Keine gemeinsame Sprache, aber eine Liebe: Aygün Nuriyeva aus Aserbaidschan und Isaaq Hassani aus Afghanistan wurden in Holzwickede ein Paar. Amtssprache ihrer Liebe: Deutsch.

Holzwickede

, 16.08.2019, 15:49 Uhr / Lesedauer: 3 min

Aygün Nuriyeva und Isaaq Ali Hassani haben sich gerade auf ihre Couch gesetzt. Dann sagt sie einen Satz, ihr Lebensgefährte lächelt und küsst ihre Hand. Nuriyeva hat ausgesprochen, was sie an ihrem ersten Tag in Holzwickede dachte: „Das wird mein Mann.“

Das war vor gut zweieinhalb Jahren. Nach sechs Monaten in Büren, Paderborn und Unna war Aygün Nuriyeva in Holzwickede angekommen. Sie sprach kein Deutsch, hatte keine Kontakte – Isaaq Hassani nahm sich ihr an, half ihr am ersten Tag ins Internet zu kommen. Per Übersetzungsprogramm verständigten sich beide – so gut das eben ging.

Die deutsche Sprache als gemeinsamer Nenner

Aygün Nuriyeva stammt aus Aserbaidschan. Isaaq Hassani kommt aus Afghanistan. Verständigung in den Landessprachen: unmöglich. Heute sind beide ein Paar und unterhalten sich auf Deutsch. „Das hat uns Deutschland geschenkt“, sagt Nuriyeva. Selbst wenn beide in Afghanistan oder Aserbaidschan aufgewachsen wären: Ein Kennenlernen wie in Holzwickede wäre undenkbar gewesen. „Bei uns entscheidet nicht nur der eigene Wille über eine Beziehung“, sagt Hassani.

Der 33-Jährige kam im Januar 2016 mit seinem jüngeren Bruder Arif nach Deutschland. Beide sind zum Christentum konvertiert und mittlerweile fester Bestandteil der Freien Evangelischen Gemeinde in Holzwickede. Auch Aygün begleitet ihn als Muslimin mitunter zu den Gottesdiensten. „Ich habe durch die FEG auch eine gute Freundin gefunden“, sagt sie. Isaaq wiederum sei der überzeugteste Christ, den sie kennt: „Er kennt die Bibel besser als viele geborene Christen. Ich nenne ihn meinen Jesus“, sagt sie und muss lauthals lachen.

Während Isaaq Hassani den ruhigen Pol in der Beziehung bildet, sprudeln die Sätze nur so aus Aygüns Mund und werden immer mit einem breiten Lachen beendet. Nur bei den Gründen für ihre Flucht wird sie nachdenklich. „Ich hatte private Probleme. Als die Möglichkeit kam, nach Deutschland zu kommen, habe ich sie über Nacht ergriffen“, sagt sie. Eine Handtasche und ein Kleid – mehr habe sie nicht dabei gehabt, als sie aufbrach. „Ich stand in Deutschland wie ein Kind.“

Paar aus Afghanistan und Aserbaidschan: Wenn Deutsch zur Amtssprache der Liebe wird

Nach Jahren in Wohnheimen haben Aygün Nuriyeva und Isaaq Hassani im Haus der Delfmanns sogar einen kleinen Balkon. Das viele Grün in der neuen Heimat begeistert beide noch immer. © Marcel Drawe

Monate des Wartens und der Ungewissheit

Unabhängig voneinander teilen beide zunächst das gleiche Schicksal, von einer Flüchtlingsunterkunft in die nächste verwiesen zu werden, ohne Aufenthaltsgenehmigung, nur geduldet. „Da saß ich in Gummersbach in einem Wohnheim. Ich durfte nicht arbeiten, keine Kurse besuchen. Nur sitzen und warten“, sagt Isaaq Hassani.

In Holzwickede durften beide bleiben, lernten sich in der Unterkunft an der Bahnhofstraße kennen und lieben. „Da war für uns klar: Ab jetzt kämpfen wir gemeinsam“, sagt Nuriyeva. Sie halfen sich gegenseitig, die neue Sprache zu lernen, was in den Unterkünften an der Bahnhofstraße nicht einfach war: Sie bewohnte zwischenzeitlich mit acht fremden Frauen eine Wohneinheit, er lebte mit seinem Bruder und vier Iranern in einer anderen. „Wenn es dann noch regnete, verstand man sein eigenes Wort nicht“, sagt Hassani.

Man will lernen und muss darum kämpfen

„Bürokratie – das Wort habe ich sehr früh gelernt“, sagt Nuriyeva. Bis beide den Schulabschluss 9. Klasse und schließlich eine Ausbildung machen dürfen, braucht es unzählige Behördengänge. Mittlerweile sind beide mitten in der Berufsausbildung.

Hassani will nächstes Jahr seine Ausbildung zum Fachinformatiker für Systemintegration an der Bildungsakademie Dortmund abschließen. „Ich habe in dem Bereich schon in Afghanistan gearbeitet, bekomme das aber nicht anerkannt. Nach der Prüfung habe ich ein IHK-Zertifikat“, sagt er. Momentan ist er auf Praktikumssuche. „Bislang nur Absagen. Dabei sind die Bewerbungen in Ordnung, meine Noten sind gut bis sehr gut. Es ist schwierig“, sagt er.

Seine 39-jährige Lebensgefährtin macht derzeit eine schulische Ausbildung zur Servicefachkraft am Berufskolleg Unna, was ihr aktuell die Duldung sichert. In Aserbaidschan hat sie Wirtschaft, Mathematik und Physik studiert. Zumindest teilweise sei das Studium hier anrechnungsfähig. Ihr Wunsch ist es nach der jetzigen Ausbildung wieder daran anzuknüpfen, irgendwann vielleicht im kaufmännischen Bereich zu arbeiten.

Paar aus Afghanistan und Aserbaidschan: Wenn Deutsch zur Amtssprache der Liebe wird

Isaaq Hassani macht eine Ausbildung im IT-Bereich. Den Laptop hat ihm die Initiative „Willkommen in Holzwickede“ vermittelt. © Marcel Drawe

Die gemeinsame Wohnung ist das große Glück des Paares

Gemeinsam haben Aygün Nuriyeva und Isaaq Ali Hassani aber auch einen großen Moment des Glücks erlebt: Als sie die Bahnhofstraße verlassen und zusammenziehen wollten, hieß es vom Sozialamt: Findet eine Wohnung. Einfacher gesagt als getan im kleinen Holzwickede. Friedhelm Nusch von der Initiative „Willkommen in Holzwickede“ hatte den entscheidenden Tipp und vermittelte das Paar an Ingrid Delfmann, die beiden seit neun Monaten eine Wohnung im eigenen Haus vermietet.

„Das war richtig Glück. Sie helfen uns bei Problemen, beim Lernen. Wenn sie grillen, sind wir eingeladen“, sagt Aygün Nuriyeva und ihr Lebensgefährte fügt an: „Sie sind unsere Chance, hier anzukommen.“

Und sie sollen dabei sein, wenn die 39-jährige Aserbaidschanerin und der 33-jährige Afghane den nächsten gemeinsamen Schritt in ein neues Leben machen: „Geburtsurkunden, Ledigkeitsbescheinigung, Reisepässe – wir haben fast alles und warten nur noch auf ein letztes Dokument aus Aserbaidschan. Wenn das da ist, werden wir standesamtlich heiraten“, sagt Aygün Nuriyeva und strahlt. Und Isaaq Hassani? Der hält ihre Hand noch immer ganz fest.

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