Achim Horstkorte steht auf dem Deich mit Blick auf die obere Retentionsfläche, die Niederschlagswasser aufnimmt. Läuft dieses Becken voll, wird das Wasser über einen Ablauf in ein niedrigeres Becken geleitet. Das wiederum nimmt auch Abwasser aus dem Gewerbegebiet im Hintergrund auf. © Marcel Drawe
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Nicht nur Deich zu niedrig: Hochwasserschutz am Krummen Weg ungenügend

Ein Anwohner fordert nach dem Starkregen Mitte Juli, dass die Systeme zur Aufnahme von Niederschlag überholt werden. Die sind offensichtlich aus mehreren Gründen schnell überlastet – mit fatalen Folgen.

Eine Handvoll Schafe streunen um den alten Fachwerkhof, neben der Einfahrt erstreckt sich eine Streuobstwiese, ein Hängesessel am Schwimmteich lädt zum Relaxen ein: Umgeben von Gewerbeansiedlungen und in Hörweite zur B1 hat sich Achim Horstkorte ein Idyll auf rund 9000 Quadratmetern geschaffen.

Seit 1993 lebt er hier und dabei war stets auch ein Thema: Wasser. „Bis 2008 hier nebenan die Auenlandschaft angelegt wurde, hatten wir regelmäßig Wasser im Keller. Danach war das eigentlich im Griff“, sagt Horstkorte. Eigentlich. Im Westen und Süden grenzen Deiche an sein Grundstück, die tief liegende sogenannte Retentionsflächen umschließen.

Das Becken westlich des Hofes ist größer und liegt höher als ein zweites südlich des Grundstückes. Vor allem diese Fläche wurde beim Starkregen Mitte Juli zum Problem – nicht nur für Horstkorte. Einfach ausgedrückt: Die Wanne lief voll, schwappte über den Deich und füllte dahinter einen Graben sowie Garten und Keller des 65-Jährigen.


Schon im vergangenen Jahr standen weite Teile seines Hofes unter Wasser, als ein heftiger August-Schauer einige Bereiche von Holzwickede flutete.
Damals hielt besagter Deich gerade so eben die Wassermassen zurück. Diesmal war die Auenlandschaft mit den eingeleiteten Niederschlagsmengen überfordert. Das merkten auch die Nachbarn im Neubaugebiet Krummer Weg.

Ein Anwohner, der nicht genannt werden will, schildert es so: „Meine Frau und ich hatten frei. Wir saßen zu Hause und es regnete eben. Da haben wir nicht an ein Jahrhundertereignis gedacht.“ Womit er nicht rechnete: Dass die Entwässerung versagt. Als der Kipppunkt erreicht war, schoss das Wasser direkt in die Erdgeschosse der nicht unterkellerten Doppelhäuser. „Das sind Sekunden, die man nicht vergisst“, so der Anwohner, der sich letztlich samt Frau in den ersten Stock rettete und dort über Stunden ausharrte, bis die Feuerwehr anrückte.

Häuser am Krummen Weg müssen saniert werden

Drei Wochen nach dem Unwetter kann das Paar entrümpeln, nachdem die Versicherungsfragen geklärt sind. „Wände, Böden, Möbel – alles hinüber. Wir müssen kernsanieren. Unsere beiden Autos sind Schrott. Unten auf der Straße stand das Wasser 1,50 Meter hoch…“. Während der Sanierung werden beide eine andere Bleibe brauchen, noch haben sie keine Lösung.

„Das haben wir 2015 schon im Planungs- und Bauausschuss gesagt, als das Baugebiet erschlossen wurde, dass man Hochwasser in dem Bereich nicht in den Griff bekommen wird“, sagt Nachbar Achim Horstkorte. Der damalige Bauamtsleiter Jens-Uwe Schmiedgen habe abgewiegelt.

Land unter: Dass der Deich südlich des Hofes überschwemmt wurde, war Mitte Juli auch für Achim Horstkorte neu. Und hatte vor allem Folgen für die Nachbarn am Krummen Weg: Ihre Häuser im Hintergrund liefen voll. © privat © privat

Dass die Überschwemmung im Juli so verheerend ausgefallen ist, dafür macht der langjährige Anwohner nicht alleine das heftige Starkregenereignis verantwortlich. Beginnend mit der oberen Retentionsfläche erklärt er: „Als die Aue angelegt wurde, lag der Boden sicher einen Meter tiefer.“ Selbiges gelte für die zweite Staufläche.

Mittlerweile wachsen an und in den Becken aber zahlreiche Laubbäume, die entsprechend organisches Material abwerfen. „Und wenn hier gemäht wird, wird der Schnitt liegen gelassen und kompostiert sich selbst“, sagt Horstkorte. Schlussfolgernd ist das Volumen zur Aufnahme von Niederschlag in beiden Bereichen über die Jahre gesunken.

Links das Anwesen von Achim Horstkorte, rechts das zweite Sammelbecken für Niederschlag. Der Deich dazwischen muss aus Sicht des Anwohners dringend erweitert werden. © Marcel Drawe © Marcel Drawe

Im Gegenzug hat die abgeführte Wassermenge zugenommen: Als die Aue 2008 angelegt wurde, war ein benachbartes Großunternehmen noch bedeutend kleiner: So hat sich Sonepar in den Folgejahren erweitert, etwa durch eine weitere Lagerhalle und ein Rechenzentrum. Das gesamte Firmengelände umfasst mittlerweile rund 70.000 vornehmlich versiegelte Quadratmeter. Niederschlagswasser landet über einen zugewachsenen Kanal in der Aue.

Durfte sich Sonepar ohne Rücksicht auf Niederschlagswasser erweitern?

„Da darf man sich schon die Frage stellen, warum Sonepar sich erweitern durfte, ohne ein eigenes Rückhaltebecken oder eine Dachbegrünung zu berücksichtigen“, sagt Achim Horstkorte. Problematisch ist zudem, dass ein Durchlauf für den Natorper Bach an gleichnamiger Straße so klein ist, dass es sich auch hier staut und das Wasser zurück gen Wohngebiet gedrückt wird.

Nach dem Hochwasser wurde seitens Gemeindeverwaltung vorgerechnet, dass im Bereich der Aue mit Folgekosten von 50.000 Euro für Ausbesserungen zu rechnen ist. Für Achim Horstkorte reicht das nicht. Das Unwetter zuletzt habe gezeigt, dass der Deich südlich seines Hofes zu niedrig und die zugehörige Retentionsfläche zu klein ist. Die unkontrolliert wachsende Vegetation in den Becken und entlang des Natorper Baches in der Aue mag idyllisch sein, stört aber die Funktionsweise.

Der Durchlauf für den Natorper Bach mag hier unter dem Krummen Weg ausreichend dimensioniert sein. Kurz darauf wird das Gewässer aber durch ein vergleichsweise kleines Rohr unter der Natorper Straße hindurch geleitet – hier staut sich der Bach im Extremfall und wird das Wasser gen Wohngebiet gedrückt. © Marcel Drawe © Marcel Drawe

Bedenken und Anregungen früher und heute weitgehend ignoriert

Im Gespräch wirkt Achim Horstkorte wie ein geduldiger Mensch. Seine Bedenken und Anregungen hat er früher und aktuell der damaligen und heutigen Verwaltung mitgeteilt. „Ich kann verstehen, dass Maßnahmen nicht von heute auf morgen beschlossen und umgesetzt werden. Aber hier muss was passieren“, sagt er.

Auf Anfrage bestätigt Holzwickedes Erster Beigeordneter Bernd Kasischke, dass ein Hochwasser-Bericht in Arbeit ist und am 29. September im öffentlichen Planungs- und Bauausschuss vorgelegt wird. „Immerhin. Aber wer sagt mir denn, dass bis dahin beim nächsten Starkregen der Deich nicht wieder überläuft und hier alles unter Wasser setzt?“, fragt sich Achim Horstkorte.

Über den Autor
Redaktion Holzwickede
Jahrgang 1985, aufgewachsen auf dem Land in Thüringen. Fürs Studium 2007 nach Dortmund gekommen. Schreibt über alles, was in Holzwickede passiert. 17.000 Einwohner mit Dorfcharakter – wie in der alten Heimat. Nicht ganz: Dort würden 17.000 Einwohner locker zur Kreisstadt reichen. Willkommen im Ruhrgebiet.
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Christian Greis

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