Neues Geschichtsprojekt über Holzwickeder Opfer der Nazis

dzBegegnung mit Zeitzeugen

Ulrich Reitinger interviewte Zeitzeugen, nun hat er mit der Recherche für ein weiteres Geschichtsprojekt begonnen. 30 Akten dokumentieren die Verfolgung von Holzwickedern in der NS-Zeit.

Holzwickede

, 06.01.2019 / Lesedauer: 3 min

Die Hefte waren schnell vergriffen und die Resonanz sowie die Bereitschaft, sich zu beteiligen, waren ebenfalls gut. „Es war spannend, aber auch sehr zeitaufwendig“, sagt Ulrich Reitinger über das Zeitzeugenprojekt der Gruppe „Aktive Bürgerschaft“. Dass es so viel Zeit in Anspruch nahm, war am Ende auch der Grund dafür, dass er das Projekt Ende vergangenen Jahres für beendet erklärt hat. Reitinger wolle sich im neuen Jahr mit der Gruppe „Spurensuche“ darum kümmern, dass neue Stolpersteine in der Stadt verteilt werden. Danach stehe ein neues Projekt an, das sich um politisch Verfolgte in der Zeit des Nationalsozialismus‘ dreht.

Reitinger hat bereits mit seiner Recherche begonnen, für die er auch nach Münster ins Landesarchiv muss. Dort gibt es rund 30 Akten von Holzwickedern, die in der NS-Zeit verfolgt und misshandelt wurden. „Da reichte schon die Mitgliedschaft in der SPD“, sagt Reitinger über sein neues Projekt.

Er will die Akten durchsehen, die Prozesse nachvollziehen.

Ulrich Reitinger, der bereits ein Buch über Opfer des Nationalsozialisten geschrieben hat, wird in diesem Jahr keine Zeit mehr dafür haben, weitere Zeitzeugengeschichten auf das Papier zu bringen. Er hat für die Geschichten Holzwickeder besucht, interviewt und im Nachgang mühselig alles zu Papier gebracht, was für die Geschichte der jeweiligen Person wichtig ist. Die Heftemit den Geschichten, deren Ausdruck die Gemeinde finanzierte, lagen öffentlich aus. Es sei möglich, dass es einen Sammelband mit all den Geschichten geben wird, so Reitinger. Sicher sei das aber noch nicht.

Prägende Treffen

Die Zeitzeugenberichte, die er niedergeschrieben hat, werden ihn trotz neuer Projekte immer begleiten. „Es waren prägende Begegnungen“, sagt er.

Zwei der Geschichten hätten ihn ganz besonders berührt – die von Erika Sander und Herbert Reckwitz. Reckwitz sei nur knapp dem Tode entkommen und Sanders habe sich ein Leben lang um bedürftige Kinder gekümmert. Beide haben schwierige Zeiten durchmachen müssen. So verlor Reckwitz bei einem Bombenangriff am 23. März 1945 seine Großeltern – und beinahe auch sein eigenes Leben. Über Holzwickede kamen 184 Bomber der Amerikaner zum Einsatz, die ab 13.10 Uhr ein vernichtendes Flächenbombardement begannen. „Damals erlebte ich meinen ersten ökumenischen Gottesdienst, einen Gottesdienst in Angst und Not. Das werde ich nie vergessen: Schreien, Todesnot, Gebete“, erzählte Reckwitz Reitinger im Interview. Nach 45 schrecklichen Minuten war es vorbei: „Die Bunkerdecke war defekt, wir konnten das Licht der Sonne ahnen und lebten noch.“

Neues Geschichtsprojekt über Holzwickeder Opfer der Nazis

Erika Sander. privat © privat

Die Geschichte von Erika Sander liest sich wie das Drehbuch eines Films – eines überlangen Films. „Diese Lebensgeschichte, die ich in einem fast dreistündigen Gespräch erfahren durfte, ist derart ungewöhnlich, faszinierend und spannend, dass ich an manchen Stellen Mühe hatte, alles zu glauben“, schreibt Reitinger in dem Zeitzeugenbericht. Und: „Die heute 79-jährige Erika Sander war beim Erzählen mehrmals selbst so gerührt, dass ihre Stimme ganz leise wurde und ihr die Tränen kamen.“

Erika Sander musste den Tod eines Kindes verkraften, war Besitzerin eines echten Löwen, den ihre Familie wie einen Hund gehalten hat und zog aufgrund einer Kette von Zufällen viele Pflegekinder auf, die sie zusätzlich zu ihren eigenen versorgte. Und als Reitiger schon dachte, dass das eigentlich zu viel für nur ein Leben sei, erzählte Sander weiter.

Sie gründete mit anderen Frauen den ersten „Verein alleinerziehender Mütter und Väter“ und engagierte sich in der „Frauenaktion Dortmund“ beim Aufbau des ersten Frauenhauses in Deutschland. Später stellte sie sich dem Jugendamt für die Bereitschaftspflege zur Verfügung. Sander wurde im Jahr 2010 das Bundesverdienstkreuz verliehen. Kurz bevor sie die Auszeichnung entgegennahm, habe sie ein Fazit gezogen: „Ich hatte 290 Bereitschaftskinder, zehn Dauerpflegekinder, fünf Tagespflegekinder, drei eigene und drei angeheiratete.“

Wer die Zeitzeugenberichte lesen möchte, findet sie auf der Homepage der Gemeinde. Man kann sie unter der Rubrik Senioren/Aktive Bürgerschaft herunterladen.

Jetzt lesen

Lesen Sie jetzt

Hellweger Anzeiger Ausbau zur Kleinkunstbühne

Die Rausinger Halle soll nach den Ferien in neuem Licht erstrahlen

Hellweger Anzeiger Eröffnung des Cafés

„Die Gäste sollen zum Emscherquellhof kommen, weil Kaffee und Kuchen schmecken“

Meistgelesen