Das einstige Gelände von Künstler-Bahntechnik an der Schäferkampstraße ist verkauft. Der Verkauf einer angrenzenden Gemeindefläche stand zuletzt ebenfalls zur Debatte, ist nun aber vom Tisch.

Holzwickede

, 13.06.2020, 04:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Das Puzzle um potenzielle Gewerbeflächen an der Schäferkampstraße ist vorerst gelöst. Im Februar wurde bekannt, dass ein Investor das einstige Künstler-Bahntechnik-Gelände von Gesellschafter Christian Thiemann erworben hat. Im Zuge dessen nannte Holzwickedes Wirtschaftsförderer Stefan Thiel im damaligen Planungs- und Bauausschuss auch das Interesse des Käufers an rund 0,75 Hektar an gemeindlicher Fläche neben Künstler.

Der Puzzle-Plan der Verwaltung dereinst: Neben Künstler erstrecken sich gen Sölde gut 1,5 Hektar unerschlossenes Gewerbegebiet. Daran schließen weitere 1,5 Hektar festgelegter Ausgleichsfläche an, ehe das Naturschutzgebiet Sölder Bruch beginnt. Die Ausgleichsfläche ist per se tabu. Sie wurde Anfang der 2000er-Jahre ausgewiesen, um nördlich der Wiederholt-Werke weiteres Gewerbe zu ermöglichen. So hat die Gesellschaft für Dach- und Wandtechnik heute hier ihren Sitz.

Die unerschlossene Gewerbefläche indes hätte die Verwaltung gerne gesplittet: 0,75 Hektar werden verkauft. Mit den restlichen 0,75 Hektar würde man künftigen Belangen des Naturschutzes gerecht.

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Vorgeschichte der Fläche bei Verkaufsplänen nicht berücksichtigt

Dass der insgesamt rund drei Hektar große Bereich zwischen Emscherweg im Norden, Künstler-Gelände im Osten, Bahntrasse im Süden und Sölder Bruch im Westen eine ökologische Vorgeschichte hat, wurde indes nicht berücksichtigt.

Möglichen Verkaufsplänen standen die Fraktionen in den bisherigen Fachausschüssen dennoch skeptisch gegenüber. Zum einen wollte man mehr Infos zum Vorhaben des noch unbekannten Investors. Auch wurde der behutsame Umgang mit gemeindeeigenen Grundstücken angemahnt. Und nicht zuletzt wurde an die 1990er-Jahre erinnert, als statt der immer noch nicht realisierten Ost-Umgehung L677n auch eine West-Tangente zur Debatte stand.

Ausgleichsflächen und Ökokonto

Eingriffe in die Natur müssen ausgeglichen werden

  • Greift der Mensch baulich in die Natur ein, regeln Bundesnaturschutzgesetz und Baugesetzbuch, dass dafür ein Ausgleich erfolgen muss.
  • Auf einer geschützten Ausgleichsfläche hat die Natur Vorrang. Kommunen, die ein Ökokonto führen, legen einen Vorrat solcher Flächen an.
  • Die „Bank“ für Holzwickede ist dabei der Kreis Unna. So werden die beiden Bürgerwaldflächen am Oelpfad und die 1,5 Hektar große Feuchtwiese an der Emscher auf der Habenseite geführt.
  • Nach bestimmten Kriterien werden die Flächen in „Biotopwertpunkte“ aufgewogen. Das verschafft der Gemeinde dann Spielraum bei Projekten.
  • Bislang hat die Gemeinde ein Mal auf ihr Ökokonto zugegriffen: Für die Entwicklung des Wohngebietes Neue Caroline wurde 2008 der Gegenwert der Bürgerwaldflächen vom Konto abgezogen.
  • Als eiserne Reserve verbleibt demnach seit 2010 das Grundstück neben Künstler. Diese Reserve hat ungefähr den halben Ausgleichswert, der dereinst für die Neue Caroline kompensiert werden musste.

Ein gutes Vierteljahrhundert ist diese Entscheidung her und unter den Altgedienten in der Lokalpolitik anscheinend präsenter als eine Entscheidung aus dem Jahre 2010: Per Bürgerantrag wurde dereinst beschlossen, dass die besagte Feuchtwiese an der Emscher in das gemeindliche Ökokonto fließt – quasi als Ausgleichsvorrat für künftige Bauprojekte innerhalb der Gemeinde.

Ein möglicher Verkauf dieser Fläche alarmierte den Antragsteller von einst: Orchideen-Fachmann Werner Hessel. Sein Anliegen vor zehn Jahren begründete sich im Schutz einer besonderen Orchideenpopulation. Zwischen heutiger Industriebrache und Sölder Bruch wächst eine besondere Hybridform des Knabenkrautes.

Orchideen stehen für intakte Natur

Für Hessel ist das zum einen ein wichtiger „Indikator für intakte Biotope“; zum anderen birgt der Hybrid ein Alleinstellungsmerkmal: „Diese Form der Dactylorhiza-Hybriden kommt sonst nur noch auf dem abgesperrten Innengelände des Dortmunder Flughafens vor“, weiß Hessel, der seit Jahren die Orchideen-Populationen in Holzwickede und Umgebung untersucht.

Die damalige Umweltbeauftragte Ulrike Hohendorff hatte die Initiative des Gärtnermeisters begrüßt, die Politik stimmte dafür, dass die Wiese aufs Ökokonto „eingezahlt“ wird. Die Kontoführung liegt im Falle von Holzwickede beim Kreis Unna. „Kommunen müssen kein Ökokonto führen. Das wird sehr unterschiedlich gehandhabt“, sagt Peter Driesch, Fachbereichsleiter Natur und Umwelt beim Kreis.

Theoretisch könnte die Gemeinde ihre Ökokonto-Fläche durchaus verkaufen oder bebauen – im Flächennutzungsplan ist sie schließlich weiterhin als potenzielle Gewerbefläche ausgewiesen. Von daher war die Annahme des Wirtschaftsprüfers, hier eine Entwicklungsstrategie vorzustellen, per se nicht verwerflich. Einen Ausgleich müsste die Kommune aber dennoch erbringen.

Die Holzwickeder Knabenkraut-Hybride fotografiert Anfang Juni kurz vor der Vollblüte.

Die Holzwickeder Knabenkraut-Hybride fotografiert Anfang Juni kurz vor der Vollblüte. © Hessel

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Streng geschützt

Orchideen niemals ausgraben

  • Sämtliche Orchideen-Arten in Deutschland sind streng geschützt. Sie dürfen nicht zerstört, gepflückt oder ausgegraben werden.
  • So schön sie sich auch im heimischen Garten machen würden: Ein Umpflanzen wäre ihr Tod.
  • Orchideen gehen eine Symbiose mit Pilzgeflechten im Boden ein und tauschen so wichtige Nährstoffe aus. Kommt ein für die jeweilige Art notwendiger Pilz im Boden nicht vor, hat die Orchidee keine Lebensgrundlage.

Mit 2200 Hektar ist Holzwickede flächenmäßig die kleinste Kommune im Kreis Unna. „Der Grundstücksmarkt ist entsprechend schwierig“, weiß Driesch. Ralf Bessinger, in der Gemeinde für die Bauleitplanung zuständig, drückt es deshalb so aus: „Im Bauamt sind wir aufseiten der Entwicklung immer an einer Flächenbevorratung interessiert. Ein Kämmerer kann das aber wieder ganz anders sehen.“

Letztlich scheint Hessels Antrag dazu geführt zu haben, dass man sich in der Verwaltung nochmals mit dem potenziellen Verkaufsobjekt befasst und auch den Kreis kontaktiert hat. Hohendorffs Nachfolgerin als Umweltbeauftragte will das auf Anfrage so nicht bestätigen, macht aber klar: „Fakt ist, dass wir nach Prüfung feststellen können, dass die Fläche nicht verkauft wird“, sagt Tanja Flormann.

Zusammen mit der nebenliegenden Ausgleichsfläche bleibt die Natur im Holzwickeder Westen auch in Zukunft auf gut 3000 Quadratmetern ungestört. Einen großen Vorteil genießen Knabenkraut und Co. nämlich auch durch die geschützte Lage: Die Emscher samt dichtem Uferbewuchs im Norden, die Bahngleise im Süden, das dicht bewaldete Naturschutzgebiet Sölder Bruch im Westen und das Künstler-Gelände im Osten signalisieren dem Mensch deutlich: Ich muss leider draußen bleiben.

Der Emscherweg zwischen Sölde und Holzwickede: Die Emscher samt dichtem Uferbewuchs verweist den Mensch auf natürliche Weise auf den für ihn vorgesehenen Weg.

Der Emscherweg zwischen Sölde und Holzwickede: Die Emscher samt dichtem Uferbewuchs verweist den Mensch auf natürliche Weise auf den für ihn vorgesehenen Weg. © Greis

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