Anabela Dias de Oliveira leitet das Lüsa-Projekt, das suchtkranke Menschen stationär betreut. © Marcel Drawe
Hilfe für Drogensüchtige

Hilfestellen im Kreis Unna sprechen sich für Heroin-Ambulanz aus

Sorgen wegen einer geplanten Ambulanz für suchtkranke Menschen in Holzwickede können lokale Akteure aus der Drogenhilfe verstehen. Sie halten sie aber aus Erfahrung für unbegründet.

Wer mit Blick auf die geplante Diamorphinambulanz in Holzwickede meint, dass der Standort für einen Zulauf von Drogensüchtigen gen Emscherquellgemeinde aus Dortmund sorgt, der verkennt: Etablierte Hilfsangebote im Kreis Unna nehmen schon längst auch suchtkranke Menschen aus der großen Nachbarstadt auf.

Bereits 1997 gegründet, betreut das Lüsa-Projekt heute vorwiegend Klienten aus Dortmund, die stationär in verschiedenen Wohnangeboten behandelt werden. „Als wir unser Projekt damals transparent gemacht haben, hatten wir gleich zwei Bürgerinitiativen am Hals“, sagt Lüsa-Leiterin Anabela Dias de Oliveira.

Drogenberater sind die Reaktionen auf Standorte gewohnt

Sie erwähnt das im Gespräch mit unserer Redaktion, weil die Reaktionen aus der Öffentlichkeit sich stets ähneln würden, wenn Standorte im Bereich Drogenberatung und -behandlung öffentlich würden – letztlich unabhängig davon, ob man aktiv die Öffentlichkeit sucht oder nicht.

Dennoch sei aktive Transparenz wichtig, auch wenn es an den Reaktionen meist nichts ändert. Umso wichtiger wäre für Dias gewesen, dass man die Politik in Holzwickede früh mit ins Boot geholt hätte – selbst wenn diese keinen Einfluss auf den Standort der geplanten Praxis von Dr. Christian Plattner in einem Geschäftsgebäude an der Wilhelmstraße hat.

Auf Dias‘ grundsätzliche Zustimmung zur Ansiedlung hat die Art und Weise, wie das Vorhaben öffentlich wurde, aber keine Auswirkung: „Wir freuen uns unbändig, wenn dieses Angebot in die Region kommt. Das wäre ein immenser Zugewinn.“

Auch die Aidshilfe im Kreis Unna sieht in der Praxis, die der Düsseldorfer Arzt in der Gemeinde etablieren möchte, eine wichtige Ergänzung in der Behandlung von opioidabhängigen Mitmenschen. Hier verweist man auf die rund 160.000 Abhängigen im Land, von denen kaum die Hälfte eine Behandlung mit einem Substitutionsstoff, also einem Ersatzstoff wie Methadon oder eben Diamorphin, erfährt.

„Gesundheitsrisiken durch verunreinigtes Heroin, Drogennotfälle sowie die Risiken einer HIV- oder Hepatitis-Infektion werden durch diese Behandlungsform vermieden, Beschaffungskriminalität wird reduziert“, sagt Aidshilfe-Geschäftsführer Manuel Izdebski.

Ärzte, die Ersatzstoffe an Süchtige verschreiben, werden weniger

Wenn Dortmunder Hilfestellen tatsächlich fürchten, dass sie durch eine exklusive Abgabestelle für medizinisches Heroin eigene Patienten an Dr. Plattner verlieren, könne man freie Ressourcen eben für neue Patienten nutzen. Suchtmedizinische Hilfe müsse sich am Bedarf orientieren, nicht an wirtschaftlichen Interessen konkurrierender Ärzte, so Izdebski.

Zu wenig Patienten müsste zudem kein Arzt befürchten, verweist die Aidshilfe doch auf immer weniger und immer ältere Mediziner, die überhaupt noch substituieren. Lüsa-Chefin Anabela Dias de Oliveira kann das mit einem Beispiel untermauern: „Ein Fröndenberger Arzt, der substituierte, ist kürzlich gestorben. Da stehen plötzlich 120 Patienten ohne Arzt da. Die müssen dann per Zug nach Siegen“, sagt Dias.

Ärzte, die in ihren Praxen Ersatzstoffe wie Methadon an Suchtkranke abgeben, gibt es immer weniger. Eine Diamorphinambulanz, in der es auch medizinisches Heroin gibt, existiert im Ruhrgebiet bislang ohnehin noch nicht. © picture alliance/dpa © picture alliance/dpa

„Wer ist so bekloppt, sauberes und reines Heroin auf Rezept zu bekommen und geht dann das Risiko ein, die Behandlung durch den illegalen Kauf von dreckigem Straßenheroin wieder zu verlieren?“

Lüsa-Chefin Anabela Dias de Oliveira

Wenn Patienten das überhaupt tun, denn die Gefahr bei Nichtversorgung mit Ersatzstoffen wie etwa Methadon ist klar: Süchtige würden wohl wieder zu illegalen Optionen von der Straße wechseln, wenn kein Mediziner parat ist. „Dann hat man vielleicht zehn Jahre mit den Betroffenen gearbeitet und das ist plötzlich für die Tonne“, sagt Dr. Axel Hentschel.

Er ist NRW-Projektleiter der Selbsthilfegruppe JES. Das steht für Junkies, Ehemalige, Substituierte und meint ein bundesweites Netzwerk von Gruppen, Vereinen und Initiativen aus der Drogenhilfe. Hentschel steht auch mit Lüsa in Kontakt. Im Rahmen eines mit Landesmitteln geförderten Projektes strebt man aktuell an, gerade in ländlichen Gebieten neue Netzwerke aufzubauen. „So dass sich Betroffene etwa an Kirchengemeinden oder soziale Einrichtungen wenden können, um Hilfe vermittelt zu bekommen“, so Hentschel.

Wenn nun Dr. Plattner mit Diamorphin medizinisches Heroin als Behandlungsalternative im Ruhrgebiet etablieren will, kann auch er das nur begrüßen. „Das Angebot ist wichtig und wir sind dankbar, dass er sich traut, durch Türen zu gehen, die offen sind.“

Wie reisen die Patienten an? Über den Holzwickeder Bahnhof ist eine Option. Eine weitere ist die Line 490, die den Flughafen von Aplerbeck aus anfährt. Zwischen Airport und der geplanten Praxis liegen keine 300 Meter Luftlinie. © digital © digital

Den Wirbel um die Eröffnung kann Dr. Hentschel zwar nachvollziehen, er sagt aber auch: „Ich bin seit über 30 Jahren dabei und bei jeder neuen Einrichtung für Drogenhilfe gibt es einen Aufruhr.“ Im Falle von Holzwickede glaubt er, dass sich das schnell legen wird. Die Patienten würden behandelt und danach den Ort wieder verlassen, weil es gar keine Szene gibt.

Dass die sich erst durch eine Arztpraxis bildet, in der unter hohen Auflagen und ständiger Betreuung medizinisches Heroin konsumiert wird – das glaubt Anabela Dias de Oliveira ohnehin nicht: „Wer ist so bekloppt, sauberes und reines Heroin auf Rezept zu bekommen und geht dann das Risiko ein, die Behandlung durch den illegalen Kauf von dreckigem Straßenheroin wieder zu verlieren? Drogenabhängige sind doch nicht hirnfrei.“

Über den Autor
Redaktion Holzwickede
Jahrgang 1985, aufgewachsen auf dem Land in Thüringen. Fürs Studium 2007 nach Dortmund gekommen. Schreibt über alles, was in Holzwickede passiert. 17.000 Einwohner mit Dorfcharakter – wie in der alten Heimat. Nicht ganz: Dort würden 17.000 Einwohner locker zur Kreisstadt reichen. Willkommen im Ruhrgebiet.
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Christian Greis

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