Die Unterschriftenaktion von Kindern hat zu Maßnahmen auf Probe zur Verkehrsberuhigung im Krämersweg geführt. Was als Beispiel für die Beteiligung von Kindern begann, sorgt für Unruhe in der Nachbarschaft.

Holzwickede

, 12.03.2020, 18:06 Uhr / Lesedauer: 3 min

Kratzer im Lack, Hundekotbeutel auf dem Auto und eine Mutter, die sich in einem Brief an die Nachbarschaft wendet und beteuert, dass Parkbuchten, wie sie Ende Januar am Krämersweg provisorisch aufgetragen wurden, gar nicht ihr oder das Ansinnen ihrer Kinder gewesen seien.

Ihren Namen möchte sie deshalb auch nicht lesen. Sie sei froh, dass sie in vielen persönlichen Gesprächen und mit dem Brief die Wogen zu den Nachbarn zuletzt glätten konnte. Dabei ist an der Idee ihrer Kinder nichts zu kritisieren: Im Bereich des Krämersweges wohnen einige Familien – was spricht also gegen eine Unterschriftenaktion, um auf die geltende Tempo-30-Regel aufmerksam zu machen und sich für eine Umwidmung der Straße in eine verkehrsberuhigte Zone einzusetzen?

Kinder sammeln Unterschriften gegen Raser im Krämersweg

73 Unterschriften aus der Nachbarschaft übergaben die Kinder im Vorjahr im Verkehrsausschuss dem Vorsitzenden Frank Lausmann (CDU). Die Unterschriften bewegten die Verwaltung, das Ansinnen zu prüfen. Für das, was umgangssprachlich auch Spielstraße genannt wird, stellte sich aber heraus: Eine solche Umwidmung hätte auch bauliche Folgen und würde Kosten um die 1,5 Millionen Euro verursachen. An denen müssten sich Anwohner wiederum über KAG-Beiträge beteiligen.

Eine Spielstraße war also vom Tisch, aber die Verwaltung schlug vor: Probehalber werde man zunächst versetzte Parkbuchten abmarkieren. Parken dann darauf Autos, müssten Verkehrsteilnehmer einen Slalom fahren und somit auch bedachter mit dem Gaspedal umgehen.

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Am 23. Januar wurden 15 provisorische Buchten aufgesprüht. 5,50 Meter lang, zwei Meter breit. Die entsprechende Halteverbotsbeschilderung sowie Piktogramme auf der Fahrbahn mit einer großen „30“ sollten nach der Probephase folgen.

Die endete quasi am Mittwochabend mit dem Verkehrsausschuss. Hier gab die Verwaltung nicht nur einen Sachstandsbericht, auch Anwohner aus dem Krämersweg waren vor Ort. Die durften sich zu Beginn in der Bürgerfragestunde äußern. Es wurde weniger gefragt, denn geschildert. Die Argumente der Anwohner:

  • Die Parkbuchten beruhigen den Verkehr nicht.
  • Die Buchten werden nicht angenommen.
  • Man habe weniger Parkflächen als zuvor.

Provisorische Parkbuchten sorgen für Zwist in der Nachbarschaft

Mitunter sprachen die Anwesenden von „Krieg im Krämersweg“. Sind die Parkbuchten nahe der Dorfstraße und damit in Nähe zu Schlossstuben, Kirche und Haus Opherdicke besetzt, würden wiederum die dortigen Anwohner entlang des Krämerswegs gen Stennert verdrängt.

Mit parkenden Nachbarn vor der Haustür kann sich wiederum der eine oder andere Nachbar nicht anfreunden – auch wenn es nach Straßenverkehrsordnung kein Recht auf den „eigenen“ Parkplatz am Straßenrand gibt.

Bei einem Termin vor Ort schildert Anwohner Nicky Weigelt, dass die Parkflächen mitunter auch unsinnig angeordnet seien: Speziell verweist er auf eine Bucht nahe der Dorfstraße. Parkt hier ein Fahrzeug, ist es den Anwohnern auf der Gegenseite schwerlich möglich, ihre Garagen zu verlassen.

Anwohner Nicky Weigelt findet die Anordnung der Parkbuchten mitunter unsinnig: So wie hier nahe der Dorfstraße wäre es beispielsweise schwer möglich die Garagen gegenüber mit einem Auto zu verlassen, wenn gegenüber ein Fahrzeug parkt.

Anwohner Nicky Weigelt findet die Anordnung der Parkbuchten mitunter unsinnig: So wie hier nahe der Dorfstraße wäre es beispielsweise schwer möglich die Garagen gegenüber mit einem Auto zu verlassen, wenn gegenüber ein Fahrzeug parkt. © Marcel Drawe

Auch die vermeintlich versetzte Anordnung der Parkbuchten verpuffe: In der Tat liegen mitunter drei Buchten hintereinander auf einer Straßenseite, ehe eine einzige Bucht auf der anderen folgt. Ein weiteres Argument der Anwohner dazu im Ausschuss: Unter der Woche seien die Parkflächen leer, die Menschen mit ihren Autos an der Arbeit. Und damit der Krämersweg als „Rennstrecke“ freigegeben, um hier und über den Stennert zwischen Dorfstraße und Holzwickeder Straße mal eben abzukürzen.

Den Argumenten hielten Frank Schwalbach aus dem Bauamt sowie Michael Arnold aus der Verkehrssicherung im Kreis Unna entgegen:

  • Mehr Parkflächen gab es vorher auch nicht, sie waren nur anders verteilt.
  • Mit 30 Schreiben wurden die Anwohner informiert und um Rückmeldung gebeten.
  • Acht Anwohner schilderten ihre Eindrücke und bemängelten vor allem zu wenige Parkmöglichkeiten.
  • Dem subjektiven Eindruck der Anwohner zu Geschwindigkeitsüberschreitungen steht eine Messung gegenüber: Fuhren 2019 85 Prozent der Verkehrsteilnehmer im Krämersweg rund 38 km/h oder langsamer, wurde nun ermittelt, dass 85 Prozent der gemessenen Fahrzeuge rund 30 km/h oder langsamer fuhren.

Insgesamt sind 1209 Fahrzeuge zwischen dem 21. und 26. Februar in die Messung eingeflossen. 29 davon waren schneller als 38 km/h. „Diese 2,4 Prozent bekommen Sie auch nicht mit Schildern eingefangen. Bauen Sie Poller ein“, sagte Michael Arnold.

Baumaßnahmen bringen finanzielle Beteiligung der Bürger mit sich

Eine Maßnahme, die auch Nicky Weigelt begrüßen würde. Nur: Auch das ist nicht so einfach. Bauamtsleiter Uwe Nettlenbusch macht auf Anfrage klar, dass man geltende Richtlinien für die Anlage von Stadtstraßen beachten müsse. „Nur Rosinen picken, das geht nicht.“

„Was wir erreichen wollten, haben wir nicht erreicht.“
Frank Lausmann, Vorsitzender Verkehrsausschuss

Umsetzbar ohne dabei die Anwohner zu belasten seien vor Ort: Piktogramme, Parkbuchten und eingeschränkte Halteverbotsschilder, um das Parken außerhalb der Buchten zu vermeiden.

Letztere sind in der provisorischen Lösung noch gar nicht berücksichtigt. Michael Arnold sagt daher ganz klar: „Bislang muss man sich im Krämersweg gar nicht an die markierten Parkzonen halten.“

Das wird vorerst auch so bleiben. „Wenn wir jetzt feste Markierungen aufbringen und sorgen damit für Krieg – das bringt doch nichts“, sagte Jonas Beckmann (SPD). Dem stimmte Frank Lausmann zu: „Was wir erreichen wollten, haben wir nicht erreicht“. Er plädierte dafür, die Zeit bis zum nächsten Verkehrsausschuss im Juni zu nutzen, um über eine sinnvollere Lösung nachzudenken und dann zu entscheiden.

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„Dafür muss die Verwaltung aber in einem Ortstermin auf die Bürger zugehen“, forderte Beckmann. Auf Nachfrage bestätigte Bauamtsleiter Nettlenbusch am Donnerstag, dass man den Anwohnern nun so einen Termin vor Ort anbieten werde.

Im Nachgang an den Ausschuss lautete der Tenor der anwesenden Anwohner jedenfalls: Piktogramme mit dem zusätzlichen Hinweis auf Tempo 30 – ja. Abmarkierte Parkbuchten – bitte nicht. Und der Appell an alle Verkehrsteilnehmer: Die Tempo 30 im und um den Krämersweg doch bitte nicht zu missachten – schon allein um der Kinder Willen.

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