Tränen, Frust und Verzweiflung. Großfamilie Miranda musste innerhalb eines Quartals eine neue Bleibe finden. Ihr größtes Problem: Vier Kinder sind den meisten Vermietern zu viel.

Holzwickede

, 08.06.2020, 04:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Hiobsbotschaft erreicht Familie Miranda am Karfreitag. Ihr Vermieter kündigt den Mietvertrag wegen Eigenbedarf. Drei Monate hat die Familie Zeit, um eine neue Bleibe zu finden, sonst droht er, sie auf die Straße zu setzen. „Wir haben Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt“, sagt Marion Miranda.

Die verzweifelte Suche hat mittlerweile ein gutes Ende genommen, gleichwenn sich Familie Miranda schweren Herzens von Holzwickede verabschieden muss. Das Problem bei der Suche: Die Familie hat vier Kinder und der Holzwickeder Wohnungsmarkt bietet Großfamilien kaum Möglichkeiten. „Wir haben einen Mietspiegel, der macht echt keinen Spaß mehr.“

Anforderungen stark heruntergeschraubt

„Uns war sofort klar, dass wir Vollgas geben müssen.“ Erst 2015 war die Familie nach zweijähriger Suche fündig geworden. Dieses Mal blieb ihr bedeutend weniger Zeit. „Wir haben jede freie Minute genutzt.“ Internetseiten, soziale Netzwerke, Zeitungen, Aushänge in Cafés, Freunde - die Familie lässt keine Gelegenheit aus, ihre Chancen zu erhöhen.

Ihr jetziges Haus bietet 160 Quadratmeter Platz, genug, damit jedes Kind ein eigenes Zimmer hat. Für die Suche nach einer neuen Wohnung geht die Familie mit ihren Anforderungen weiter nach unten. „Wir haben irgendwann sogar nach 100 Quadratmetern gesucht. Das wäre schon eng geworden, da hätten sich die Kinder ein Zimmer teilen müssen. Aber wir waren bereit, Abstriche zu machen.“

„In Holzwickede oder Unna etwas zu finden, ist kaum möglich, wenn man nicht in der Lotterie gewonnen hat.“
Marion Miranda

Drei passende Wohnungen in Holzwickede können sie auf Immobilienseiten finden, schreiben die Vermieter hoffnungsvoll an. „Die wollten dann immer eine Beschreibung von uns haben.“ Von zweien erhalten sie daraufhin keine Antwort, die dritte Reaktion ist ein Schlag in die Magengrube. „Wir wären zu viele Personen. Man würde maximal ein Pärchen mit zwei Kindern suchen.“

Haustiere lieber gesehen als Kinder

Eine Rückmeldung, wie sie Familie Miranda schon öfter erlebt hat und auch dieses Mal noch öfters erlebt. „Die meisten reagieren abwehrend, wenn sie hören, dass wir vier Kinder haben. Oh Gott, eine Großfamilie. Das ist vielen zu laut“, erzählt Marion Miranda. Oft drohe man mit der Aussage, vier Kinder zu haben, auch gleich, in die Schublade „Asozial“ gesteckt zu werden.

Ihre Erfahrung: Haustiere sind bedeutend lieber gesehen als Kinder. Ihr kleiner Hund Daisy erweist sich wie die Zwergkaninchen nur selten als ein Problem. „Auf ein oder zwei Kinder lassen sich die meisten Vermieter noch ein. Danach wird es schwierig.“

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Verteiler verschwindet

  • Mit dem Auszug zum 1. Juli verschwindet auch der Foodsharing-Verteiler Buffy aus der Gemeinde.
  • Der Ersatz ist allerdings schon in Planung.
  • Ob Familie Miranda in Schwerte einen neuen Verteiler aufbauen wird, ist noch unklar.

Schließlich bleibt der Familie keine andere Wahl: „Wir wollten in Howi bleiben, aber wir hatten keine Chance. Wir mussten unseren Suchradius erhöhen. Wir hatten ja keine Zeit.“ Dabei hängt Marion Miranda wie der Rest der Familie an der Gemeinde, hat sich ihren Foodsharing-Verteiler Buffy dort liebevoll aufgebaut.

Eine kleine Wohnung als Übergang

Zwischendurch überlegt die Familie sogar, sich eine kleine Wohnung für den Übergang in Holzwickede zu suchen. „Das wäre finanziell aber nicht machbar gewesen.“ Corona und Kurzarbeit drücken aufs Konto.

„Die Wohnungen, die wir gefunden haben, waren nicht bezahlbar.“ Die Mieten wären schnell auf mehr als 1.000 Euro Kaltmiete angestiegen. „In Holzwickede oder Unna etwas zu finden, ist kaum möglich, wenn man nicht in der Lotterie gewonnen hat.“

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Die kurzfristige Suche und ihr hartnäckiger Vermieter machen der Familie das Leben schwer. „Der stand fast täglich bei uns auf der Matte und wollte wissen, ob wir was gefunden haben und endlich ausziehen.“ Das habe der Familie nicht nur die Feiertage kräftig versaut, sondern auch für das ein oder andere Tränchen gesorgt. „Keiner wollte hier ausziehen. Die Kinder haben geweint und wir hatten einen dicken Kloß im Hals. Es gab Tage, da habe ich nur geheult.“

Eine Reise ins Ungewisse

Schlussendlich hat die verzweifelte Suche Erfolg. Die Familie hat ein Haus in Schwerte gefunden. Mit 130 Quadratmetern ist das sogar nur wenig kleiner als ihr jetziges. Möbeltechnisch muss die Familie allerdings trotzdem drastisch reduzieren, muss viele Abstriche hinnehmen.

„Ohne unsere Freunde wären wir vermutlich immer noch auf der Suche.“ Ihr großes Glück: Die Vermieterin hat selbst drei Kinder und mehrere Haustiere, will das Haus an eine Großfamilie vermieten, die den Platz dringend braucht. Familie Miranda kann ab dem 1. Juli dort einziehen, mit allen vier Kindern, inklusive Hund Daisy und ihren zwei Zwergkaninchen.

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„Die Erleichterung ist da, aber die Magenschmerzen bleiben.“ Es ist eine Reise ins Ungewisse für die Familie, die darauf gebaut hatte, noch gut zehn Jahre in dem Haus an der Hauptstraße bleiben zu dürfen. „Wir verlieren unsere Nachbarn und von meinem Verteiler Buffy muss ich mich auch verabschieden.“

Bei ihr bleibt vor allem die Enttäuschung, nicht in der Emschergemeinde bleiben zu können. Große Familien wie unsere haben es auf dem Wohnungsmarkt echt schwer.“

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