Kröten über die Straße helfen – ohne Ziel ist das nicht so einfach

dzKrötenwanderung

Eine gute Sache: Der Erdkröte bei ihrer Wanderung über die Straße helfen. Schwierig wird es für Helfer nur, wenn nicht ganz klar wird, wo die Tiere überhaupt hin möchten.

Holzwickede

, 21.03.2020, 17:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Seit einer Woche macht sich Ulrike Dürholt jeden Abend gegen 21 Uhr zu einem Spaziergang über die Gemeindegrenze gen Dortmund auf den Weg. Unterstützt von Claudia Katarzynski und Bettina Knorrek sammelt die Holzwickederin entlang der Ostberger Straße am Sölderholz vornehmlich Erdkröten von der Straße ein, um sie an anderer Stelle wieder auszusetzen.

In den vergangenen Tagen waren es meist um die 15 Tiere, die sich zeigten. An einem Abend landeten aber auch mal knapp 50 Tiere im Eimer. Auch der eine oder andere Bergmolch auf Wanderschaft wurde von der Straße aufgelesen.

Nachdem Dürholt, die auch Holzwickeder Grünen-Mitglied ist, über unsere Redaktion per Aufruf um Mithilfe bat, meldete sich Andreas Förster aus dem Nabu-Kreisverband Unna. Dürholt hatte unserer Redaktion mitgeteilt, dass unter den gefundenen Kröten auch Geburtshelferkröten befänden.

Jetzt lesen

Auch wenn sich das letztlich als Missverständnis entpuppte, brachte es die Aufmerksamkeit Försters ein. Wäre die Geburtshelferkröte tatsächlich nachweisbar gewesen – es hätte an eine kleine Sensation gegrenzt. „Die Art ist hier eigentlich verschollen. Früher gab es sie zum Beispiel am Haarstrang auf dem Truppenübungsplatz. Aber seit die Bundeswehr nicht mehr aktiv ist, ist sie verschwunden“, sagt Förster.

Es mag paradox klingen: Aber die seltene Art braucht lockeres Erdreich zum Eingraben, zudem sonnige Gewässer jeglicher Größe, um sich heimisch zu fühlen. Das bieten neben Steinbrüchen auch Truppenübungsplätze.

Bevor die Kröten in den Abendstunden loswandern, ruhen sie sich tagsüber in Verstecken aus, graben sich wo möglich in den Boden ein.

Bevor die Kröten in den Abendstunden loswandern, ruhen sie sich tagsüber in Verstecken aus, graben sich wo möglich in den Boden ein. © Greis

Jetzt lesen

Mit dem Panzer die Geburtshelferkröte retten

Krass ausgedrückt: „Normalerweise müsste die Bundeswehr an geeigneten Stellen auf dem Übungsplatz alle sechs, sieben Jahre mal ein paar Runden mit dem Panzer drehen und ordentlich umgraben“, sagt Förster. Stattdessen würden viele einstige Habitate heute zuwuchern und verschlammen.

Auf Wanderschaft

Kröten legen mehrere Kilometer zurück

  • Erdkröten (lat. bufo bufo) legen für den Weg vom Winterquartier zum Laichgewässer gut und gerne vier bis sechs Kilometer zurück.
  • Schwerer haben es dabei meist die Weibchen: Oft verpaaren sich die Tiere schon auf dem Weg. Die Weibchen tragen dann mitunter die kleineren Männchen und auch zwischen 2000 und 6000 Eier im Leib mit sich herum.
  • Kleine Artgenossen sind meist Männchen, es gibt aber auch kleine weibliche Exemplare. Die Männchen unterscheiden sich auch durch ihre Fingerglieder: Die sind dunkel und fühlen sich rau an. Damit klammern sie sich huckepack an den Weibchen fest.

Die gemeine Erdkröte ist da zwar weniger anspruchsvoll, der Gang an der Straße entlang zeigt aber: Zahlreiche Tiere fallen jedes Jahr den Autoreifen zum Opfer. „Das weiß ja auch kein Mensch, wie hoch der jährliche Anteil an verendeten Tieren ist“, sagt Förster.

Entlang der Ostberger Straße macht der Billmericher, der sich seit 1981 für den Artenschutz engagiert, schnell ein anderes Problem aus: Wohin wollen die Kröten hier eigentlich?

„Wir haben die Tiere bislang immer an diesem Leitsystem ausgesetzt“, sagt Dürholt. Das meint eine geführte Rinne auf Seiten des Sölderholzes. Es führt auf der nördlichen Seite der Straße in einen Wirtschaftsweg, der wiederum zu einem Teich im Wald führt. Dort würden die Tiere ablaichen. So erklärt es der Gruppe schließlich ein ansässiger Landwirt, der auf seinem Hof noch arbeitet.

Andreas Förster grübelt und ist skeptisch. „Das Leitsystem ergibt für mich wenig Sinn. Es ist eindeutig, dass die Kröten von Norden aus dem Wald über die Straße gen Süden wandern.“ Ulrike Dürholt merkt an, dass man deshalb auch schon stutzig gewesen sei.

Jetzt lesen

Claudia Katarzynski hält eine Erdkröte in der Hand.

Claudia Katarzynski hält eine Erdkröte in der Hand. © Greis

Ziel der Kröten ist in der Dunkelheit vorerst nicht auszumachen

Im Dunkeln vor Ort lässt sich das Ziel der Kröten nicht auflösen. „Ich hatte mir zuvor Luftbilder angeschaut, aber auch kein wirkliches Gewässer erkennen können.“

Eine Option für die Tiere könnte der Teich eines ehemaligen Tierfachgeschäfts in Nachbarschaft zum befragten Bauern sein. Der liegt südlich des Waldes. Dafür würde auch sprechen, dass sich die Kröten entlang der Straße auf wenige Hundert Meter konzentrieren.

Jetzt lesen

„Das Leitsystem scheint mir bereits vor einigen Jahren angelegt“, mutmaßt Förster. Vorschnelle Schlüsse will er nicht ziehen – er rät Ulrike Dürholt, sich bezüglich des Bereichs an die Untere Naturschutzbehörde in Dortmund, an die Dortmunder Arbeitsgemeinschaft Amphibien- und Reptilienschutz und an die zuständigen Vertreter beim Nabu Dortmund zu wenden und nachzuhaken, ob das Leitsystem in seiner dortigen Form so Sinn ergibt.

Mit Blick auf die vielen Kontakte sagt er auch: „Es ist nicht immer einfach, den zuständigen Ansprechpartner zu finden. Und Naturschützer sind mitunter kauzig. Da hat jeder so seine Bereiche.“ Was der Mensch gerne in Zuständigkeiten regelt, ist der Erdkröte egal: Sie will nur jedes Jahr zu ihrem angestammten Laichplatz. Ob durch Neubaugebiete, Umgehungsstraßen oder selbst durch gut gemeinte Leitsysteme: Der Mensch macht ihr den Weg dahin nicht immer einfach.

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Covid-19-Patienten
Ruhe vor dem Corona-Sturm: So ist die Lage in Krankenhäusern in Unna und Kamen
Hellweger Anzeiger Kita Liebfrauen
Erzieherinnen verschicken Briefe an Kinder und bekommen bemalte Grüße zurück