Luca Förster ist ein Transmann und lebt mittlerweile in Holzwickede. Hinter ihm liegen viele bewegende Jahre. © Marcel Drawe
Transgender

Mit dem falschen Geschlecht geboren: Die Geschichte eines Transgender-Mannes

Manche werden bei der Geburt dem falschen Geschlecht zugeteilt. Die in der Bevölkerung herrschende Unsicherheit möchte der Holzwickeder Luca Förster den Menschen mit seiner Geschichte nehmen.

Luca Förster ist ein Holzwickeder wie jeder andere. Der 29-Jährige war Hauptschüler in der Gemeinde und hat sie vor 11 Jahren zu seinem Zuhause gemacht. Was nur wenige ahnen: Hinter ihm liegt ein langer, steiniger Weg hin zu einem glücklicheren Ich. Denn Förster ist ein Transmann.

Die Erkenntnis kam, wie er selbst erzählt, als er mit 18 Jahren eine Reportage zu dem Thema schaut. „Es machte auf einmal alles Sinn.“ Er beschäftigt sich mehr mit der Thematik „Transgender“, und merkt, dass er schon im Kindergarten ein „typischer Junge“ gewesen ist. „Als Kind spielt Geschlecht noch keine Rolle“, sagt er. Später dann aber doch und für ihn wird die Erkenntnis immer klarer.

Zwei Anläufe für ein Outing

Mit 19 Jahren beschließt Förster das erste Mal, sich zu outen, damals vor seiner Freundin. Die zeigt nicht das Verständnis und die Unterstützung, die er sich erhofft. Verunsichert macht er einen Rückzug. „Ich hatte Angst. Ich habe immer gedacht, ich wäre der einzige, dem es so geht.“

Stattdessen versucht sich Förster anzupassen, sich in seine Rolle zu fügen. Funktionieren will es nicht. Er wird von seinem Umfeld immer wieder darauf gestoßen, dass etwas nicht passt. „Ich konnte mich nicht in die Rolle reindrücken lassen.“

Hilfe findet er vor allem im Internet in den sozialen Medien. Dort gibt es größere Gruppen Gleichgesinnter, die seine Fragen beantworten und ihm die Angst nehmen können. „Ohne wäre ich verloren gewesen.“ Vor drei Jahren entschließt er sich erneut für ein Outing, dieses Mal zieht er durch.

Noch nicht am Ende seiner Behandlung

Mit dem Outing beginnt seine Reise aber erst. Für weitere Maßnahmen muss er sich in eine Begleittherapie begeben. „In meinem Fall waren das 1,5 Jahre.“ Er hat Glück, findet direkt einen Therapeuten. Acht Monate später, im Februar 2019, darf er mit der Hormontherapie beginnen.

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Tipps zum Umgang bei Unsicherheiten

  • „Wenn sich ein Geschlecht nicht eindeutig erkennen lässt, sollte man fragen, wie die Person angesprochen werden möchte“, rät Förster den Menschen. Das wäre besser, als einfach ein Geschlecht zu nehmen und möglicherweise falsch zu liegen.
  • Es gehöre sich zudem nicht, nach dem Stand der Genitalien zu fragen. „Das finde ich ganz schlimm, besonders, wenn es wildfremde Menschen machen. Das frage ich doch auch niemanden.“
  • Zudem bittet er darum, den Begriff „Umwandlung“ zu vermeiden. Der korrekte Begriff lautet „Geschlechtsangleichung“. „Man verwandelt sich nicht, sondern gleicht das äußerlich Sichtbare dem inneren Empfinden an.“
  • Ein absolutes No-Go ist zudem ein Zwangsouting, also wenn andere Menschen Fremden erzählen: Das war mal eine Frau. „Es stimmt ja auch nicht. Ich war nie eine, ich hatte nur die äußerlichen Merkmale einer Frau.“

Anfang 2019 beantragt er eine Namens- und Personenstandsänderung beim Amtsgericht Dortmund, bekommt die Ende des Jahres auch bewilligt. Er unterzieht sich mehreren Operationen, lässt sich Brust und Gebärmutter entfernen. Ganz fertig ist er aber noch nicht. „Es fehlt noch der Penoidaufbau. Das ist die komplizierteste von allen. Da liegen noch vier oder fünf OPs vor mir.“

Immer wieder ein Schlag ins Gesicht

Förster möchte mit seiner Geschichte vor allem für mehr Offenheit und Verständnis werben. Auch wenn er viele positive Erfahrungen auf seinem Weg gemacht hat, weiß er, dass er Glück gehabt hat. „Für viele in meinem Umfeld war meine Entscheidung nachvollziehbar, da hat sich keiner von mir abgewandt.“ Außerhalb bietet sich jedoch ein anderes Bild.

„Vor allem am Anfang war es ein tägliches Coming Out. Das war schwer.“ Immer wieder muss er erklären, dass er anders genannt werden möchte, als auf seinem Personalausweis angegeben. „Es war immer ein Schlag ins Gesicht, zum Beispiel beim Arzt doch wieder falsch aufgerufen zu werden.“

Einfacher geworden ist es erst seit der Brustentfernung. Seitdem ordnen ihn die Leute überwiegend ins richtige Geschlecht ein. „Es ist immer wieder schön, wenn man Tage hat, an denen niemand an einem zweifelt“, sagt er. Vor allem an Tagen, an denen es einem schlecht gehe.

Mit der Zeit kam die Lockerheit

Mittlerweile muss er sich gar nicht mehr outen. „Wenn es nicht um Datings geht, aber das ist eine andere Sache.“ Er lacht. Nur am Telefon, da wird er manchmal noch dem falschen Geschlecht zugeordnet. Auf den mit der Hormontherapie einhergehenden Stimmbruch hat er nämlich vergeblich gewartet – und während seine Stimme live tief genug klingt, sorgt sie am Telefon manchmal noch für Verwirrung.

Im Internet ist er auch schon einmal unfreiwillig geoutet worden. „Da wurde ich richtig bloßgestellt“, ärgert er sich. Ansonsten werde er nur noch gelegentlich falsch von Fremden angesprochen, das „stelle ich dann einfach richtig.“

Der Weg, der hinter ihm liegt, ist lang, aber er hat ihn lockerer werden lassen. „Mittlerweile kann ich über vieles drüberstehen, aber gerade am Anfang war vieles so schwierig.“ Die Zeit bis zum Beginn der Hormontherapie sei die schlimmste gewesen. „Da versucht man krampfhaft, so wahrgenommen zu werden, wie man es sich wünscht.“

Die Entscheidung für seinen neuen Namen

Könnte er seinem 19-jährigen Ich noch einmal gegenüberstehen, würde er sich Mut zusprechen, sein Outing durchzuziehen? „Ich habe es anfangs echt bereut, es nicht durchgezogen zu haben. Andererseits bin ich jetzt viel weiter und reifer und kann reflektierter auf alle Maßnahmen blicken.“ Denn mit der Geschlechtsangleichung gibt es viele wichtige Entscheidungen zu treffen. „Da muss man mit dem Kopf selbst hinterherkommen.“

Bleibt nur noch eine Frage zu klären: Warum hat er sich aus tausenden Vornamen ausgerechnet für die Vornamen Luca und Elias entschieden? „Ich habe mich schon als Kind immer als Luca vorgestellt“, sagt er mit einem Achselzucken. „Das hat mich nicht losgelassen, das war schon immer mein Name. Und Elias habe ich als zweiten Namen genommen, weil er mir einfach gefällt.“

Über die Autorin
Redaktion Fröndenberg / Holzwickede
Jahrgang 1995, aufgewachsen am Rande Mendens mit mehr Feldern als Häusern drumherum. Zum Studieren nach Köln gezogen, 2016 aber aus Sehnsucht ins Sauerland zurückgekehrt. Hat in der Grundschule ihre Liebe ans Schreiben verloren und ist stets auf der Suche nach spannenden Geschichten.
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Lisa Dröttboom
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