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Endgültig: Der Dorfkrug bleibt geschlossen. Einen neuen Pächter für die traditionsreiche Gaststätte im Alten Dorf wird es nicht geben. Wer sich eine Erinnerung sichern will, bekommt dafür eine Gelegenheit.

Holzwickede

, 12.06.2019 / Lesedauer: 4 min

Seit Jahresbeginn ist der Dorfkrug zu. Der letzte Pächter hatte den Zapfhahn im Dezember abgedreht. Seitdem waren Herbert und Renate Robbert auf der Suche nach einem Nachfolger oder einer Nachfolgerin. Allein: Die Suche gestaltete sich schwierig, denn die Eigentümer haben klare Vorstellungen davon, in welchem Sinne man den Dorfkrug hätte führen sollen. „Es wäre uns wichtig gewesen, den alten Charme beizubehalten. Natürlich wäre aber eine Auffrischung möglich gewesen“, sagt Renate Robbert.

Eine Kneipe wie den Dorfkrug gibt es nicht mehr oft. Hohe Decken. Rustikale Einrichtung. Historische Fotos, die das Alltagsleben im Alten Dorf bezeugen. Treffpunkt für die Schützen der Kompanie Altes Dorf; Treffpunkt für Bauern, Landfrauen, Kaninchen- und Taubenzüchter, Männerchor, Sparclub oder Volleyballer; Treffpunkt für die Dorfgemeinschaft bei Geburtstagsfeiern und Beerdigungen – ein Ankerpunkt in guten wie in schlechten Zeiten. Das war einmal. Die erfolgreichen Zeiten der Gaststätte liegen Jahre zurück, als der Dorfkrug in Karin Jende noch eine Wirtin der alten Schule hatte.

Nach mehr als 100 Jahren endet die Geschichte des Dorfkruges mit einem Abverkauf

Die Eigentümer Renate und Herbert Robbert im Gastraum des Dorfkrugs. Die vielen Fotos an den Wänden geben Einblicke in die abwechslungsreiche Geschichte des Lokals. © Udo Hennes

Von 1992 bis 2008 stand sie hinter dem Tresen. Dann nochmals von 2010 bis 2014, als auch die Robberts selbst mit anpackten und in Siggi Homberg noch eine weitere treue Mitarbeiterin dem Trio zur Seite stand. Über die vergangenen vier Jahre wollen die Robberts keine Worte verlieren. Dass zuletzt nur noch die Schützen das Lokal regelmäßig für ihre Treffen nutzten, sei Ausdruck genug für das, was unter dem letzten Pächter nicht funktionierte.

Wehmut liegt vor allem in Herbert Robberts Stimme, wenn er erzählt, dass Karin Jende eben noch eine Wirtin vom alten Schlag war, die für ihre Gäste auch spät nachts noch die Küche aufmachte und einen Strammen Max kredenzte. Robbert stammt aus dem Alten Dorf, ist mit der Kneipe groß geworden. „In den 50er-Jahren stand im Saal einst der erste Fernseher im Dorf. Die damalige Wirtin Lulu Fahrenkroog hat um 17 Uhr für die Kinder das Nachmittagsprogramm eingeschaltet. Dazu gab es eine Flasche Sinalco“, erinnert sich der 72-Jährige.

Nach mehr als 100 Jahren endet die Geschichte des Dorfkruges mit einem Abverkauf

Eine Erinnerung aus längst vergangenen Tagen: Laut Renate Robbert ist das Foto mit dem kleinen Jungen vor der Gaststätte Ende der 1930er-Jahre entstanden. © privat

Über Jahrzehnte war die Gaststätte eine zentrale Anlaufstelle für die Einheimischen und ihre Vereine. Viele davon gibt es heute nicht mehr. „Das Vereinsleben hat nachgelassen, die heutige Gesellschaft widmet sich anderen Hobbies“, sagt Renate Robbert. Gerne blicken die Robberts auch auf Veranstaltungen unter Karin Jende zurück: die Jazzabende oder das Ohrwurmsingen mit volkstümlichen Texten. „Da war ein Mordstheater. Das war immer sehr schön“, sagt Renate Robbert.

Für einen Schankbetrieb im klassischen Sinne fand sich kein Pächter

Wunschvorstellung der beiden Eheleute wäre gewesen, dass jemand die Wirtschaft in dieser Tradition weitergeführt und das Lokal neu belebt hätte. „Es ist nur nicht so einfach, einen Pächter zu finden, der den Dorfkrug so führt, dass er ins Alte Dorf passt“, sagt Renate Robbert. Mit einem Paar habe man zunächst aussichtsreiche Gespräche geführt. „Die waren erst ganz begeistert, haben dann aber doch ohne Grund abgelehnt und sich nicht mehr gemeldet“, sagt Herbert Robbert. Angebote gab es in der Folge zwar einige, aber die kamen für die Besitzer nicht in Frage. „Nicht falsch verstehen: Wir haben allgemein nichts dagegen, aber persönlich sehen wir bei uns nicht noch ein China-Restaurant“, sagt Renate Robbert.

Nun folgt in den kommenden Wochen ein radikaler Schritt in eine ganz andere Richtung: Vier Wohnungen gibt es im Gebäude bereits. Nach dem Umbau der Gastwirtschaft kommt eine weitere hinzu. Dann bleibt am Ende ein reines Wohnhaus. Wer einen letzten Blick in den Dorfkrug werfen und sich vielleicht auch ein Andenken sichern will: Die Geschichte des Dorfkrugs wird in den kommenden Wochen mit einem Abverkauf des Interieurs zu Ende gehen. „Was sollen wir machen? Wir können die Einrichtung nicht mitnehmen“, sagt Renate Robbert. Einen festen Termin für den Abverkauf müssen sie und ihr Mann noch finden. Beschlossen ist aber: „Wir wollen den Großteil des Erlöses an ‚Wir für Holzwickede‘ spenden. Wir finden einfach gut, was der Verein macht“, sagt Herbert Robbert.

Über 100 Jahre lang der Treffpunkt für durstige Kehlen im Alten Dorf
Nach mehr als 100 Jahren endet die Geschichte des Dorfkruges mit einem Abverkauf

Der Männergesangverein Eintracht feierte im Jahr 1929 sein 25-jähriges Bestehen im Dorfkrug, der damals noch „Schankwirtschaft Gustav Gravert“ hieß. © privat

„Zum Dorfkrug“ lautete der Name der Gaststätte an der Goethestraße nicht immer. Wahrscheinlich Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich das gastronomische Zentrum im Alten Dort zunächst auf der gegenüberliegenden Straßenseite, wo die „Schankwirtschaft Gustav Gravert“ stand. Wo heute der Dorfkrug steht, gab es einst eine zugehörige Gartenwirtschaft mit Kegelbahn. Getränke und Speisen wurden damals über die Straße getragen. 1914 ließ Gravert dann das heutige Gebäude erbauen und führte die Kneipe unter seinem Namen hier bis Kriegsende 1945. Den Bombenangriff auf Holzwickede im März 1945 überstand das Gebäude schadlos. Zwischenzeitlich hieß die Wirtschaft „Zum heiligen Baum“ – in Anlehnung an den benachbarten Hilgenbaum. „Wann und warum daraus der Dorfkrug wurde, können wir heute nicht mehr nachvollziehen“, sagt Herbert Robbert.

Walter Kratz, Lulu Fahrenkroog, Erich Hegener Senior und Junior, Ernst-August und Christel Bachmann, Karin Jende – nur einige Namen, die als Eigentümer und Pächter in der Folge wirkten und die den Robberts in Erinnerung geblieben sind. Das Ehepaar wiederum ist seit dem Jahr 2000 Eigentümer, feierte im Jahr 2014 mit der damaligen Pächterin Karin Jende noch den 100. Geburtstag des Lokals.

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