Über 53 Jahre hat sich Josef Joy Motorradbekleidung aus Holzwickede einen Namen in der Bikerszene gemacht. Das liegt auch am Firmengründer: Auch mit 90 Jahren steht Josef Joy regelmäßig im Laden an der Bahnhofstraße.

Holzwickede

, 28.09.2019, 04:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Christof Swierczek ist happy. Der erste Helm, den er anprobiert, passt sofort. Der zweite wird sein Favorit - mit Visier zum Aufklappen. „Ich habe einen Roller gekauft, aber so einen Quadratschädel. Da passt nichts“, sagt der Dortmunder. Im Laden einer großen Kette hatte er keinen Erfolg, dort schickte man ihn nach Holzwickede. Zu Josef Joy Motorradbekleidung.

Jennifer Joy kennt das schon. Die Ketten haben Ware von der Stange. Im Laden an der Holzwickeder Bahnhofstraße liegen auch die besonderen Größen aus. „Es geht ja nicht nur um dick oder dünn. Lange Arme, kurze Beine - jeder Mensch ist anders und Motorradkleidung muss sitzen“, sagt sie. Seit sie denken kann, steht sie zusammen mit Schwester Susanne im Laden. Die Geschwister kennen es gar nicht anders.

In der Bikerszene international geachtet: Josef Joy feiert seinen 90. Geburtstag

Das Team von Josef Joy Motorradbekleidung umfasst (v.l.): Sula Schneider, Patrick und Siegmund Joy, Firmengründer Josef, die Töchter Susanne und Jennifer Joy sowie Nadine Pölzl. © WOB

Das liegt am Vater: Josef Joy hat sein Geschäft Ende der 1960er-Jahren aufgebaut und Anfang der 2000er-Jahre an seine Töchter übergeben, die das Unternehmen seitdem in seinem Sinne fortführen. Auch wenn Joy Senior an diesem Samstag, den 28. September, seinen 90. Geburtstag feiert: Dass das so ist, davon überzeugt sich der gebürtige Engländer noch immer.

„Mit dem Laden habe ich nichts mehr zu tun“, sagt Josef Joy und kommt doch nahezu täglich beim Frühstück im Geschäft mit den Töchtern und Enkel Patrick zusammen. „Naja, viele Kunden von früher schauen immer mal rein. Oder sie rufen an und fragen, ob ich noch lebe“, sagt Joy mit leichtem englischen Akzent und lacht.

Mit pragmatischer Haltung wird Josef Joy zur Größe in der Bikerszene

Sein trockener Humor und die pragmatische Haltung fallen sofort auf, wenn er gefragt wird, wie es denn kam, dass er als Engländer in Holzwickede landete und hier ein Geschäft etablierte, das sich in der Motorradszene international einen Namen gemacht hat.

Dabei ist Joy in der Gemeinde natürlich kein Unbekannter. Wie er als britischer Besatzungssoldat nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland kam und in Begleitung eines schottischen und irischen Kameraden, deren Slang selbst ihn als Engländer vor Probleme stellte, zufällig auf der 1000-Jahr-Feier in Hengsen landete und dort in seiner späteren Frau Helen die große Liebe fand.

In der Bikerszene international geachtet: Josef Joy feiert seinen 90. Geburtstag

Helen und Josef Joy: Mit einer Wäscherei an der Bahnhofstraße fing alles an. Als die Menschen vermehrt eigene Waschmaschinen zu Hause hatten, machte Joy aus seiner Leidenschaft für Motorräder einen Beruf. © privat

Wie die beiden in England heiraten mussten, weil sich der Holzwickeder Standesbeamte gegen die „Mischehe“ stellte und er später mit Helen zunächst an der Bahnhofstraße eine Wäscherei eröffnete. Das und zig lesenswerte Anekdoten über das bewegte Leben von Josef Joy arbeitete erst im Vorjahr Ulrich Reitinger im Rahmen des Zeitzeugenprojektes von Gemeinde und Aktiver Bürgerschaft heraus.

Auch in den klassischen Medien waren Joy und sein einzigartiges Geschäft in der Vergangenheit regelmäßig Gegenstand der Berichterstattung. Im Jahr seines 90. Geburtstages wurde das Geschäft von der Fachpresse zum wiederholten Male ausgezeichnet, ist offiziell „Händler des Jahres“. Beim Besuch vor Ort berichtet Tochter Jennifer, dass auch diverse Fachmagazine anlässlich des 90. Geburtstags schon vorstellig wurden.

In der Bikerszene international geachtet: Josef Joy feiert seinen 90. Geburtstag

Anfang der 1960er-Jahre war Joy als Rennfahrer auf Motocross- und Speedwaystrecken in ganz Deutschland unterwegs. © privat

Ginge es nach dem Vater, würde er seinen Ehrentag wohl lieber im Ferienhaus in Spanien verbringen - wie so oft in den vergangenen Jahren. Die Aufregung um seine Person ist die Sache von Josef Joy nicht. Die hatte er bis Ende der 1960er-Jahre, als ein Unfall seiner Rennfahrerkarriere ein Ende setzte. Bis dahin war er auf Motocross- und Speedwaystrecken unterwegs. Auch an den Holzwickeder Grasbahnrennen nahm er einst teil, gehörte zu den ersten Mitgliedern im MSC Holzwickede.

Damals stattete er auch die ersten Rennfahrer aus, tingelte von Rennen zu Rennen, um die Nachfrage nach passenden Handschuhen, Stiefeln und Rennkombis zu bedienen. „Hierzulande gab es ja nichts“, sagt Joy. Seine Kontakte zur britischen Armee halfen ihm, mitunter wurde in den Anfangsjahren auch improvisiert. So kaufte er Gummi-Überzieher aus Militärbestand auf, die als Überstiefel dienten. „Das waren Gasstiefel, ein Gummischlauch mit Band, die dann bei Regen von Motorradfahrern übergezogen wurden“, erinnert sich Joy.

In der Bikerszene international geachtet: Josef Joy feiert seinen 90. Geburtstag

Auch im hohen Alter ist Josef Joy noch immer auf seiner Royal Enfield unterwegs, wenn es das Wetter zulässt. © privat

Aus England, später auch aus den Niederlanden, bezog der 90-Jährige damals regelmäßig seine Produkte, die er in Holzwickede und an Wochenenden bei Rennen unter die Fahrer brachte. Neben Hein Gericke war Joy hierzulande damals einer der ersten Händler, die hochwertige Bekleidung anboten. Gericke wuchs, entwickelte sich zur Kette, wurde zu groß und ging insolvent. „Mir war mein Laden hier immer genug“, sagt indes Josef Joy.

Bevor er seine Frau Helen kennenlernte, waren Motorräder Josef Joys einzige Leidenschaft. Wenn das Wetter passt, unternimmt er auch heute noch Ausflüge mit seiner elf Jahre alten Royal Enfield. „Modernes Motorrad, aber optisch so wie sie in den 50er- und 60er-Jahren in Indien gefertigt wurde“, sagt Joy noch immer mit der Begeisterung des 16-Jährigen, der damals auf sein erstes Motorrad stieg - eine 350er AJS.

Die nächste Joy-Generation steht an der Bahnhofstraße schon bereit

Josef Joy wird sich in den Tagen nach seinem Geburtstag wohl darauf einstellen müssen, das der eine oder andere Weggefährte den Weg an die Bahnhofstraße findet, um zu sehen, „ob er noch lebt“. Vorher will er aber mit der Familie in Ruhe bei einem Essen seinen Geburtstag feiern. Im Wissen, dass mit Enkel Patrick die nächste Generation bereitsteht, um Josef Joy Motorradbekleidung in seinem Sinne fortzuführen. So lange es ihm vergönnt ist, wird er sich davon auch weiterhin beim täglichen Frühstück im Laden überzeugen.

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