Seit Jahren machen sich Unbekannte in einem Hengser Garten an Hortensien zu schaffen. Anders als die Diebe findet die betroffene Familie das ganz und gar nicht berauschend.

von Jennifer Freyth

Holzwickede

, 16.07.2019, 12:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Sie sind eine wahre Augenweide. Erst recht, wenn sie in so einer Fülle vorkommen, wie in einem Hengser Garten: Dort reiht sich eine üppige Blütendolde an die andere; etwa 20 Hortensien wachsen in dem Kleinod, mal in zartem Rosa, mal in reinem Weiß und mal in Lila und Blau.

Wenn die Hengserin* ihren Blick über das farbenprächtige Blütenmeer schweifen lässt, geht ihr beim Anblick ihrer Lieblingsblumen aber nicht nur das Herz auf. Seit einigen Jahren mischt sich auch Ärger unter – und ein ungutes Gefühl. Denn die Hengserin wird regelmäßig Opfer von Hortensien-Dieben. Und das beinahe jede Nacht.

„Zu wissen, dass hier nachts jemand herumläuft, das ist ein ganz komisches Gefühl.“
Eine Hengserin, die regelmäßig Opfer von Hortensiendieben wird

Sie vermutet, dass die Diebe ihre Beute nicht in der Vase auf dem Wohnzimmertisch stehen haben, sondern sich mit der Pflanze berauschen. Denn Hortensien sind nicht nur schön anzusehen, ihnen wird auch eine ähnlich berauschende Wirkung wie Marihuana nachgesagt. Davon hat die Hengserin gehört, als sie mit ihren Nachforschungen zum Hortensien-Diebstahl begann. Und tatsächlich finden sich im Internet tausende Treffer zu dem Thema.

Apothekerkammer warnt vor Blausäurevergiftung

Die berauschende Wirkung von Hortensien ist allerdings umstritten. „Eine angebliche Rauschwirkung durch das Rauchen von Pflanzenteilen der Hortensie ist wissenschaftlich nicht eindeutig nachvollziehbar. Es ist nicht bekannt, welche Inhaltsstoffe der Gartenhortensie psychoaktiv oder halluzinogen wirken könnten. Für eine Nutzung als Droge gibt es daher aus pharmazeutischer Sicht keinen Anhaltspunkt“, erklärt Sandra Heck von der Apothekerkammer Westfalen-Lippe auf Anfrage.

Sie warnt davor, Hortensien zu rauchen. Denn durch den Konsum könne es zu Vergiftungserscheinungen kommen. „Hortensien enthalten Blausäure-freisetzende Inhaltsstoffe, sogenannte cyanogene Glykoside, die im Extremfall bei hochdosierter Aufnahme durch das Rauchen sogar zu einer Blausäurevergiftung führen könnten“, rät sie dringend von Versuchen ab, sich mit der Pflanze zu berauschen.

Hortensien-Diebe schlagen in Hengsen fast jede Nacht zu

Nicht einmal ein hohes Eisentor schreckt die Diebe ab. © Udo Hennes

Graben Diebe mitunter ganze Büsche aus, so setzen sie im Garten der Hengserin ihre Schnitte ganz gezielt an den alten, besonders holzigen Trieben, meist im Innern der Pflanze. Dadurch ist der Diebstahl auf den ersten Blick kaum zu erkennen. „Man merkt, dass hier jemand etwas verheimlichen will“, sagt die Hengserin. Doch sie ist inzwischen so sensibilisiert, dass sie gezielt nach frischen Schnittstellen sucht – und diese zu ihrem Ärger auch beinahe täglich findet.

Im Vorgarten fing‘s an, jetzt geht‘s hinterm Haus weiter

Seit 1970 wohnt die Familie, die aus Angst vor noch mehr Hortensien-Dieben ihren Namen nicht nennen möchte, in Hengsen. Eigentlich hat sie sich dort immer sehr wohlgefühlt. Doch seit der Hortensien-Diebstahl vor etwa sieben Jahren begonnen hat, ist die Idylle getrübt. „Zu wissen, dass hier nachts jemand herumläuft, das ist ein ganz komisches Gefühl“, sagt die Hengserin.

Zunächst bedienten sich die ungebetenen Gäste nur im üppig mit Hortensien bepflanzten Vorgarten.

Nachdem eine Pflanze nach der anderen „massakriert“ wurde, beschränkte die Frau mit dem grünen Daumen ihre Leidenschaft für die üppigen Blütensträucher nur noch auf den Garten hinterm Haus – in der Hoffnung, dann endlich Ruhe zu haben. Doch Fehlanzeige.

Hortensien-Diebe lassen sich durch nichts abschrecken

Selbst Bewegungsmelder und ein nachgerüstetes Eisentor, das zusätzlich noch mit einem Fahrradschloss abgesichert ist, schrecken die ungebetenen Gäste nicht ab. Im Gegenteil. „Es wird immer fieser“, sagt sie. Die Hengserin schätzt, dass die Diebe zunächst in den Nachbargarten klettern und dort ein Hochbeet nutzen, um in das benachbarte Hortensien-Paradies zu gelangen. „Hier haben wir schon mal den einen oder anderen abgeknickten Zweig gefunden“, sagt die Frau, die sich in ihrer Verzweiflung sogar schon an die Polizei gewandt hat.

Während die Polizei landauf, landab von Hortensien-Diebstählen mitunter auch im großen Stil berichtet, sind den Beamten im Kreis Unna hingegen bislang keine Fälle bekannt. Womöglich, weil nicht gleich jeder Blumenfreund die Plündereien aus seinem Garten bei der Polizei anzeige, schätzt Polizeipressesprecher Thomas Röwekamp.

Der Hengserin haben die Beamten geraten, Anzeige gegen Unbekannt zu erstatten – schließlich treibe sich ja offensichtlich jemand unerlaubt auf ihrem Grundstück herum. Darüber hinaus habe ihr die Polizei eine Videoüberwachung empfohlen. Als letztes Mittel will sie nun auch das versuchen. In der Hoffnung, dann wirklich Ruhe zu haben – und endlich wieder ungetrübte Freude an ihrer Blütenpracht.

*Name der Redaktion bekannt

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