Der Sturz einer Postbotin auf der Allee beschäftigt das Landgericht in Dortmund. Die Geschädigte hat die Gemeinde verklagt. Unter Umständen könnte der Zivilprozess teuer werden für die Gemeinde.

Holzwickede

, 13.09.2019, 13:32 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Dortmunderin Vera Tellermann war 25 Jahre lang als Postbotin auf verschiedenen Lastenrädern unterwegs. Vor ihrem Ruhestand brachte sie auf einem E-Bike den Holzwickedern drei Jahre lang die Post. Am 2. August 2016 endete ihr Arbeitstag vorzeitig auf der Allee: Tellermann stürzte mit ihrem Rad auf Höhe der Rathausapotheke.

„Ich bin aufgestiegen, angefahren und dann ist das Rad unter mir weggerutscht. Ich wusste gar nicht, wie mir geschieht“, sagt die Dortmunderin. Zwei Mitarbeiter der Gemeinde, die auf der anderen Straßenseite gerade Müll aufsammelten, halfen ihr auf und in die Apotheke. Nach der Erstversorgung ging es mit Prellungen an Bein und Rippen für Vera Tellermann ins Krankenhaus. Acht Wochen war sie im Anschluss krankgeschrieben.

Nässe, Lindenblüten und Blattläuse machen Pflaster spiegelglatt

Tellermann wirft der Gemeinde vor, auf der Allee nicht ihrer Verkehrssicherungspflicht nachgekommen zu sein. Denn den Sturz begünstigte wohl die unglückliche Kombination aus Nässe, abgeworfenen Lindenblüten und Blattlaussekret. „Dadurch war das rote Pflaster spiegelglatt“, sagt Tellermann.

Diese Einschätzung trug sie dem Landgericht bereits bei einem ersten Termin Anfang Juni vor. Und ärgerte sich: „Für die Gemeinde war nur ein Anwalt zugegen und der zweifelte alles an. Meinen Sturz, die Glätte – das ärgerte mich“, sagt Tellermann, der es längst nicht um ein Schmerzensgeld geht. Denn das wäre überschaubar: Der damalige Richter habe ihr geglaubt und einen Vergleich vorgeschlagen: 750 Euro Schmerzensgeld für Tellermann – Drops gelutscht.

Das hat der Anwalt der Gemeinde abgelehnt. So kam es zu Wochenbeginn zu einem erneuten Termin: Diesmal waren mit Bernd Hellweg, Leiter des Baubetriebshofes, auch ein Vertreter der Gemeinde sowie zwei Zeugen geladen. Hellweg bestätigte, dass man bereits im Vorfeld des Sturzes Kenntnis von der Rutschgefahr durch das Blattlaus-Sekret hatte. Er sagte aber auch, dass laut Gemeindesatzung die Eigentümer für die Reinigung der Gehwege zuständig sind.

Gemeindemitarbeiter bestätigt Unfallhergang von Vera Tellermann

Die Satzung führt zwar entsprechende Straßen auf, in denen die Reinigungspflicht auf die Bürger übertragen wurde – die Allee kommt darin aber nicht vor. Vor Gericht konnte der Umstand zu Wochenbeginn nicht geklärt werden – der Anwalt der Gemeinde hatte die Satzung nicht vorliegen. Dafür aber die Richterin, für die das auf den ersten Blick nicht ersichtlich war, hier aber zumindest Klärungsbedarf sah.

Sturz einer Postbotin: Gericht entscheidet über rutschiges Pflaster in Holzwickeder Allee

Vera Tellermann geht es nicht um ein paar Hundert Euro Schmerzensgeld. Ihr geht es ums Prinzip. © Greis

„Für die Gemeinde war nur ein Anwalt zugegen und der zweifelte alles an. Meinen Sturz, die Glätte – das ärgerte mich.“
Klägerin Vera Tellermann

Weil auch einer der Gemeindemitarbeiter als Zeuge den von Vera Tellermann geschilderten Unfallhergang unabhängig von ihrer Aussage bestätigte und Rathaus-Apotheker Christian van Bremen als zweiter Zeuge bekräftigte, dass es vor seiner Adresse an der Allee 6 in der Vergangenheit immer wieder zu Stürzen kam, die mitunter schon Brüche zur Folge hatten, schlug die Richterin erneut einen Vergleich vor. Die beklagte Seite lehnte erneut ab.

Eine Entscheidung fällte die Richterin nicht in der Verhandlung. Die kommt in den nächsten Wochen per Post und hält drei Optionen offen: Entweder die Gemeinde oder Vera Tellermann bekommt Recht – oder aber die Richterin verlangt vor einer Entscheidung ein Gutachten. Dann würde die grundsätzliche Frage geklärt, ob das rote Pflaster in der Allee überhaupt dort liegen darf. Kommt es vorab nicht zu einem Gutachten, ist zu erwarten, dass beide Seiten – je nach Ausgang – ein Urteil anzweifeln würden. Was eben dann zum Gutachten führen könnte.

Ein Gutachten zum roten Pflaster könnte teuer werden

„Ich wundere mich, dass es der Kommunale Versicherungsverband auf ein Gutachten ankommen lässt“, sagt der Holzwickeder Anwalt Udo Speer. Er vertritt Vera Tellermann und vermutet, dass der gemeindliche Versicherer, der quasi für alle Kommunen im Verbund haftet, einen Vergleich grundsätzlich ablehnt, um keinen Präzedenzfall zu schaffen. Da seine Mandantin durch eine Rechtsschutzversicherung abgesichert ist, werde man den weiteren Klageweg nicht scheuen, kündigt Udo Speer an.

Für die Gemeinde könnte das in letzter Konsequenz bedeuten: Ordnet die Richterin ein Gutachten an und kommt das zu dem Schluss: Das Pflaster muss getauscht werden, dann würde es teuer. Ein Planungsbüro hat im Vorjahr die Kosten für einen Austausch des Pflasters ermittelt: Die lagen bei rund 500.000 Euro. Aus Kostengründen wurde das damals abgelehnt.

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