Während viele Gymnasien sich aus der Inklusion verabschieden, passiert am CSG das Gegenteil. Hier wird inklusiver Unterricht forciert. Das bedeutet mehr individuelle Förderung – nicht nur für Kinder mit Förderbedarf.

Holzwickede

, 28.08.2019, 18:42 Uhr / Lesedauer: 3 min

Gegen Mittag hat Jannis an seinem ersten Schultag eigentlich genug. Hunderte neue Mitschüler, Eltern und Großeltern tummeln sich nach der offiziellen Einschulung der fünften Klassen im Forum des Schulzentrum auf dem Schulgelände – zu viel Trubel für den Neunjährigen.

Auf die Frage, ob er sich auf die Kennenlerntage bis Freitag freut, bevor in der kommenden Woche die Schule so „richtig“ los geht, sagt er: „Ich will lieber Unterricht“. Jannis ist Autist und eines von neun Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf, die mit Beginn des Schuljahres auf das Clara-Schumann-Gymnasium gewechselt sind.

Familie kämpfte um Einschulung am CSG

„Die Kennenlerntage sind für Jannis ein bisschen schwierig“, sagt Astrid Munzel über ihren Sohn. Sie lächelt, denn sie weiß: Dass sie hier mit ihm und Ehemann Christoph steht, ist nicht selbstverständlich.

Nachdem Jannis die erste Klasse der Grundschule gar übersprungen und die Klassen zwei bis vier gemeistert hat, wurde er zwar befähigt, auf ein Gymnasium zu wechseln. „Das wäre uns normalerweise aber zugewiesen worden. Wir haben sehr gekämpft, dabei sofort die Unterstützung der Schulleitung erfahren, damit er aufs CSG gehen kann“, sagt die Sölderin.

Inklusion am Clara-Schumann-Gymnasium: Start in ein besonderes Schuljahr

Volles Haus: Mit vier fünften Klassen startet das CSG ins neue Schuljahr. In ihrer Rede an Schüler, Eltern und Großeltern beschwor Schulleiterin Andrea Hellmig-Neumann das Miteinander, dass an ihrer Schule herrsche. © Marcel Drawe

Und das aus gutem Grund: Das CSG ist das einzige Gymnasium weit und breit, dass sich auch künftig auf Schüler wie Jannis einstellt. Nachdem das NRW-Bildungsministerium die Inklusion ab diesem Schuljahr neu geregelt hat, sogenannte Schulen des gemeinsamen Lernens sich auf Gesamt-, Haupt- und Realschulen konzentrieren, können sich Gymnasien mehr oder weniger aus der Inklusion verabschieden – wenn sich Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf auf die genannten Schulformen verteilen.

Nun gibt es in Holzwickede aber neben der Josef-Reding-Hauptschule nur das Gymnasium, das im Grunde keine Wahl hatte und nun Schule des gemeinsamen Lernens ist. Schulleiterin Andrea Helmig-Neumann sprach früh davon, dass man die Herausforderung als Chance begreife, um die individuelle Förderung der Kinder zu forcieren – und alle Schüler einbeziehen wolle.

Zwei Kernpunkte mussten für inklusives Lernen erfüllt werden

Mit dem Kollegium wurde ein entsprechendes Konzept in Rekordzeit ausgearbeitet, für das im Kern zwei Forderungen erfüllt werden mussten: eine feste sozialpädagogische Fachkraft sowie gesonderte Räume zur individuellen Förderung. Beides wurde erfüllt. Stolz erläutert Helmig-Neumann am Mittwoch den anwesenden Eltern in kleinen Gruppen die Lernwerkstatt, die über die Sommerferien eingerichtet wurde.

Die besteht aus zwei benachbarten und miteinander verbundenen Räumen. Einer steht den zwölf Kindern mit Förderbedarf zur Verfügung. Verstellbare Tische, ein abgeschotteter Lernplatz, gesonderte Lehrmaterialien und ein riesiger, interaktiver Flachbildschirm machen den Raum aus. Nebenan findet sich ebenfalls ein Bildschirm als Tafelersatz, dazu Gruppenarbeitsplätze und eine Sitzecke.

Inklusion am Clara-Schumann-Gymnasium: Start in ein besonderes Schuljahr

Kinder mit besonderen Begabungen finden in der Lernwerkstatt ebenfalls einen Raum, um in Ruhe arbeiten zu können. © Marcel Drawe

Dieser Raum steht wiederum Schülern mit besonderen Begabungen zur Verfügung. Gut 45.000 Euro hat die Gemeinde hier investiert und Bürgermeisterin Ulrike Drossel ist froh, dass Andrea Hellmig-Neumann klare Vorstellungen hatte: „Als Schulträger sind wir für die Einrichtung verantwortlich, aber ohne ihren Einsatz wäre das so nicht entstanden.“

In der Praxis wird Flexibilität nötig sein

Wie soll der individuelle Unterricht aber nun in die Praxis aussehen? Hier kommt für die Kinder mit Förderbedarf Hellmig-Neumanns zweiter Wunsch ins Spiel: Sonderpädagogin Silvia Mohr. Die Lernwerkstatt war für sie der Hauptgrund, vom Unnaer Ernst-Barlach-Gymnasium nach Holzwickede zu wechseln. „Ich sehe in jedem Kind eine Chance“, sagt Mohr. Sie wird beispielsweise mit Jannis lernen, wenn es für ihn im Klassenverbund zu anstrengend wird. Dann gibt es in der Lernwerkstatt einen Platz, an dem er in Ruhe seinen Stoff lernen kann.

Jannis ist einer von zwei Fünftklässlern mit Förderbedarf, die zielgleich unterrichtet werden, also das Abitur anstreben. Sieben neue Schüler werden zieldifferent unterrichtet und können einen Abschluss vergleichbar mit Hauptschulabschluss nach Klasse 10 ablegen. Das erfordert andere Lerninhalte und Fächer, als im gymnasialen Lehrplan vorgesehen: Auch hier greift die Lernwerkstatt mit gesonderten Lernmaterialien. Zudem kooperiert das CSG bei geforderten Fächern wie Hauswirtschaft und Technik mit der JSR.

Inklusion am Clara-Schumann-Gymnasium: Start in ein besonderes Schuljahr

Wirkt wie eine Bestrafung, hilft aber beispielsweise autistischen Schülern wie Jannis, sich zu konzentrieren: Ein reizarmer und separater Lernplatz. © Marcel Drawe

Wichtig ist Hellmig-Neumann, dass der Begriff „Inklusion“ nicht im Fokus steht. Sie betont die individuelle Förderung, weil das alle Schüler einschließt. „Auch hochbegabte Schüler kommen mitunter schwer aus sich raus“, sagt Hellmig-Neumann und nennt das Beispiel einer elfjährigen Schülerin. Deren Schreibtalent hat sie als Deutschlehrerin erkannt und das Mädchen ermutigt, an einem Schreibwettbewerb teilzunehmen. Ergebnis: Ein Preis, ein Stipendium und die Möglichkeit, den eigenen Text im Herbst auf der Frankfurter Buchmesse zu lesen.

Talenten einen Raum geben – auch das soll die Lernwerkstatt leisten. „Bevor sich ein Schüler langweilt, weil ihn der Stoff nicht fordert, geht er je nach Unterrichtssituation in die Lernwerkstatt, erarbeitet ein eigenes Thema und stellt es der Klasse vor“, nennt Hellmig-Neumann eine mögliche Praxis.

Bedarf an individuellen Lernplätzen wird am CSG steigen

Die muss in den kommenden Wochen und Monaten der Theorie standhalten. Die CSG-Schulleiterin weiß in jedem Fall, dass in Zukunft mehr als eine Lernwerkstatt nötig sein wird. Neun Kinder mit Förderbedarf dieses Schuljahr, vielleicht acht, dann zehn oder zwölf in der Folge: In einigen Jahren könnte der Bedarf bei 50 bis 60 Schülern liegen.

Wenn alles gut geht, ist Jannis dann auf bestem Wege, sein Abitur zu bauen. „In der vierten Klasse war ich der Beste in Mathe“, weiß er um seine Fähigkeiten. Kurzfristig zählt für ihn aber wohl nur: Den Trubel während der Kennenlern-Tage überstehen, denn ab nächster Woche erwartet ihn endlich „richtiger“ Unterricht.

Schulstart am CSG

Mit vier Eingangsklassen ins neue Schuljahr

Mit vier 5. Klassen und rund 120 neuen Gymnasiasten startet das CSG ins Schuljahr 2019/20. Neun dieser Kinder haben einen sonderpädagogischen Förderbedarf. Drei weitere Kinder mit entsprechendem Bedarf lernen bereits am CSG. Neben Sonderpädagogin Silvia Mohr stehen vier der insgesamt zwölf Kinder auch Integrationshelfer zur Seite, die ihren Schützlingen im Schulalltag zur Seite stehen.

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