Seit gut einem Jahr hat die Klasse von Clarissa Leister einen tierischen Begleiter: Mischlingshündin Hilde hat einen festen Platz an der Schule und hilft der Lehrerin im Unterricht.

Holzwickede

, 06.11.2018, 15:04 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ein bisschen Windhund muss Hilde in den Genen haben. Dafür spricht nicht nur ihre schlanke Statur sondern auch ihr scheues Wesen. Für unseren Fotografen ist es beim Besuch der Klasse 3 gar nicht einfach, die Hündin in Pose zu setzen. „Mit Männern hat sie es nicht so“, sagt Clarissa Leister. Den Grund dafür kann die Grundschullehrerin nur vermuten. Mit wenigen Monaten bekam Leister den Hund über den Tierschutz aus Portugal vermittelt. „Sie wurde mit acht Geschwistern vor einem Tierheim ausgesetzt“, weiß Leister. Was ihr bis dato widerfahren ist, weiß die 29-Jährige nicht.

Schüchtern mag Hilde sein, wenn Fremde den Klassenraum betreten. Ihre Neugierde treibt sie aber immer wieder aus der Leseecke des Raumes, wo sie einen Rückzugsort hat, in Richtung Schultafel. Hier sitzt Clarissa Leister neben Fotograf und Reporter und beschreibt den Unterrichtsalltag mit Hund. Bei einer unbedachten Bewegung tritt Hilde sofort den Rückzug an. Den zwölf Kindern an diesem Vormittag ist das erstaunlich egal. Eine Hälfte der Klasse hat gerade Schwimmunterricht. Die verbliebenen Kinder haben Förderunterricht und beschäftigen sich selbstständig mit ausstehenden Lernaufgaben. „Frau Leister, was bedeutet das?“, muss die Lehrerin zwischendurch Hilfestellung geben, unruhig wird es im Raum zu keiner Zeit.

Fast 130 Jahre alt

Die Holzwickeder Nordschule

Die Nordschule wurde 1890 gegründet und ist eine von vier Grundschulen in Holzwickede. Träger der Schule ist der Evangelische Kirchenkreis Unna. Knapp 130 Kinder besuchen die Schule. Seit dem Schuljahr 2018/19 ist Claudia Paulo die Schulleiterin der Einrichtung. Die Nordschule unterrichtet jahrgangsbezogen in der Schuleingangsphase und den Klassen 3 und 4. Für bestimmte Projekte arbeiten die Schüler aber auch jahrgangsübergreifend zusammen. Kinder mit und ohne Behinderung werden gemeinsam unterrichtet. Zwei Sonderpädagogen unterstützen die Lehrkräfte. Das Sekreteriat der Schule ist dienstags und donnerstags zwischen 7.30 und 12.30 Uhr erreichbar unter Tel. (0 23 01) 24 68.

Der Verdienst von Hilde? „Es ist schon so, dass die Kinder sehr rücksichtsvoll sind, wenn Hilde unterwegs ist“, sagt Leister. Der Hund kann sich frei im Raum bewegen, hat ein Hundebett für sich neben dem Tisch der Lehrerin und diagonal gegenüber in der Leseecke des Klassenzimmers. Hier bekommt die rund eineinhalb Jahre junge Hündin hin und wieder Besuch. „Kinder, die sich schwer damit tun, laut vorzulesen, schaffen das, wenn sie Hilde vorlesen“, hat Leister festgestellt. Die Aussicht, nach geschafften Aufgaben, zu Hilde zu dürfen und ihr ein Leckerli zu geben – das motiviere wiederum Kinder, denen das Stillsitzen manchmal schwerfällt. Es sind diese kleinen Momente, für die der Hund gar nicht aktiv werden muss, die laut Leister für eine entspannte und ruhige Atmosphäre im Raum sorgen. „Da kann ich als Lehrerin lange um Ruhe bitten, mit Hilde geht das von alleine“, sagt Leister.

Einmal in der Woche hat die Hündin schulfrei, auch Musikunterricht darf sie schwänzen. Hildes Frauchen ist einerseits darauf bedacht, dem Hund nicht zu viel zuzumuten und ihn andererseits im Unterricht auch nicht in den Vordergrund zu stellen. „In den sozialen Medien findet man in letzter Zeit häufiger solche Schulbeispiele. Auch in Blogs im Internet ist es ein Thema. Dabei stehen die Tiere oft im Vordergrund“, sagt Leister. Sie bevorzugt einen dezenten Einsatz des Schulhundes. „Einige Eltern hatten Bedenken, dass die Kinder durch den Hund abgelenkt werden“, sagt Leister.

Hilde ist keine Wilde: Mischlingshündin sorgt für entspanntes Arbeiten im Klassenraum

Pause: Wird es Hilde zu bunt, ist die Hundedecke für ein Nickerchen nicht weit. © Privat

Der Besuch im Klassenzimmer zum Wochenstart zeigt jedoch: Hilde wird wie eine Mitschülerin behandelt, die keine Besonderheit ist, aber Besonderes bewirkt. „Hier sieht es nicht nur montags so ordentlich aus, sondern auch am Ende der Woche“, sagt Clarissa Leister nicht ohne Stolz. Die Kinder wissen, dass sie keine Gegenstände auf dem Boden liegen lassen dürfen. Hilde könnte etwas knabbern, dass ihr nicht bekommt. Das würde keines der Kinder zulassen. „Die ist immer lieb. Und sie saust auch umher. Sie ist anders als unser Hund“, sagen die Kinder, nach ihrer Klassenkameradin befragt.

Schulhunde im Einsatz

Rund 1000 Einrichtungen setzen auf die Vierbeiner

Der Verein Qualitätsnetzwerk Schulbegleithunde setzt sich für die „Hupäsch“ – die hundegestützte Pädagogik in der Schule ein. Der Verein arbeitet an einheitlichen Richtlinien für den qualifizierten Einsatz von Mensch-Hund-Teams, vernetzt einzelne Arbeitskreise und sucht den Kontakt zu Ministerien, Schulämtern und Schulen. Schulbegleithunde wie Hilde, deren Besitzer selbst Pädagogen sind, werden dabei von Therapiebegleit- und Schulbesuchshunden unterschieden, aber unter dem Oberbegriff Schulhunde gefasst. Deutschlandweit kommen an geschätzt rund 1000 Schulen regelmäßig Hunde zum Einsatz. NRW ist bislang das einzige Bundesland, das eine Handreichung herausgegeben hat, die wichtige Fragen rund um das Thema beantwortet (siehe herunterladbares pdf-Dokument am Textende).

Ob sich Hilde als Schulhund eignet, musste Clarissa Leister zunächst herausfinden. Vom Lehrerkollegium und der Schulkonferenz gab es im Vorjahr schnell das Okay. Leister durfte umsetzen, was sie zuvor im Referendariat kennengelernt hatte. Nach kurzer Zeit hatte sich Hilde an die Kinder gewöhnt – und umgekehrt. Ihre jetzigen Kameraden wird sie bis zum Ende der 4. Klasse begleiten. „Manchmal ist sie auch in anderen Klassen dabei, aber immer in meiner Begleitung“, sagt Leister.

Mittlerweile haben je zwei ihrer Schüler einen wöchentlichen „Hilde-Dienst“. Dann wird der Hund begrüßt, bekommt ein Leckerli, wird verabschiedet. In den Pausen steht auch Gassi-Gehen auf dem Programm – in Begleitung der Lehrerin. Ein Schüler habe zunächst Angst vor dem Hund gehabt, die aber laut Leister schnell abgelegt: „Der Junge war der Erste beim Hilde-Dienst.“

Hilde ist keine Wilde: Mischlingshündin sorgt für entspanntes Arbeiten im Klassenraum

Hilde vertraut den Schülern, bleibt auch im Mittelpunkt einer Gruppe ruhig. Lehrerin Clarissa Leister erklärt den Umgang mit der Hündin. © Privat

Während die Kinder unter der Woche lernen, steht für die Mischlingshündin der Unterricht meist an den Wochenenden an. Clarissa Leister, die mit Hunden in der Familie aufgewachsen ist, hat mit einer Trainerin zunächst einen Hundeführerschein gemacht. Damit ist Hilde nicht am Ende ihres Trainings. Leister will im nächsten Schritt spezielle Kurse für Schulbegleithunde besuchen. „Die Angebote dafür sind überschaubar und schnell ausgebucht“, weiß die 29-Jährige. In die Arbeitszeit fallen solche Termine übrigens nicht: Jedes Training mit ihrem Hund absolviert Clarissa Leister in ihrer freien Zeit an den Wochenenden oder in den Ferien.

PDF Schulministerium NRW Handzettel Schulhund (32 kB)

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