Zur Arbeit von Martin Schonert gehört nicht nur das Fahren von A nach B. Fahrgäste wie Karin Ballauf begleitet er auch während ihrer Termine, hilft vor Ort und fährt sie dann wieder nach Hause – egal, wie lange es dauert. © Greis
Gemeinschaft Deutscher Blindenfreunde

Mit Video: Blindenmobil statt Taxi für Menschen mit Sehbehinderung

Mit dem Taxi zum Arzt und dann? Wird es für blinde Menschen mitunter schwierig. Ein Verein hilft Betroffenen und weitet den Fahr- zum Begleitdienst aus – kostenlos für die Fahrgäste.

Eine junge Frau mit Kinderwagen kann gar nicht glauben, was ihr Martin Schonert da an der Allee in Holzwickede erzählt. „Wirklich kostenlos?“, fragt sie und der Schwerter bejaht abermals. „Das wäre ja was für meinen Vater“, sagt die Frau und überfliegt im Gehen den Flyer, den ihr Schonert in die Hand gedrückt hat. Die spontane Beratung war nicht das Anliegen des 60-Jährigen, aber sein Fahrzeug fällt auf: „Fahrdienst für Blinde“ steht gut sichtbar auf dem Van.

In dem sitzt an einem sonnigen Morgen im April Karin Ballauf auf der Rückbank. Die 89-Jährige aus Villigst zählt zu Schonerts langjährigen Fahrgästen und wird von ihm regelmäßig aus Schwerte zu ihrem Augenarzt an der Holzwickeder Allee gefahren. „Ich werde wegen einer nassen Makulardegeneration behandelt, die mein linkes Auge betrifft. Meine Sehkraft liegt hier bei 20 Prozent. Das rechte Auge geht, ist aber auch bedroht“, sagt Ballauf.

Drei Blindenmobile fahren durchs Ruhrgebiet

Einst machte sie gemeinsam mit Martin Schonerts Schwiegermutter Gedächtnistraining, ist so auf das Blindenmobil gestoßen. Mit dem Schwerter hinter dem Lenkrad ist das seit 2015 vornehmlich in Dortmund, im Kreis Unna und im angrenzenden Sauerland auf Tour. „Dann gibt es noch Kollegen im westlichen und mittleren Ruhrgebiet sowie anderen Ballungszentren in Deutschland“, sagt Schonert.

Hinter dem Angebot steht die Gemeinschaft Deutscher Blindenfreunde. Der Verein mit Sitz in Berlin finanziert sich zum Großteil über Spenden und kann dadurch auch die Fahrten für blinde Menschen oder Personen mit eingeschränkter Sehkraft kostenlos anbieten. Martin Schonert wird über den Verein bezahlt und ist wochentags in der Regel von 9 bis 16 Uhr für eine dreistellige Zahl an regelmäßigen Fahrgästen zu Diensten.

„Es ist nicht nur ein Fahrdienst, sondern hauptsächlich auch ein Begleitdienst“, sagt Schonert. Alle Fahrer im Verein sind entsprechend im Umgang mit sehbehinderten Menschen geschult worden und darin liegt dann auch der große Unterschied etwa zu einer Taxi-Fahrt: „Ich kann ja morgens um zehn Uhr einen Termin beim Arzt oder im Krankenhaus haben. Aber dann kommen Sie ins Wartezimmer, das ist voll und dann sitzen Sie bis halb zwölf, ehe Sie dran sind.“

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„Man muss nicht bezahlen. Das Blindenmobil ist kostenlos.“

Blindenmobil-Fahrer Martin Schonert

Martin Schonert weicht seinen Klienten als Begleiter indes nicht von der Seite. Wenn gewünscht, dann liest er Dokumente vor und hilft beim Ausfüllen von Formularen. Im Anschluss bringt er seine Gäste wieder nach Hause. Eine so vertrauensvolle wie zeitintensive Arbeit: „Wenn ich einen Termin habe, dann nehme ich an dem Tag keinen anderen wahr, weil das eben auch mal dauern kann. Ich bleibe vor Ort, um verfügbar zu sein.“

Fahrten zum Einkaufen und gen Impfzentrum

Dabei sind die Anlässe nicht allein gesundheitsbezogen: Ob Behördengang oder Termin beim Anwalt, das Blindenmobil fährt bei Bedarf. Während der Corona-Pandemie wurde das Angebot noch ausgeweitet. „In dieser besonderen Situation haben wir auch Einkaufsfahrten angeboten“, so Schonert. Oder die Fahrt zum Impfzentrum nach Unna: „Das habe ich sehr geschätzt“, sagt Karin Ballauf und klatscht ihrem Fahrer sachte zu.

Damit Betroffene das Blindenmobil in Anspruch nehmen können, reicht per se ein Griff zum Telefon. „Das ist ganz unbürokratisch, aber man sollte bestenfalls schon 14 Tage vor einem festen Termin anfragen“, sagt Martin Schonert. Weil dann im Gespräch etwa mit Angehörigen auch hier immer wieder die Frage nach der Bezahlung komme, betont der 60-Jährige nochmals: „Man muss nicht bezahlen. Das Blindenmobil ist kostenlos.“

  • Die heutige Gemeinschaft Deutscher Blindenfreunde blickt auf eine Historie, die bis ins Jahr 1860 zurückreicht.
  • Der Verein ist einer der ältesten privaten Fürsorgevereine in Deutschland und schafft etwa auch Erholungsangebote für sehbehinderte Menschen oder setzt sich für die Blindensportförderung ein.
  • Weitere Informationen finden sich unter: www.blindenfreunde.de
  • Das Blindenmobil für das östliche Ruhrgebiet ist unter Tel. (0160) 25 11 320 zu erreichen.
Über den Autor
Redaktion Holzwickede
Jahrgang 1985, aufgewachsen auf dem Land in Thüringen. Fürs Studium 2007 nach Dortmund gekommen. Schreibt über alles, was in Holzwickede passiert. 17.000 Einwohner mit Dorfcharakter – wie in der alten Heimat. Nicht ganz: Dort würden 17.000 Einwohner locker zur Kreisstadt reichen. Willkommen im Ruhrgebiet.
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Christian Greis
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