Fairtrade-Town Holzwickede – die Gemeinde darf sich nun wieder mit diesem Etikett schmücken. Doch ist das Bekenntnis zu fairem Handel und gegen Kinderarbeit wirklich Aushängeschild oder ein Etikettenschwindel?

Holzwickede

, 29.07.2019 / Lesedauer: 4 min

Das Zertifikat „Fairtrade-Town“ hat Holzwickede kürzlich erneut erhalten. Die Gemeinde erfüllt damit Mindeststandards, wenn es darum geht, den Gedanken fairen Welthandels ins öffentliche Bewusstsein zu bringen.

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Kaffee, Tee und Zucker aus fairem Handel im Rathaus

Manuela Hubrach hat getan, was sie tun konnte. Die Gleichstellungsbeauftragte ist in der Gemeindeverwaltung auch für das Fairtrade-Thema zuständig. Kaffee, Tee und Zucker aus fairem Handel werden bei offiziellen Anlässen im Rathaus gereicht, es gab auch mal Rotwein im Geschenkset. Blumenschmuck wird möglichst aus Pflanzen dekoriert, die unter fairen Arbeitsbedingungen angebaut worden sind.

Fairtrade-Gemeinde Holzwickede: Zertifikat zwischen Aushängeschild und Etikettenschwindel

Mit ihrem Siegel Fairtrade-Town geht die Gemeinde Holzwickede nun auch in die Post: Weil ohnehin neue Briefbögen mit dem Logo "Holzwickede ohne Rassismus – Holzwickede mit Courage" gedruckt werden sollten, ergänzte die Verwaltung das neue Briefpapier nun um das Emblem "Fairtrade-Gemeinde". © Marcus Land

„Da achtet die Bürgermeisterin drauf“, sagt Manuale Hubrach. Auch Probieraktionen fair gehandelter Produkte auf dem Wochenmarkt oder dem Streetfood-Markt hat Hubrach initiiert. Und sie spricht das Thema bei jeder Gelegenheit an, in Kitas, Schulen oder in der Seniorenbegegnungsstätte.

Trotzdem fühlt sich die kleine Steuerungsgruppe mit ihr an der Spitze alleingelassen, denn Ehrenamtliche brechen weg und der „Fair Trade“-Gedanke wird quer durch die Gemeinde eigentlich noch nicht richtig gelebt.

Fairtrade-Gemeinde Holzwickede: Zertifikat zwischen Aushängeschild und Etikettenschwindel

Das Foto entstand im August 2012. Damals wurde Holzwickede zum ersten Mal zur Fairtrade-Gemeinde und die Akteure der Steuerungsgruppe freuten sich über den Erfolg. Mittlerweile ist man erneut rezertifiziert worden. © Udo Hennes

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Global denken, lokal handeln – unter diesem Leitgedanken steht auch die Fairtrade-Town-Kampagne. Menschen für das Thema Kinderarbeit, Nachhaltigkeit, lange Transportwege und faire Bezahlung zu sensibilisieren, ist auf lokaler Ebene besonders gut möglich. Wenn denn alle lokalen Akteure mitziehen. Nach engagiertem Start im Jahr 2013 driften die Aktionen in Holzwickede aber eher auseinander, als dass einem Strang gezogen würde.

»In Großstädten wie Münster kommt der Druck aus der Zivilbevölkerung.«
Manuela Hubrach, Fairtrade-Beauftragte der Gemeinde

„In Großstädten wie Münster kommt der Druck aus der Zivilbevölkerung“, sagt Manuela Hubrich. Da würden Eltern schon nach der „fairen Kita“ suchen. In kleineren Gemeinden ist „Fairtrade“ dagegen noch kein Faktor im täglichen Leben. Und während Dortmund seine Feuerwehrleute mit Anzügen aus fair produzierter Baumwolle ausrüstet, müsse man im Holzwickeder Rathaus erst noch hauptamtliche Stellen schaffen, um Materialbeschaffung fair auszurichten.

  • Die Vereine

Sportbälle werden zuhauf in Entwicklungsländern produziert. Näher und Näherinnen in Pakistan verdienen oft nur einen Bruchteil des gesetzlichen Mindestlohns. Familien verarmen, auch Kinder müssen daher oft mitarbeiten, um das Einkommen der Familie zu verbessern. Bälle mit dem Fairtrade-Siegel verbürgen faire Arbeitsbedingungen.

Fairtrade-Gemeinde Holzwickede: Zertifikat zwischen Aushängeschild und Etikettenschwindel

Fairtrade-Aktion 2013: Nicolas Dähn, Stephanie Bode-Hintz, Silke Klute, die fünfjährige Marilena Klute, Heike Grosser und Jan Brückhändler bereiteten damals den ökumenischen Time-out-Jugendgottesdienst vor und präsentieren die fair gehandelten Fußbälle, die nach dem Gottesdienst verkauft wurden. © Udo Hennes

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In Holzwickede ist Manuale Hubrach bei diesem Thema noch nicht weit gekommen. „In den Vereinen muss sich jemand dafür interessieren“, weiß sie und wünscht es sich zugleich. Entweder ist also kein Bewusstsein für Fairtrade da oder es gibt zwingende Qualitätsvorgaben. Die Fußballer in Holzwickede winkten jedenfalls ab. „Die wollten nicht einmal gesponserte Bälle haben.“

  • Die Einzelhändler und Gastronomen

In den Supermärkten fehlen fair gehandelte Produkte meistens nicht mehr, vor allem Kaffee und Tee ist im Sortiment. Darüber hinaus tut sich beim lokalen Einzelhandel und in der Gastronomie aber nicht viel. „Eigene Aktionen gehen gegen Null“, sagt Manuale Hubrach. Dabei würde die Fairtrade-Steuerungsgruppe mit Werbematerial gern behilflich sein.

Zur Sache

Mindeststandards werden in Holzwickede erfüllt

  • Auf Antrag des Initiativkreises Holzwickede und der Kirchengemeinden Stephanus und Liebfrauen beschloss der Gemeinderat im Dezember 2012, sich um das Fairtrade-Town-Siegel zu bemühen.
  • Die erste Zertifizierung war bereits im August 2013 erfolgreich, im Juli 2019 ist man nun zum zweiten Mal rezertifiziert worden.
  • Die Gemeinde Holzwickede erfüllt dafür die Mindeststandards, darunter den Ausschank fair gehandelter Getränke in der Verwaltung oder Öffentlichkeitsarbeit.
  • In einer Steuerungsgruppe lenken aktuell sieben Personen die Aktivitäten, beteiligt sind neben der Gemeindeverwaltung die Kirchengemeinden, die Seniorengruppe Rat und Tat sowie das Stadtmarketing.
  • Die Gemeinde stellt ein kleines Budget bereit, aus dem zum Beispiel Werbemittel bezahlt werden können.
  • Informationen zum Thema Fairtrade bei Manuela Hubrach unter Tel. (0 23 01) 44 66 oder E-Mail an m.hubrach@holzwickede.de.

  • Die Kirchengemeinden

Elisabeth Buckemüller bestätigt: In der Liebfrauengemeinde ist vor einem Dreivierteljahr die Fairtrade-Aktivität eingestellt worden – mangels engagierter Gemeindemitglieder. Mit dem Verkauf von Waren aus fairem Handel wollte man „Impulse für kritisches Verbraucherverhalten setzen“ und beweisen, dass fair gehandelte Produkte qualitätvoll sind und oft aus biologischem Anbau stammen.

Fairtrade-Gemeinde Holzwickede: Zertifikat zwischen Aushängeschild und Etikettenschwindel

Beim Streetfoodmarkt in Holzwickede bot die Fair-Trade-Gruppe bereits faire Waren zum Probieren an. © Gemeinde Holzwickede

Rita Wienand möchte Liebfrauen gern dabei unterstützen, wieder aktiv zu werden. In der Stephanusgemeinde achtet Wienand zum Beispiel besonders auf den Kauf von fair gehandelten Blumen. Blumengeschäfte vor Ort seien insofern oft benachteiligt, weil die Fairtrade-Blumen meist an Großabnehmer vertrieben werden. Beim Discounter seien ihr diese Blumen aber „verdächtig billig“. Daher setze sie lieber auf regionale Blumen vom kleinen Händler – denn wenn die Pflanzen nicht aus Übersee stammen, sei das bereits ein Gütesiegel.

  • Die Schulen und Kitas

Besonders in den Holzwickeder Schulen ist das Thema Fairtrade präsent – Manuela Hubrich erfährt nur zu selten davon, die Steuerungsgruppe kann also Projekte nicht koordinieren oder vernetzen. Schulsozialarbeiter Dennis Herkelmann berichtete ihr zum Beispiel von der Schülerfirma an der Josef-Reding-Schule, die in einem Projekt der Frage nachging, wo und was in Holzwickede an fair gehandelten Produkten erworben werden kann. Vorstellen könnte sich Hubrach, dass Schulkioske solche Produkte anbieten. „Das muss aber vom Preis her passen, denn es ist alles einen Hauch teurer“, räumt Hubrach ein.

Fairtrade-Gemeinde Holzwickede: Zertifikat zwischen Aushängeschild und Etikettenschwindel

Vertreter des Initiativkreises, der Verwaltung, der Kirchengemeinden und des Forums für Umwelt und gerechte Entwicklung setzten sich 2012 dafür ein, dass Holzwickede eine Gemeinde des fairen Handels wird. Der Rat nahm einen entsprechenden Antrag im Dezember des Jahres an. © Archiv

Auf die Schulen setzt Manuela Hubrich dennoch künftig verstärkt. Schließlich hätten die Fridays-for-Future-Bewegung und die Fairtrade-Kampagne den Kilmawandel als gemeinsamen Anknüpfungspunkt. „Das ähnelt sich in bestimmten Forderungen“, so Manuela Hubrach.

Und was spräche denn dagegen, wenn man mit einem globalen Anliegen wie dem Stopp des Klimawandels in seiner Heimatgemeinde beginnt? Manuela Hubrach ist hoffnungsvoll: „Es ist eine Frage der Zeit, bis sich das durchsetzt.“

Zur Sache

Klimawandel ist ein Arbeitsschwerpunkt von Fairtrade

  • Fairtrade Deutschland hat fünf Arbeitsschwerpunkte: Klimawandel, Kinderrechte, Arbeiterrechte, Geschlechtergerechtigkeit und Stärkung von Kleinbauern.
  • Beispiel Kleinbauern: Die Zahl der Kleinbauernfamilien und Beschäftigten auf Plantagen im Fairtrade-System stieg bis Ende 2016 auf 1,66 Millionen.
  • Es gibt über 1400 Fairtrade-Produzentenorganisationen in 73 Ländern. 25 Prozent der Fairtrade-Bäuerinnen und- Bauern sowie -Arbeitskräfte sind Frauen.
  • Fairtrade arbeitet weiterhin hauptsächlich mit Kleinbäuerinnen und -bauern zusammen. Insgesamt erhielten Fairtrade-Produzenten Fairtrade-Prämiengelder in Höhe von 150 Millionen Euro.
  • Die Gesamteinnahmen durch die Fairtrade-Prämie stiegen deutlich an, sowohl für Kleinbauernorganisationen als auch für Beschäftigte auf Plantagen.

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