Ortsvorsteher ziehen sich zurück: Nachfolger sollen den Dorfcharakter bewahren

dzHengsen und Opherdicke

Ihre Wege ins Amt hätten verschiedener nicht sein können. Ihre Ziele als Ortsvorsteher für Hengsen und Opherdicke deckten sich oft. Nun scheiden Petra Kittl und Friedrich-Wilhelm Schmidt aus ihren Ämtern aus.

Holzwickede

, 13.07.2020, 04:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Von langer Hand geplant war ihr Einstieg in die Lokalpolitik nicht: Petra Kittl regte einst der Umstand auf, dass die Gemeinde als Schulträger die Fahrtkosten für den Sohnemann nicht übernehmen wollte. Ganz Mutter wurde sie beim damaligen Bürgermeister Jenz Rother vorstellig. Die Gemeinde lenkte ein und Sozialdemokrat Rother verpflichtete Kittl sogleich für die SPD und die nächsten Wahlen.

Vorher nicht politisch aktiv saß die heute 63-Jährige plötzlich im Rat der Gemeinde und wurde obendrein noch Ortsvorsteherin für Opherdicke – und das als Zugezogene. „Ich bin in Unna großgeworden. Da ist es zwar auch schön, aber ich sehe mich schon als Opherdickerin“, stellt sie klar.

16 Jahre ist es nun her, dass Kittl als mehr oder weniger unbeschriebenes Blatt den Weg in die Politik fand. Acht Jahre davon hatte sie in Artur Kissing ihr Pendant in Hengsen. Nach dessen Tod im Jahr 2012 wurde mit Friedrich-Wilhelm Schmidt ein Hengser Urgestein dessen Nachfolger. Der 69-Jährige wohnt noch heute in seinem Geburtshaus am Kellerkopf.

Mitglied im Gemeinderat in dritter Generation
Friedrich-Wilhelm Schmidt (SPD) acht Jahre lang bis 31.10.2020 Ortsvorsteher Hengsen

Friedrich-Wilhelm Schmidt (SPD) acht Jahre lang bis 31.10.2020 Ortsvorsteher Hengsen © Greis

„Die Idylle und der Schutz der Landschaft müssen im Vordergrund stehen.“
Friedrich-Wilhelm Schmidt, Ortsvorsteher Hengsen

Im Gegensatz zu Petra Kittl konnte „Sümmel“, wie ihn nicht nur SPD-Parteifreunde nennen, bereits auf viele Jahre politische Erfahrung bauen: „Mein Großvater war in der SPD und im Gemeinderat, mein Vater ebenfalls und ich bin auch schon in jungen Jahren beigetreten.“ Als Gärtnermeister war er zunächst zwei Jahre lang Sachkundiger Bürger ehe insgesamt 21 Jahre als Ratsmitglied folgten.

Die energische Kittl und der besonnene Schmidt bilden auf den ersten Blick ein ungleiches Duo, haben sich in den vergangenen Jahren aber stets für gemeinsame Ziele eingesetzt. Immer unter der Prämisse, den Dorfcharakter der beiden Ortsteile zu wahren.

„Die Idylle und der Schutz der Landschaft müssen im Vordergrund stehen. Große Gewerbeflächen passen hier nicht her“, sagt Schmidt und zitiert Jenz Rothers einstige Schwerpunkte für Holzwickede: „Im Norden Industrie, in der Mitte Wohnen und Leben, im Süden Naherholung.“

Da nickt auch Petra Kittl. Im Gegensatz zu früheren Zeiten zieht sich mittlerweile eine gewisse Verbundenheit durch die benachbarten Ortsteile, an der auch die beiden aktuellen Ortsvorsteher sowie Schmidts Vorgänger Kissing ihre Anteile haben.

Jetzt lesen

„Wenn du aus Hengsen kommst und früher in Opherdicke in eine Kneipe kamst, gab es erstmal einen Spruch“, sagt Schmidt. Und als Kittl noch vor wenigen Jahren den erkrankten Artur Kissing bei Jubilarbesuchen vertreten musste, geschah das zunächst mit gemischten Gefühlen. „Das sahen manche Hengser nicht gerne, dass da nun eine aus Opherdicke kommen sollte. Es hat sich aber doch schnell rumgesprochen, dass ich wohl ganz nett sei“, erinnert sie sich.

Bei den Kommunalwahlen im September werden beide nicht mehr für einen Sitz im Rat kandidieren und scheiden offiziell zum 31. Oktober auch aus ihren Ämtern als Ortsvorsteher aus. Wenn sie auf ihre Amtszeiten blicken, sehen sie vor allem gemeinsam Erreichtes: „Es wäre früher undenkbar gewesen, beide Löschgruppen zusammenzubringen“, sagt Schmidt mit Verweis auf die Rettungswache Süd. Salomonisch auf der Ortsgrenze errichtet, vereint sie freiwillige Feuerwehrleute aus Opherdicke und Hengsen in einem Zug.

Gemeinsam für ein sauberes Ortsbild anpacken

Petra Kittl (SPD) 16 Jahre lang bis 31.10.2020 Ortsvorsteherin Opherdicke

Petra Kittl (SPD) 16 Jahre lang bis 31.10.2020 Ortsvorsteherin Opherdicke © Greis

„Als 2011 der Radweg entlang der Mühlenstraße fertig wurde, war ich stolz und froh, das hinbekommen zu haben.“
Petra Kittl, Ortsvorsteherin Opherdicke

Auch den gemeinsamen Dorfputz im Frühjahr haben die beiden vor Jahren gemeinsam initiiert und etabliert. Petra Kittl kann sich zudem an einem Projekt vor der eigenen Haustüre erfreuen: „Es war ein langes Hin und Her mit dem Kreis Unna, aber als 2011 der Radweg entlang der Mühlenstraße fertig wurde, war ich stolz und froh, das hinbekommen zu haben.“

Ein Insektenhotel unterhalb von Haus Opherdicke, ein neuer Spielplatz am Fliederweg – was Außenstehenden als schnell umsetzbar erscheint, braucht Hartnäckigkeit und Geduld. Das hat Kittl gelernt.

Schmidt wiederum freut sich über den OGS-Neubau an der Paul-Gerhardt-Grundschule und darüber, dass an der Unnaer Straße ein neuer Kita-Bau entsteht. Auch die Aussicht auf ein Gebäude für seniorengerechtes Wohnen an der Dorfstraße, wo mittelfristig die einstige Dorfschule weichen soll, lässt beide zufrieden dem Ende ihrer Amtszeiten entgegenblicken.

Nur dass es mit der Nahversorgung im Süden der Gemeinde einfach nicht klappen will, wurmt die beiden. Mehr als Brötchen und Snacks von der Tankstelle am Hengser Kreisel sind momentan nicht drin. Vielleicht können ihre Nachfolger in der Hinsicht etwas erreichen.

In jedem Fall wünschen sich beide von den neuen Ortsvorstehern, dass diese sich dafür einsetzen, den dörflichen Charakter Hengsens und Opherdickes zu schützen. Zudem brauche es für das Amt Geduld, Kompromissbereitschaft und Antennen auf Empfang: „Das ist eben so, dass man sonntags beim Frühstück sitzt, das Telefon klingelt und sich jemand mitteilt“, sagt Friedrich-Wilhelm Schmidt.

Ortsvorsteher

Vertreter kommen aus den zugehörigen Wahlbezirken

  • Wenn am 13. September gewählt wird, darf diejenige Partei die Ortsvorsteher stellen, die in den beiden südlichsten Wahlbezirken die meisten Stimmen bekommen hat.
  • Bei sechs Parteien im Wahlkampf und zwei relevanten Bezirken, kommen demnach zwölf Kandidaten für die beiden Ämter in Frage.
  • Die Partei mit den meisten Stimmen in einem der beiden Wahlbezirke schlägt im Nachgang der Wahlen ihren Kandidaten dem Rat vor, wo die Vorschläge noch eine Mehrheit finden müssen.
Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Corona-Test
Familie verärgert: Urlauber werden kostenlos getestet, Pflegebedürftiger bekommt Rechnung
Hellweger Anzeiger Grundschulen in Holzwickede
Holzwickedes Grundschulen: „Von einem regulären Schulstart kann man nicht sprechen“
Hellweger Anzeiger Landratswahl
Susanne Schneider (FDP) will aus dem „Elfenbeinturm Kreishaus“ eine Service-Behörde machen
Hellweger Anzeiger Bürgermeisterwahl Holzwickede
Mit Video: Susanne Werbinsky (Grüne) will Radwege ausbauen und Car-Sharing etablieren
Meistgelesen