Töpfe, Pfannen, alte Bilder: Der erste Abverkauf im ehemaligen „Dorfkrug“ lief so gut, dass die Wirtsleute Robbert spontan zu einem Trödelmarkt in der Traditionsgaststätte einluden. Und der brachte nicht nur für ein echtes Lieblingsstück ein neues Zuhause.

Holzwickede

, 28.07.2019, 14:28 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Schrank bleibt im alten Dorf. Renate Robbert ist beruhigt. „Das finde ich sehr schön, dass er weiterhin hier im alten Dorf stehen wird“, sagt die ehemalige Wirtin des „Dorfkrugs“. Nur einmal „ums Eck“ muss der massive Eichenfurnier-Schrank mit den zahlreichen Verzierungen transportiert werden, dann hat er sein neues Zuhause erreicht. Es ist der wohl emotionalste Verkauf des spontanen Trödelmarktes in der ehemaligen Traditionsgaststätte an diesem Sonntag.

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„Alles muss raus“ - unter diesem Motto hatten Renate und Herbert Robbert am Sonntagmittag erneut in den einstigen „Dorfkrug“ eingeladen. Ende August muss die Traditionskneipe leer sein, denn dann entstehen Wohnungen in dem ehemaligen Gastraum. Und da sich in über 100 Jahren Kneipengeschichte Einiges ansammelt, gibt es auch so Einiges auszuräumen.

Abschied auf Raten: Spontaner Trödelmarkt im „Dorfkrug“

Der Schrank bleibt im „alten Dorf“ - das beruhigt Renate Robbert. Tatsächlich zieht er praktisch nur einmal ums Eck und steht bald bei Familie Mahnke. © Anna Gemünd

Zum Beispiel jenen Schrank, der, so erzählt es Herbert Robbert, früher einer Hausärtzin in Holzwickede gehörte, bevor er in die Kneipe kam. Keine halbe Stunde nach offiziellem Trödelmarkt-Beginn um 11 Uhr ist das gute Stück bereits verkauft. Martin und Elke Mahnke haben zugeschlagen. „Der gefällt mir einfach unheimlich gut - und einen Platz dafür haben wir auch schon“, freut sich Elke Mahnke.

Dorfkrug

Letzter Abverkauf am 11. August

  • Seit über 100 Jahren waren im „Dorfkrug“ Gäste willkommen, 1999 kaufte das Ehepaar Robbert das Gebäude, in dem Karin Jende die Kneipe über 16 Jahre lang betrieb.
  • Jetzt wird die Kneipe aufgelöst, das Haus hat bereits einen neuen Besitzer. Im den Gebäude werden Wohnungen entstehen.
  • Ein letzter Abverkauf des Inventars findet am Sonntag, 11. August, ab 11 Uhr statt.

Renate und Herbert Robbert freut, dass der Schrank im „alten Dorf“ bleibt. Mahnkes wohnen nur wenige hundert Meter vom „Dorfkrug“ entfernt. Das erleichtert auch den Transport. „Wir kommen gleich um 14 Uhr, wenn der Trödelmarkt vorbei ist, mit einem Anhänger wieder und holen ihn ab“, sagt Elke Mahnke, „angeblich haben ihn damals zwei Leute hier reingetragen, dann sollte das heute wohl auch wieder gehen.“

Dass sie heute einen Schrank kaufen, war nicht geplant. „Eigentlich wollten wir nur mal gucken“, lacht Elke Mahnke. Zusammen mit ihrer Nachbarin Hedwig Vogt sind die Mahnkes in den „Dorfkrug“ gekommen.

Abschied auf Raten: Spontaner Trödelmarkt im „Dorfkrug“

Fachgespräch: Herbert Robbert (rechts) erklärt Hedwig Vogt und Elke Mahnke (von links) die Besonderheiten eines Geschirr-Sets. © Anna Gemünd

Hedwig Vogt interessiert sich für die zahlreichen Services und Porzellan-Geschirr-Sets - und sie kann Antworten liefern. „Ich habe mich ja schon gefragt, was man eigentlich mit so vielen Suppenterrinen macht“, sagt Herbert Robbert angesichts eines mehrteiligen Porzellangeschirrs mit allein vier Terrinen. „Oh, das war aber früher so, das musste man alles haben. Ich werde bald 90 Jahre und habe auch so was alles“, erklärt Hedwig Vogt.

„Das finde ich sehr schön, dass der Schrank weiterhin hier im alten Dorf stehen wird.“
Renate Robbert, ehemalige Wirtin

Gekauft hat die 88-Jährige nach einer halben Stunde auch schon etwas: Ein Bräter, zwei Schüsseln und eine Glasschale ziehen mit „ums Eck“. „Wenn du so weitermachst, müssen wir den Anhänger gleich nur für dich holen“, lacht ihre Nachbarin Elke Mahnke.

Töpfe gehen gut, Sammeltassen weniger gut

Töpfe, Pfannen und einzelne Schüsseln - das alles geht schnell über die verwaiste Theke. Auch die historischen Fotos und Ansichten von Holzwickede, die den Gastraum zieren, sind schon mit Namenszetteln ihrer künftigen Besitzer versehen. Schwerer dagegen tun sich die Sammeltassen und Heiligen-Figuren. „Die werden kaum gekauft. Das ist eigentlich schade“, hat Renate Robbert festgestellt.

Andere Sachen sind allein aufgrund ihrer schieren Größe oder besonderen Funktion nicht so einfach an den Mann zu bringen. So zum Beispiel der Gasherd mit sechs Feldern, der noch in der Küche steht. Oder auch die Zapfanlage mit vier Zapfhähnen. „Heute haben die Theken alle mehr Zapfhähne, sechs sind eigentlich üblich. Vier Hähne - das ist vielleicht etwas für jemanden, der einen Partykeller hat“, meint Renate Robbert.

Abschied auf Raten: Spontaner Trödelmarkt im „Dorfkrug“

Vier Zapfhähne am Tresen - das ist heuzutage wenig. Für einen Partykeller dagegen vielleicht genau richtig. © Anna Gemünd

Die Theke ist längst verkauft, auch die Stühle stehen schon zum Abholen bereit. Doch längst nicht alles, was im Gastraum zu sehen ist, wird tatsächlich verkauft. In einem unscheinbaren Bilderrahmen hängt ein Stück bestickter Stoff: Liebevoll in einem Blumenkranz gestickt, stehen dort die Eckdaten des „Dorfkrugs“, 1914 bis 2014. „Das hat uns eine ganz treue Kundin zum 100-jährigen Bestehen geschenkt. Davon trennen wir uns nicht“, sagt Renate Robbert.

Abschied auf Raten: Spontaner Trödelmarkt im „Dorfkrug“

Die gestickte Erinnerung an 100 Jahre Dorfkrug steht nicht zum Verkauf. Logisch, schließlich bekam Renate Robbert die Stickarbeit von einer treuen Kundin geschenkt. © Anna Gemünd

Die Trennung vom alten Schrank fällt schon schwer genug. Und genau der weckt weiterhin Begehrlichkeiten. Keine 20 Minuten, nachdem Elke und Martin Mahnke das Schmuckstück erworben haben, steht ein weiteres Paar vor dem massiven Schrank. „Wie, der ist schon weg? Oh nein!“ Die Enttäuschung ist groß. Alte Möbel haben eben Konjunktur.

Den besten Beweis liefern Elke und Martin Mahnke nur ein paar Meter weiter. Hinter der Theke hat Elke Mahnke einen weiteren Schrank entdeckt, der ihr gefällt, komplett mit Glasvitrine und Marmorplattte. „Wo wollt ihr den denn hinstellen?“, fragt ihre Nachbarin Hedwig Vogt skeptisch. Zu dritt stehen sie hinter den Zapfhähnen, überlegen hin und her.

Am Ende zieht auch der Thekenschrank mit „ums Eck“. „Wie wir das alles transportiert bekommen, wird spannend“, lacht Elke Mahnke. Aber Hauptsache, die Schränke bleiben im alten Dorf.

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