Am Donnerstag wurde auf Haus Opherdicke gedreht: Ein junger Regisseur aus Schwerte hatte den Spiegelsaal als Drehort gebucht. Ein Besuch vor Ort zeigt, wie aufwendig es sein kann, eine Minute Film zu drehen.

Holzwickede

, 22.08.2019, 18:43 Uhr / Lesedauer: 3 min

Tom Sielemann ist noch nicht zufrieden. „War das schon wütend?“, fragt der Regisseur Darstellerin Marijke Smitt. „Ich wollte es ironisch sagen“, antwortet die. „Nee, die Szene spielt sich in deiner Fantasie ab. Da kannst du alles rauslassen“, weist Sielemann an.

In ihrer Rolle als Ellen Keller probt Smitt mit drei Schauspiel-Kollegen eine Szene für den Kurzfilm „Hier und Jetzt“ – eine ziemlich wichtige sogar. Ellen will im Film von Tom Sielemann als Schauspielerin durchstarten und spricht vor einer dreiköpfigen Casting-Jury für ein Engagement an einem kanadischen Theater vor.

Am Set wird das Drehbuch spontan geändert

So richtig ernst scheint die Jury die junge Frau aber nicht zu nehmen. In einer imaginären Szene soll Ellen der Jury die Meinung geigen, es folgt ihre tatsächliche Reaktion, in der sie sich duckmäuserisch bedankt. Mit Ellens Wutausbruch ist der Regisseur aber nicht zufrieden. Nach 30 Minuten entscheidet er: „Wir ändern die Szene.“ Ellens Wutausfall fliegt aus dem Drehbuch.

Tom Sielemann studiert Film und Regie an der Ruhrakademie Schwerte. Im Vorjahr räumte er mir seinem Kurzfilm „Mia“ Preise auf Filmfestivals von Hagen bis Los Angeles ab und sicherte sich an der Akademie die Vordiplom-Note 1,0 damit. Sein Film über ein Geschwisterpaar, das nach einem Unfall und dem Tod der Mutter in der Psychiatrie landet, kam an.

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In Opherdicke dreht der 26-Jährige nicht für eine gute Note, wohl aber für Filmfestivals: „Das ist ein freies Projekt. An dem Drehbuch sitze ich schon sehr lange“, sagt der Wahl-Schwerter. Seit Jahresbeginn ist er mit der konkreten Umsetzung beschäftigt.

Aktuell stehen die siebentägigen Dreharbeiten an. Bevor es am Donnerstag Richtung Opherdicke ging, wurde am Vormittag bereits im Unnaer Kreishaus gefilmt. Dazu kommen Drehorte in Iserlohn, Dortmund, Gladbeck oder Dorsten. „So viele Drehorte sind auch für mich neu und eine Herausforderung“, sagt Sielemann.

Ein Film über die Freundschaft zweier Frauen

Der Filmplot dreht sich um Ellen und ihre beste Freundin Sophie. Auch wenn Ellen nicht an ihre Chance in Kanada glaubt – sie wird sie bekommen und damit steht die Freundschaft vor einer Zerreißprobe. Was sich ein bisschen wie Seifenoper liest, soll am Ende als Drama funktionieren. Inwieweit die Beziehung der beiden jungen Frauen freundschaftlich ist, oder ob mehr dahinter steckt – darüber schweigt sich der junge Regisseur vorab aus.

Für Marijke Smitt dürfte das Drehbuch durchaus Parallelen zum echten Leben aufweisen: Im Cast wird sie als Influencerin vorgestellt, auf der Fotoplattform Instagram folgen ihr im Netz fast eine Viertelmillion Menschen. Zudem spielte sie bis Herbst 2018 in der Reality-Seifenoper „Berlin – Tag und Nacht“ mit.

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Dreharbeiten für "Hier und Jetzt" auf Haus Opherdicke

Die zweite Hauptdarstellerin wird von Marija Mauer verkörpert. Die gebürtige Russin hat mehr Schauspielerfahrung, spielte acht Monate lang das Au-Pair-Mädchen Eteri in der Telenovela „Rote Rosen“, auch in „Soko Leipzig“ und „Notruf Hafenkante“ sowie in diversen Filmproduktionen war sie schon zu sehen.

„Marija war schon für Mia vorgesehen, dann kam Rote Rosen dazwischen. Als sie den Film gesehen hatte, wollte sie für mich spielen“, sagt Sielemann. Ein bekannter Name für Filmfans im Cast ist zudem Nadine Warmuth, die in Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen, „Rosenheim Cops“ oder „Sturm der Liebe“ gespielt hat.

Damit Tom Sielemann seine Szenen in den Kasten bekommt, ist einiger Aufwand nötig: Bis die einminütige Szene zu seiner Zufriedenheit im Kasten ist, dauert es am Ende eine gute Stunde. Das Team umfasst neben ihm und den Schauspielern auch Setschreiber, Tonleute, Kameramänner, Regie-Assistenten oder Maskenbildner – rund 20 Männer und Frauen wuseln zwischenzeitlich durch den Spiegelsaal.

Für eine Minute Film arbeiten auf Haus Opherdicke 20 Menschen eine Stunde lang

Das Team hinter der Kamera verfolgt die Szene am Monitor und achtet darauf, dass keine störende Gegenstände oder Personen im Bild sind, die da nicht hingehören. © Udo Hennes

Der ist als Drehort für Sielemann optimal: „Das ist hier wie in einem kleinen Theater. Stuhlreihen, Klavier, eine Bühne – perfekt für ein Casting.“ Für den Regisseur, der mit dominanten Ansagen seiner Crew die Richtung vorgibt, ist nicht nur der Dreh selbst fordernd: „Man geht für so ein Projekt natürlich in Vorkasse.“

Crew, Schauspieler, Technik, Schnitt – die Produktion kostet Geld. Und auch wenn „Hier und Jetzt“ unter Low Budget fällt, braucht es laut Sielemann gut 10.000 Euro, damit am Ende ein fertiger Film entsteht.

Zwar gibt es Förderer wie die Stadt Gladbeck oder mit dem Kuwebe ein Schwerter Kulturbüro: „Dennoch freue ich mich über Sponsoren und denke auch über ein Crowdfunding nach dem Dreh nach“, sagt Tom Sielemann.

Der Film soll auf Festivals laufen – vielleicht sogar auf der Berlinale

Nach dem Dreh folgt die sogenannte Postproduktion. Dann wird der 20-minütige Kurzfilm geschnitten und nachbearbeitet. Zum Jahresende soll „Hier und Jetzt“ fertig sein. „Dann möchte ich mich damit auf nationalen und internationalen Filmfestivals bewerben“, so der junge Regisseur.

Dabei schreckt er nicht vor großen Namen zurück. Den Film für die Berlinale einreichen – warum nicht? Schließlich steckt in jeder Minute Film eine Menge Arbeit, die sich auszahlen soll.

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