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100 plus 80 gleich über 500. In einer Matheklausur wäre so ein Ergebnis sicher keinen Punkt wert. Auf dem Hof Wiggermann aber werden selbst mathematische Gesetzmäßigkeiten am Freitagabend gebrochen.

von Kirsten Behr

Opherdicke

, 18.05.2019 / Lesedauer: 4 min

„Dort in der Mitte, das ist meine Urgroßmutter“, sagt Dieter Wiggermann. Sein Finger zeigt auf eine Frau in einem dunklen Kleid. Sie sitzt auf einem Stuhl. Die Lippen schmal, der Blick ernst. „Meine Enkel sagen immer: Auf dem Foto sehen sie doch alle etwas mürrisch aus. Aber so war das damals, kurz nach dem Krieg.“ Es ist das erste Foto, das Wiggermanns Vorfahren auf ihrem Hof in Opherdicke zeigt. Im März 1919 hatte seine Familie Haus und Gelände erworben. Seit 100 Jahren ist der Hof nun in Familienbesitz. Wiggermann hat davon über Dreiviertel miterlebt. Ein doppelt runder Geburtstag: 100 Jahre Hof, 80 Jahre Dieter Wiggermann. Eine gute Gelegenheit, zu feiern und auf eine Familiengeschichte zurückzublicken, die ihn, seine Frau, seine Kinder und die Enkel fest in Opherdicke verankert.

Ein doppelt runder Geburtstag in und für Ostendorf

Mit strengen Mienen posierten die Vorfahren von Dieter Wiggermann einst für das Familienfoto. © privat

Eine über 500-jährige Hofgeschichte

Eine große Wahl hatten Wiggermanns Urgroßeltern 1919 nicht. Wie viele andere musste auch Familie Bark-Nierhaus ihren Hof in Dortmund-Mengede an die wieder wachsende Industrie verkaufen und sich nach einem neuen Lebens- und Arbeitsort umsehen. Mit dem Land und Hof gleich hinter Haus Opherdicke erstanden sie ein echtes Stück Geschichte. Ein alter Stammbaum und ein Haufen vergilbter Pläne halfen Wiggermann dabei, die Historie des Geländes bis ins 15. Jahrhundert nachzuvollziehen. Das älteste Dokument ist auf 1486 datiert. Vielleicht, so Wiggermann, sei der Hof aber noch viel älter.

Ein doppelt runder Geburtstag in und für Ostendorf

Der Hof Wiggermann an der Dorfstraße in Opherdicke ist seit 100 Jahren in Familienbesitz. © privat

Abgaben an die Grundherren auf Schloss Opherdicke

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts waren seine Besitzer Haus Opherdicke hörig, mussten ihrem Grundherren Abgaben zahlen und Frondienste leisten. 1848 wurde in Deutschland das Gesetz der Hörigkeit im Zuge der Bauernbefreiung aufgehoben. Hörige wurden Pächter oder kauften, wie die damaligen Besitzer von Wiggermanns Hof, das Land als Eigenbesitz. Nach dem ersten Weltkrieg war der Hof auch für die damalige Familie Bark-Nierhaus vor allem Garant der eigenen Ernährung. „So kurz nach dem Krieg herrschte natürlich großer Hunger, da war so ein Hof überlebenssichernd“, meint Wiggermann. Er selbst ist auf dem Hof geboren - „oder eher gesagt, in Unna im Krankenhaus“, grinst der Opherdicker - aber an der Dorfstraße aufgewachsen.

Erbfolge nach „Ältestenrecht“

Als ältestes von sechs Kindern hat Dieter Wiggermann den Hof von seinen Eltern, dem ersten Ehepaar Wiggermann, übernommen. So wie die traditionelle Erbfolge das vorgesehen habe. „Ältestenrecht“ habe man das genannt. Lediglich für seine zweijährige Lehre tauschte Wiggermann Ostendorf gegen das Rheinland. Der Hof Wiggermann, das sei sein Zuhause, immer gewesen. Hier sah er Kinder und Getreide wachsen, hier arbeitete er täglich im Stall und auf den Feldern.

80-Jähriger bewirtschaftet heute noch eineinhalb Fußballfelder große Fläche

Von den 60 Hektar Land, die Wiggermann zeitweilig bewirtschafte, sind heute nur noch zwölf übrig. Schweine, Kühe und Pferde, genauso wie Kartoffeln und Zuckerrüben musste er mit wachsendem Altern nach und nach aufgeben. Getreide und Raps auf der Fläche von immer noch eineinhalb Fußballfeldern bewirtschaftet er bis heute alleine mit seiner Frau. Die Frage, wie er das mit 80 Jahren noch schaffe, scheint ihn zu verwundern. Mit dem Trecker zu fahren, zu ernten, was er sät, das scheint ihm so sehr ins Blut gegangen zu sein, dass er es fast selbstverständlich tut.

Nicht die Zwackerlein drücken, sondern Bürokratie tut es

Tatsächlich spricht Wiggermann weniger über die für ihn zunehmenden körperlichen als über die stetig zunehmenden administrativen Belastungen. Jedes Spritzmittel, jeder Düngereinsatz müsse inzwischen dokumentiert, nachgewiesen und begründet werden. Auch wenn die fortschreitende Technik viele Dinge eigentlich erleichtert habe, ihre Überprüfung erschwere sie wieder. Dennoch macht er seine Arbeit bis heute sichtlich gerne: „Man arbeitet mit dem Wetter. Das ist den meisten gar nicht klar.“ Gleichzeitig anstrengend und spannend sei die Landwirtschaft deshalb.

Den Hof wird trotzdem keines seiner beiden Kinder übernehmen. „Das ist schwer, zu verstehen“, verrät er, „wenn man sein ganzes Leben hier verbracht hat. Aber sie haben ihr eigenes.“ Mit Wiggermann wird eines Tages die Geschichte des Hofs als Hof Wiggermann enden. Seine weit über 500-jährige Geschichte sicher nicht.

Ein doppelt runder Geburtstag in und für Ostendorf

Dieter und Edith Wiggermann stießen beim Hoffest auf das Jubiläum an. © Udo Hennes

Eine Feier von, für und mit Ostendorf

70 Gäste hat der Landwirt eingeladen, an diesem besonderen Tag teilzuhaben. Familie, Freunde, Nachbarn, vielfach mehreres in einem. Den Tisch vor den ältesten Hoffotos hat die Familie für die Geschenke reserviert. Hier stapeln sich schnell Blumen, Karten, Wein und Basteleien. Für Wiggermann ist aber ganz offensichtlich das viel größere Geschenk, dass seine Gäste nicht nur mit ihm feiern, sondern ihn auch stetig unterstützen: „So was wie hier in Ostendorf, das gibt es nur einmal“, sagt er in seiner Ansprache, „hier, wo Zelte gemeinsam auf- und hoffentlich auch wieder abgebaut werden.“

Seinen augenzwinkernden Humor kennen die Opherdicker. Und obwohl das ein oder andere „Das werden wir sehen!“ zu vernehmen ist, sobald der Abend vorbei ist, werden sie wieder gemeinsam anpacken für einen ihrer alteingesessensten Ostendorfer. Denn das, was Wiggermann noch leiste, das sei schon vorbildlich. Und ihre Unterstützung, die sei Ehrensache.

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