Grundschul-Lehrerin Marlies Hansmeier-Philippas geht nach 40 Jahren in Rente. Sie hat mehrere Generationen Holzwickeder begleitet. Die Nordschule war ihre erste und letzte Stelle.

Holzwickede

, 27.06.2020, 11:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Dass es am Ende die Nordschule in Holzwickede geworden ist, war eher Zufall als eine bewusste Entscheidung. „Es hat sich so ergeben“, sagt Marlies Hansmeier-Philippas. 1987 beendet sie ihre Zeit als Lehramtsanwärterin in Gronau, danach steht die Frage im Raum, wohin sie geht. „Ich hatte die Wahl zwischen Dortmund und dem Kreis Unna.“

In Dortmund fürchtete sie an die Schule zu kommen, an der die in Aplerbeck aufgewachsene und bis heute lebende Lehrerin selbst Schülerin gewesen ist. „Ich wollte nicht mit Lehrern zusammenarbeiten, die mich selbst unterrichtet haben.“ Außerdem wünschte sie sich, unbehelligt einkaufen gehen zu können, ohne überall von ehemaligen oder aktiven Schülern erkannt und angesprochen zu werden.

Nachdem sich ihre Schüler von Marlies Hansmeier-Philippas verabschiedet haben, bekam sie einen Geschenkkorb überreicht, für den jedes Kind etwas gebastelt hat.

Nachdem sich ihre Schüler von Marlies Hansmeier-Philippas verabschiedet haben, bekam sie einen Geschenkkorb überreicht, für den jedes Kind etwas gebastelt hat. © Carlo Czichowski

Also geht sie in den Kreis Unna und findet an der Nordschule in Holzwickede die perfekte Stelle. „Der Verkehr kam mir morgens wie mittags immer entgegen.“ Sie lacht.

Lieblingsfach ist Sport

40 Jahre ist sie an der Nordschule geblieben. Ihre erste Arbeitsstelle war gleichzeitig auch ihre letzte. „Ich habe zwei, drei Generationen miterlebt. Ich kenne die Großeltern mancher Kinder aus meiner Anfangszeit.“

Dass die Welt manchmal kleiner ist, als man denkt, kann sie aus eigener Erfahrung berichten. „Ich habe neulich im Supermarkt eine Schülerin von vor 40 Jahren getroffen, die zufällig die Frau eines Arbeitskollegen meines Mannes ist.“ Sie schüttelt ungläubig den Kopf.

Beim Aufräumen der Schule hat das Kollegium alte Bilder gefunden. Viele der Lehrer und Lehrerinnen sind mittlerweile im Ruhestand. Auch ein Bild von Marlies Hansmeier-Philippas war dabei, von ihrer Anfangszeit an der Nordschule.

Beim Aufräumen der Schule hat das Kollegium alte Bilder gefunden. Viele der Lehrer und Lehrerinnen sind mittlerweile im Ruhestand. Auch ein Bild von Marlies Hansmeier-Philippas war dabei, von ihrer Anfangszeit an der Nordschule.

An all ihre Schüler kann sie sich freilich nicht mehr erinnern, aber mit einigen verbinde sie noch immer Erinnerungen. „Den einen oder anderen würde ich aber immer wiedererkennen.“

Ein Fach, das ihr immer sehr am Herzen lag, war der Sportunterricht. „Da lernt man Kinder von einer anderen Seite kennen.“ Anstatt still auf einem Stuhl zu sitzen, könnten die Kinder ihre Grenzen testen. „Und dann entdeckt man ein stilles Mäuschen, das ein wahres Bewegungstalent ist“, freut sie sich.

Aber auch lustige Situationen sind ihr im Gedächtnis geblieben. So auch der Sachkundetest zum Thema Ruhrgebiet. Unter ihren Schülern waren starke Sportler aus der Jugendmannschaft des BVB. „Sie haben sich geweigert, Gelsenkirchen als Stadt aufzuzählen und lieber auf ihre Eins verzichtet, als die Stadt hinzuschreiben.“ Sie lacht.

Arbeit hat sich verändert

Sieht sie auf die vergangenen 40 Jahre zurück, kann sie rückblickend sagen: „Die Kinder sind gleich geblieben, aber die Arbeit hat sich verändert.“ Vor allem der Anspruch an Erziehung und Ausbildung sei höher geworden. Eltern wären heutzutage mehr auf eine gute Bildung bedacht und begleiten die Schulzeit ihrer Kinder bewusster.

Das wirke sich auch auf die Kinder aus. Viele könnten heutzutage kaum mehr selbst eine Schleife binden, auch begünstigt durch Klettverschlüsse als Alternative. „Die Selbstständigkeit bei den Kindern ist weniger geworden. Sie suchen viel öfter Bestätigung und Aufmerksamkeit als damals.“

Auch die Technik habe sich mit der Zeit verändert. „Ich erinnere mich noch an Zeiten, da musste ich jedes Zeugnis von Hand schreiben.“ Besonders in Erinnerung geblieben ist ihr das Malheur, als sie ihren Kaffee über einen Stapel fertiger Zeugnisse schüttete. „Da musste ich von vorne anfangen.“

Kostprobe auf den Ruhestand

Dass ihre Zeit als Lehrerin jetzt endet, hat sie noch nicht ganz realisiert. Eigentlich hätte sie noch bis zu den Sommerferien unterrichtet, durch die Corona-Krise ist sie allerdings seit den Osterferien freigestellt. „Da schleichen sich langsam ein paar erste Gewohnheiten ein. Ich lese abends länger, weil ich nicht morgens um sechs Uhr aus dem Bett muss.“

Zum Abschluss gab es noch einen kurzweilige Teil mit offiziellem Charakter: Schulleiterin Claudia Paulo (rechts) überreichte Marlies Hansmeier-Philippas zum Renteneintritt eine Urkunde.

Zum Abschluss gab es noch einen kurzweilige Teil mit offiziellem Charakter: Schulleiterin Claudia Paulo (rechts) überreichte Marlies Hansmeier-Philippas zum Renteneintritt eine Urkunde. © Carlo Czichowski

Eine wirkliche Routine habe sich aber noch nicht eingestellt, obwohl ihr die Corona-Zeit schon eine Kostprobe auf den Ruhestand gegeben hat. „Ich habe nur noch an Videokonferenzen teilgenommen und Kollegen unterstützt. Ich habe mich langsam rausgeschlichen.“

Den eigentlichen Abschied hat sie sich allerdings anders vorgestellt. „Ich wäre die letzte Zeit lieber noch zur Schule gegangen, hätte die Kinder gesehen und mich anständig verabschiedet.“ Am Freitag durfte sie ein letztes Mal zu den Kindern in die Schule, wurde offiziell zum Schuljahresende verabschiedet.

Zeit zum Reisen nutzen

Ihre freie Zeit möchte die 65-Jährige demnächst auch fürs Reisen nutzen. Die USA und Kanada findet sie reizvoll. „Eigentlich war geplant, einen Freund spontan in Texas zu besuchen.“ Corona machte ihr einen Strich durch die Rechnung. Auch Griechenland hat sie sich als Ziel gesetzt, träumt von einer Reise durch das Land. „Seit ich mit meinem Mann verheiratet bin, war ich jedes Jahr dort.“ Nun will sie das Land genauer erkunden. „Ich bin ja jetzt nicht mehr an die Ferienzeiten gebunden.“

Wehmut hat sie trotzdem. „Ich werde die Schule und meine Schüler vermissen. Ich hatte eine wirklich tolle Klasse, die ich jetzt nach zwei Jahren abgegeben habe.“

Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Jubiläum
Gefunkt hat es beim Roten Kreuz: Werner und Hildegard Brauckmann feiern Goldhochzeit
Hellweger Anzeiger Gastronomie in Holzwickede
Coronavirus: Vivo will mit neuen Gerichten und mediterranem Flair wieder Gäste anlocken
Hellweger Anzeiger Digitales Schützenfest
Bürgerschützenverein Holzwickede will mit einigen Veränderungen in die Zukunft gehen
Hellweger Anzeiger Coronavirus
„Hat Papa mir versprochen“: Die Corona-Sorgen aus Sicht eines Holzwickeder Mädchens (10)
Meistgelesen