Sie heißen „kleine Wunschecke“, „Glitzerball“ oder „Center Shock“: Das, was sich in Kaugummi-Automaten verbirgt, fasziniert schon seit Generationen den Nachwuchs. In Holzwickede stehen noch einige dieser Automaten.

Holzwickede

, 04.08.2019, 04:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ein Dreh, ein „Klack“ und dann plumpst das Objekt der Begierde in den kleinen Metallschacht: Wer jemals ein Geldstück in einen Kaugummi-Automaten geworfen hat, weiß um die Faszination, die diese unscheinbar wirkenden Blechkästen auf Kinder ausüben können. In Holzwickede stehen einige dieser „Wunscherfüller“ - und sie werden tatsächlich noch regelmäßig befüllt.

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Eine „kleine Wunschecke“ soll aus dem Automat fallen, der an der Ecke Hauptstraße/Winkelstraße in Holzwickede steht. Für 50 Cent gibt es das geheimnisvolle Objekt, dessen genaues Aussehen durch die leicht milchige Scheibe des Automaten nicht zu erahnen ist. Auch das Bild auf dem Automatenfenster lässt keinerlei Rückschlüsse darauf zu, was den Nutzer des Automaten erwartet: Eine junge Frau mit Krone auf dem Kopf sitzt einem Feen-ähnlichen Wesen gegenüber. Ob die „Wunschecke“ essbar oder zum Spielen geeignet ist, wird daraus nicht erkennbar.

Nostalgie: Kaugummiautomaten sind in Holzwickede noch immer gefragt

An der Ecke Hauptstraße/Winkelstrße steht dieser Automat. Die „Kleine Wunschecke“ fällt bei unserem Versuch aber trotz eingeworfener 50 Cent leider nicht heraus. © Anna Gemünd

Das 50 Cent-Stück lässt sich problemlos in den Schlitz über dem Drehgriff stecken, auch die Mechanik des Griffs scheint gut geölt, doch dann folgt die Enttäuschung: Das Geldstück verschwindet in den Tiefen des Metallkastens - und die „Wunschecke“ bleibt aus. Nichts, kein weiteres Drehen, kein sanftes Rütteln an dem Automaten bringt das Objekt der Begierde zum Vorschein.

Der Kaugummi-Automat steht oft für den ersten Kaufprozess

Diese Enttäuschung sollte nicht sein, findet auch Paul Brühl, Geschäftsführer des Verbands der Automaten-Fachaufsteller. „Kinder verwenden ihr kleines Taschengeld dafür, es ist im Grunde so etwas wie ihr erster Kaufprozess. Und der muss funktionieren, denn er wirkt lange nach“, sagt Brühl. Und in aller Regel funktioniert der „Dreh-Kauf“ auch, versichert der Fachmann. Denn auch wenn das Äußere der meisten Kaugummi-Automaten es nicht vermuten lässt: Sie werden noch immer regelmäßig kontrolliert und frisch befüllt.

„Die 1960er, 70er und auch 80er waren ideale Zeiten für Kaugummi-Automaten, weil die Kinder damals einfach viel auf der Straße waren.“
Paul Brühl, Geschäftsführer des Verbands der Automaten-Fachaufsteller

Noch 400.000 bis 600.000 Kaugummi-Automaten gibt es bundesweit, schätzt Paul Brühl. „Natürlich sind das weniger als noch zu den Hochzeiten der Automaten. damals hatten wir bestimmt 200.000 Automaten mehr als heute.“ „Damals“ - das waren die 1960er-, 1970er- und auch noch die 1980er-Jahre. „Das waren ideale Zeiten für Kaugummi-Automaten, weil die Kinder damals einfach viel auf der Straße waren“, sagt Brühl.

Der Automat an der Dahlienstraße hat schon bessere Zeiten gesehen

An Hauswänden, neben Kiosken oder Sportplätzen finden sich daher auch heute noch viele Automaten. Wobei längst nicht alle so aussehen, als ob man etwas aus ihnen erwerben möchte. Ein abschreckendes Beispiel hängt an der Unnaer Straße/Dahlienstraße. Bunte Springbälle und „Baloons“ versprechen die beiden äußeren Schächte; der in der Mitte ist faktisch schon nicht mehr vorhanden: Die Scheibe ist eingedrückt, der Mechanismus des Drehknopfes hängt lose aus dem leeren Fenster.

Nostalgie: Kaugummiautomaten sind in Holzwickede noch immer gefragt

Vandalismus hat diesem Kaugummi-Automat an der Ecke Unnaer Straße/Dahlienstraße zugesetzt. © Anna Gemünd

Vandalismus - das Problem kennt Paul Brühl. Der Eindruck, das viele Automaten seit Jahren schon beschädigt sind oder marode aussehen, entsteht schnell - hat teilweise seinen Grund aber auch in der Funktionsweise der Kaugummi-Automaten-Branche. „Die Aufsteller dieser Automaten haben 500 bis 5000 Automaten, die sie bundesweit betreuen“, erklärt Brühl. Je nach Standort fahren sie die einzelnen Automaten alle sechs bis acht Wochen oder auch 14-tägig an. „Da ist es nicht unbedingt einfach, einen entstandenen Vandalismus-Schaden sofort zu beheben.“

Jahresumsatz schwankt pro Automat zwischen 10 und 100 Euro
„Die Automaten-Kaugummis sind ein Produkt ohne ein Mindesthaltbarkeitsdatum.“
PAUL BRÜHL, GESCHÄFTSFÜHRER DES VERBANDS DER AUTOMATEN-FACHAUFSTELLER

Wirklich lohnenswert wird das Geschäft mit den Kaugummi-Automaten für die Aufsteller ohnehin erst ab einer Stückzahl von 2000 Automaten, schätzt Brühl. Die Umsatzspanne, die ein Automat übers Jahr generieren kann, schwanke stark: Von zehn bis 100 Euro sei alles dabei, meint Brühl. „Das ist immer abhängig von den Standorten. da gibt es manchmal welche, da kommen Sie nicht hinterher und es reicht nicht, wenn Sie den Automaten alle zwei Wochen neu bestücken.“

Wer einmal vor einem rostigen Kaugummi-Automaten gestanden und durch die milchige Glasscheibe versucht hat, Details der Ware dahinter zu erkennen, dem stellt sich die Frage unweigerlich: Was ist mit der Hygiene und der Haltbarkeit der Kaugummis? „Die Automaten-Kaugummis sind ein Produkt ohne ein Mindesthaltbarkeitsdatum“, erklärt Paul Brühl, „sie haben eine andere Konsistenz als die Kaugummis aus dem Supermarkt. In der Regel sind sie innen weich und außen hart.“

Nostalgie: Kaugummiautomaten sind in Holzwickede noch immer gefragt

Dieser Automat an der Ecke Unnaer/Holzwickeder Straße ist gut in Schuss. Im Schnitt alle sechs Wochen werden die Automaten befüllt. © Anna Gemünd

Dass trotzdem viele Menschen Bedenken haben, Kaugummi-Automaten zu vertrauen, kann der Geschäftsführer des Fachverbandes nachvollziehen. „Wir kritisieren auch, dass die Zustände mancher Automaten teilweise problematisch sind.“ Aber 70 bis 80 Prozent der Automaten bundesweit seien „mutmaßlich“ ohne Beanstandung, meint Paul Brühl. „Die Geräte stehen nun mal auch draußen. Gegen Wind, Wetter und Vandalismus können Sie nicht viel machen. Was mich dagegen ärgert ist, wenn man sieht, dass sich die Kaugummis hinter der Scheibe schon zu einer einzigen Masse verbunden haben. Das muss nicht sein. Dann sollte man nämlich über den Standort nachdenken, denn die Sonneneinstrahlung ist an dem aktuellen Ort offenbar zu groß.“

Aller digitalen Angebote und einem geänderten Konsumverhalten zum Trotz: Die Faszination für die Kaugummi-Automaten sei nach wie vor ungebrochen, bestätigt Paul Brühl, denn: „Nicht alles geht über das Internet. Oder haben Sie schon mal ein Kaugummi aus dem Internet fallen sehen?“

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