Manche Familien planen sogar ihren Urlaub danach, wann der Bauspielplatz am Treffpunkt Villa stattfindet – so beliebt ist die Ferienpass-Aktion in Holzwickede. Dieses Jahr gab es gleich zwei Premieren.

Holzwickede

, 27.07.2019 / Lesedauer: 4 min

Lotta, Hannah, Lilli und Mia sind richtig stolz, das ist nicht zu überhören. „Wir haben das Bauernhaus komplett selbst gebaut“, erzählt die zwölfjährige Lilli. Aus Holzlatten und mit Hilfe von Hammer, Säge und Zollstock haben sie und ihre drei Freundinnen binnen weniger Tage ein Bauernhaus im Stile des Mittelalters gezimmert. Auf dem Bauspielplatz am Treffpunkt Villa zählen die vier Mädchen damit eindeutig zu den „Profis“.

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Zwei Wochen lang in eine komplett andere Welt eintauchen und diese auch praktisch erschaffen – diese Idee steckt hinter der Ferienpass-Aktion „Bauspielplatz“. Seit Jahrzehnten begeistert sie Kinder in Holzwickede derart, dass die Plätze schnell vergeben und viele „Wiederholungstäter“ stets dabei sind.

„Man muss schon mit einem Hammer umgehen können und auch wissen, wie man eine Säge benutzt.“
Mia, 11 Jahre

Die elfjährige Mia macht zum dritten Mal mit und weiß, worauf es ankommt. „Man muss schon mit einem Hammer umgehen können und auch wissen, wie man eine Säge benutzt“, sagt sie. Denn die Gebäude, die im Rahmen des Projektes entstehen, bauen die 24 Kinder komplett selbst – natürlich unter Anleitung ihrer Betreuer.

„Das ist eigentlich das Schwierigste, überhaupt erstmal eine Idee zu haben, was man bauen möchte.“
Lilli, 12 Jahre

Burg, Taverne und Bauernhaus lassen das Mittelalter aufleben

Doch so viel Unterstützung haben zumindest Mia und ihre Truppe gar nicht gebraucht. „Die vier haben das im Grunde komplett alleine gebaut“, erzählt Sozialarbeiterin Kerstin Dreisbach-Dirb. Schon die Idee, ein Bauernhaus zu bauen, kam von den vier Mädels. Denn eine Burg war bereits in Planung, eine Taverne auch – also fehlte noch etwas zum „normalen Wohnen.“

Kein Handy, dafür Hammer und Säge: Auf dem Bauspielplatz zählt der Teamgeist

Es ist sofort zu erkennen: Dieses Gebäude stellt das Verlies der Burg dar. Eingesperrt werden hier übrigens nur Erwachsene – die erst wieder rausgelassen werden, wenn sie ein paar Rätselaufgaben lösen. © Anna Gemünd

„Das ist eigentlich das Schwierigste, überhaupt erstmal eine Idee zu haben, was man bauen möchte“, findet Lilli. Doch kaum war die Idee da, machten sich die Mädchen ans Planen und vor allem ans Bauen. „Da muss man schon auch etwas Kraft haben“, sagt Hannah, „wir haben die ganzen Bretter, die wir für unser Haus brauchten, erstmal zum Bauplatz tragen müssen.“

Die Rückwand ihres Hauses bauten die Mädchen innerhalb eines Tages. Doch dann gab es einen Rückschlag: Ein kleines Fenster sägten die Mädchen in mühevoller Detailarbeit in die vordere Wand – nur, um am nächsten Tag vor den Trümmern ihres Werkes zu stehen. „Da waren offenbar nachts welche hier und haben das kaputt gemacht“, erzählt Lotta.

„Man muss schon auch etwas Kraft haben. Wir haben die ganzen Bretter, die wir für unser Haus brauchten, erstmal zum Bauplatz tragen müssen.“
Hannah, 11 Jahre

Vandalismus-Schaden kreativ genutzt

Doch die Mädchen nutzten den ärgerlichen Vandalismus für eine neue Idee: Spontan bekam ihr Bauernhaus eine ganze Fensterfront – inklusive Gardinen. Und sogar eine zweite Etage thront nun auf dem fertigen Bauernhaus, komplett mit Spitzdach und Geländer. „Da haben wir aber echt Geduld gebraucht, denn das ist anfangs immer wieder runtergefallen“, berichtet Lilli.

Kreative Ideen entwickeln, mit Rückschlägen umgehen und vor allem im Team zusammenarbeiten: Quasi „ganz nebenbei“ lernen die Teilnehmer des Bauspielplatzes wichtige Fähigkeiten.

Kein Handy, dafür Hammer und Säge: Auf dem Bauspielplatz zählt der Teamgeist

Sozialarbeiterin Kerstin Dreisbach-Dirb vor dem selbst gebauten Marktstand, an dem die Kinder Armbänder und Specksteine verkaufen. © Anna Gemünd

Burgen und Schiffe sind die beliebtesten Bauten

Für Sozialarbeiterin Kerstin Dreisbach-Dirb sind das die netten Nebeneffekte, die das Projekt mit sich bringt. Sie betreut den Bauspielplatz seit 1995 und hat schon so manche Burg und so manches Schiff hinter der Villa mitgebaut. „Eine Burg ist eigentlich immer dabei, egal bei welchem Thema“, lacht sie.

„Eine Burg ist eigentlich immer dabei, egal bei welchem Thema.“
Kerstin Dreisbach-Dirb., Sozialarbeiterin

Ständig mit dabei haben die aktuellen Bauspielplatz-Kinder im Gegensatz zu ihren Vorgängern von vor 25 Jahren auch etwas anderes: „Alle haben mittlerweile ein Handy.“ Am ersten Tag waren die Geräte noch erlaubt, doch Dreisbach-Dirb und ihre Kollegen stellten schnell fest: „Die schauen ja ständig drauf, um mal eben was zu schreiben oder ein Spiel zu spielen. Dabei sind sie ja hier, um wirklich zu spielen.“

Handys bleiben tagsüber im „Handyhotel“

Also kamen die Handys kurzerhand in „Handyhotels“ und blieben während des Tagesprogramms dort – im Mittelalter gab es schließlich auch keine Handys. „Das erste, was man merkte, war, dass es plötzlich viel lauter war“, beschreibt Kerstin Dreisbach-Dirb den Effekt des Handy-Verbots, „denn sonst tippte jedes Kind irgendwann mal ganz für sich auf dem Handy rum – und plötzlich redeten sie miteinander. Das war richtig schön zu sehen.“

Die „Handy-frei“-Premiere beim Bauspielplatz ist also gelungen und dürfte sich etablieren. Eine weitere Premiere vermutlich eher nicht: Auch das Thema „Mittelalter“ war in diesem Jahr neu. „Wir versuchen eigentlich jedes Jahr etwas Neues als Motto für den Bauspielplatz zu finden“, erklärt Kerstin Dreisbach-Dirb.

„Das ist schon sehr schade, dass es jetzt wieder abgebaut wird.“
Lotta, 12 Jahre

Gebäude werden nur einen Tag nach Programmende wieder abgebaut

Zumal die Mittelalter-Kulisse nur einen Tag nach dem großen Abschlussfest am Freitag bereits wieder abgebaut wurden. „Wir haben schließlich keine TÜV-Abnahme für diese Häuser“, erklärt Dreisbach-Dirb fast schon entschuldigend. Dass ihr Bauernhaus bald schon wieder verschwindet, trifft auch die „alten Hasen“ Lotta, Lilli, Mia und Hannah. „Das ist schon sehr schade.“ Aber sie wissen auch: Die Holzbretter werden recycelt – und sind im nächsten Jahr wieder Baumaterial für eine dann ganz neue Welt. An der Lotta, Mia, Lilli und Hannah bestimmt mitarbeiten werden – schließlich sind sie ja die Profis.

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