister durchgeschlagen“, sagt Seide. Die Beziehung hielt nicht an, aber Seide blieb in Erfurt. Und lernte die Sängerin Anisha Cay kennen. Mit ihr nahm er bereits 2014 am Deutschen Rock und Pop Preis teil und holte einen dritten Platz in der Kategorie „Bester Popsänger“ mit dem Lied „Himmel und Hölle“. Solo gelang ihm ein Jahr darauf ein erster Platz mit einer italienischen Version des Songs.

Mit dem 31-jährigen Keyboarder und Pianisten Robert Sann wagt er erneut einen Anlauf. Als das „Jim Flagranti Project“ bewirbt sich das Duo am Samstag mit dem Lied „Hab die Sonne berührt“ und einem Liveauftritt um 15 Uhr in der Siegerlandhalle in einer der Hauptkategorien und möchte bester Singer/Songwriter werden. Zudem probiert das Duo sein Glück in Siegen in vier Nebenkategorien. „Den Song habe ich vor 13 Jahren geschrieben, auch schon mit Nemo gespielt. Wir haben es zu einer Piano-Version überarbeitet. Beim Bewerben habe ich dann keine halben Sachen gemacht und mich in zehn Kategorien beworben. Fünf sind es dann geworden“, sagt Roland Seide – alias Jim Flagranti.

Mehr Infos

Links zu Musik und dem Pop und Rock Preis

Einige weitere Aufnahmen von Jim Flagranti gibt es hier. Mehr Information zum Deutschen Rock und Pop Preis finden Sie hier.

Acht Hauptkategorien und 117 Nebenkategorien bietet der Rock und Pop Preis. Die Verleihung erfolgt am Samstag, 8. Dezember, zum 36. Mal und richtet sich an Newcomer im Musikgeschäft. Hinter der Preisverleihung stehen die Deutsche Popstiftung und der Deutsche Rock und Pop Musikerverband sowie die Stadt Siegen. Die Veranstaltung finanziert sich auch über Gebühren der teilnehmenden Musiker. Wer sich in einer Hauptkategorie bewirbt, zahlt 150 Euro. Das und die Anzahl an verschiedenen Kategorien haben in den vergangenen Jahren auch für kritische Töne gesorgt: Der Veranstaltung fehle es an Relevanz. Auch Roland Seide sieht die Preisverleihung realistisch, nachdem er bereits 2014 und 2015 teilgenommen hatte: „Die Publicity fällt eher mager aus und auch im Anschluss sind keine tragfähigen Kontakte entstanden“, sagt Seide. Dennoch probiert er erneut sein Glück, ganz ohne Druck. „Im Sommer hatte ich eine persönliche Krise, da hat nur die Musik geholfen“, sagt Seide. Er hat den Wunsch, dass aus seinem über Jahre gesammelten Material noch ein Album entsteht. Mit einem ironischen Augenzwinkern sagt der Erfurter aus Holzwickede: „Also wer mit 31 Jahren anfängt, noch Gesangsunterricht zu nehmen. Der wird mit 51 Jahren ganz sicher auch kein Album mehr aufnehmen.“

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