Dank eines ehrenamtlichen Schraubers öffnet die Radwerkstatt wieder

dzHilfe für Flüchtlinge

Rund ein Jahr lang tat sich nichts in der Fahrradwerkstatt an der Massener Straße. Mittlerweile wird hier wieder geschraubt: Ein Senior will hier Räder für Flüchtlinge flott machen.

Holzwickede

, 16.12.2019, 17:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Nach gut drei Wochen hat sich Norbert Griese mittlerweile in der Fahrradwerkstatt an der Massener Straße 69 eingerichtet. „Ich musste zunächst mal ein bisschen sauber machen und sortieren, aber mittlerweile kann ich arbeiten“, sagt der 76-Jährige.

Montags und freitags jeweils zwischen 10 Uhr und 12 Uhr hat Griese nun im Keller des gemeindeeigenen Gebäudes ein eigenes kleines Reich, um an Fahrrädern zu schrauben. Hier will er gespendete oder gefundene und nie abgeholte Räder wieder flott machen. Die gibt die Gemeinde an Flüchtlinge aus, auch hilft Griese in der Werkstatt bei kleineren Reparaturen.

Den ersten Flüchtlingen konnte er bereits helfen. „Da war mal ein Reifen platt, war das Ventil kaputt“, sagt der Holzwickeder. Beim Besuch vor Ort am Montagmorgen schlägt er sich gerade mit einer hartnäckigen Kurbel rum, deren Steckbolzen sich partout nicht lösen lässt.

Rentner ist froh über einen sinnvollen Zeitvertreib

Alte Räder flott machen – je nach Zustand und Standzeit kann das eine mühevolle Arbeit sein. Griese macht sie gerne. „Zu Hause auf der Couch sitzen und Fernsehen schauen, das ist nichts für mich“, sagt der Rentner. In Unna kam er in einer Radwerkstatt mit einem Mitarbeiter ins Gespräch, der ihn an den Holzwickeder Teamleiter Soziale Dienste, Andreas vom Lehn, vermittelte.

So kam Norbert Griese zu seiner neuen Aufgabe. Handwerklich begabt, ist der Senior augenscheinlich. „Ich bin Allrounder“, sagt der gelernte Schlosser, der später zum Kranführer umschulte. „Wo heute der Phoenix-See ist, habe ich einst im Hüttenwerk alle möglichen Kräne bedient“, sagt Griese.

Schon im Jugendalter seien Fahrräder immer eine willkommene Gelegenheit gewesen, um zu schrauben. „Da hat man dann aus allen möglichen Teilen etwas zusammengebastelt. Die Räder hatten damals zum Teil ja noch Holzfelgen“, erinnert er sich und fügt an: „Später haben wir dann Mopeds frisiert. Da wurde einfach ausprobiert. Irgendwelche Anleitungen im Internet – das war ja nicht drin.“

Dank eines ehrenamtlichen Schraubers öffnet die Radwerkstatt wieder

Einst arbeiteten Ehrenamtler der Initiative „Willkommen in Holzwickede“ und Asylsuchende wie Selman Pelivanovic (r.) gemeinsam in der Radwerkstatt. © Udo Hennes

Material- und Ersatzteillager ist nicht all zu üppig

Acht Fahrräder stehen momentan in der kleinen Kellerwerkstatt an der Massener Straße. Zwei Radspenden hat Norbert Griese zuletzt wieder flott gemacht. „Am besten sind noch die Schaltungen am Rahmen. Aber das gibt es ja kaum noch“, sagt der 76-Jährige.

Ein paar Fahrradschläuche, die nötigsten Schrauben, das wichtigste Werkzeug – vor allem die Ersatzteillage ist noch recht überschaubar. Momentan ist noch offen, inwieweit die Gemeinde hier finanziell oder materiell Unterstützung geben kann, oder ob der Senior künftig allein auf Materialspenden angewiesen sein wird.

„Die Radwerkstatt ist gerade wieder angelaufen. Momentan ist es quasi so, dass Herr Griese aus drei reparaturbedürftigen Rädern ein funktionierendes basteln kann“, sagt Andreas vom Lehn. Für ihn sei zunächst wichtig, dass sich in Norbert Griese ein Ehrenamtler gefunden hat, der sowohl Lust als auch Zeit hat, in der Radwerkstatt zu arbeiten.

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Einige offene Fragen für die Zukunft der Radwerkstatt

Inwieweit sich das Angebot möglicherweise entwickeln könne, das werde im Laufe des kommenden Jahres ein Thema für den Verwaltungsvorstand. In Grünen-Fraktionschef Friedhelm Klemp hat die Radwerkstatt jedenfalls einen Unterstützer der ersten Stunde, der sich vorstellen kann, dass hier nicht nur Flüchtlinge ihre Räder reparieren können. „Das hätte auch einen integrativen Charakter und würde sicherlich vor allem von älteren Bürgern angenommen“, sagt Klemp.

„Verständigung ist für mich kein Problem. Ich kann quasseln und helfe jedem, der Hilfe braucht.“
Norbert Griese

Einen Fahrradladen gibt es in der Gemeinde schließlich nicht. Zumindest kleinere Reparaturen lassen sich zu bestimmten Terminen erledigen, wenn die Awo-Tochter DasDies GmbH zwischen Frühjahr und Herbst mit ihrer Mobilen Radwerkstatt auf dem Marktplatz zugegen ist.

Klemps Vorstoß muss Andreas vom Lehn einschränken: „Natürlich wäre das schön. Aber da gibt es noch viele Frage zu klären.“ Als gewerblich dürfe das Angebot nämlich nicht eingestuft werden. Die Frage würde sich aber stellen, wenn man bestimmte Zielgruppen zumindest für Materialkosten zahlen lassen müsste.

Norbert Griese ist es indes egal, für wen er schraubt. Der Senior redet gerne und auch viel: „Verständigung ist für mich kein Problem. Ich kann quasseln und helfe jedem, der Hilfe braucht.“

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