Heroin-Ambulanz: Dr. Plattner nimmt Einladung an und will sein Projekt vorstellen

dzHilfe für Drogensüchtige

Ein ambulanter Behandlungsstandort für Drogensüchtige im Holzwickeder Norden: Wie muss man sich das vorstellen? Einer Einladung aus dem Rathaus, das Projekt vorzustellen, will der leitende Arzt nachkommen.

Holzwickede

, 22.09.2020, 04:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Nachricht, dass der Düsseldorfer Mediziner Dr. Christian Plattner in einem Bürogebäude an der Wilhelmstraße eine Diamorphinambulanz eröffnen will, sorgte in den vergangenen Wochen für Verunsicherung in der Gemeinde.

Die Befürchtungen sind da, dass sich dadurch eine Drogenszene entwickeln könnte. Zudem musste sich Bürgermeisterin Ulrike Drossel deutliche Kritik aus der Lokalpolitik gefallen lassen, weil man in der Verwaltung zwar von dem Vorhaben wusste, das aber nicht kommunizierte. Begründung: Die Wahl des Standorts liegt nicht im Einflussbereich der Kommune.

Noch vor den Kommunalwahlen am 13. September wurde die Verwaltung in einem politischen Fachausschuss dafür von den Fraktionen hart angegangen – zumindest auf politischer Ebene hätte man sich Transparenz gewünscht, um fraktionsübergreifend mit dem Thema umgehen zu können.

Vor- und Nachteile

Heroin als Arzneimittel

  • Ärzte wie Dr. Plattner verweisen darauf, dass die Patienten durch Diamorphin weniger in einen Drogenrausch geraten. Vielmehr vermittelt der Stoff ein Gefühl von Sicherheit sowie Wärme und lässt Patienten im Alltag überhaupt erst „funktionieren“.
  • Als Vorteile der Behandlung werden auch der geringere Beschaffungsdruck, der oft in die Kriminalität führt, sowie die medizinisch saubere Versorgung genannt.
  • Nachteile: Heroin macht eben süchtig und schwer suchtkranke Patienten vom Stoff zu lösen, ist entsprechend schwierig. Auch löst Diamorphin nicht andere Süchte auf: Begleitender Konsum von Alkohol und anderen Drogen ist durch eine Diamorphinbehandlung nicht auszuschließen.
  • Diamorphin ist zudem um ein Vielfaches teurer in der Behandlung als etwa Methadon. Mit rund einem Prozent ist der Diamorphin-Anteil an allen ausgegebenen Substitutionsmitteln in 2019 zwar verschwindend gering – als Kassenleistung könnte das Arzneimittel aber Thema werden, wenn künftig mehr Menschen die Behandlung in Anspruch nehmen.

Düsseldorfer Mediziner nimmt Einladung aus dem Rathaus an

Drossel hatte daraufhin angekündigt, unter anderem auch im Vorfeld der Kommunalwahlen im Livetalk dieses Medienhauses auf Haus Opherdicke (im Video ab Minute 58:00), dass man Dr. Plattner in die Gemeinde einladen wolle, damit er offene Fragen zur Diamorphinambulanz beantwortet.

Auf Anfrage unserer Redaktion hat der Mediziner bestätigt, dass er bereit sei, mögliche Irritationen rund um die ambulante Behandlung drogensüchtiger Patienten in der Gemeinde auszuräumen.

Da vor allem in den sozialen Medien immer wieder darüber spekuliert wurde, wie es sein könne, eine solche Ambulanz in Holzwickede ohne Einflussnahme der Kommune zu eröffnen, das im benachbarten Dortmund aber verhindert worden sei, stellt Dr. Plattner auf Nachfrage zudem klar, dass ein dortiger Standort nicht etwa durch eine offizielle Abstimmung im Stadtrat verhindert wurde.

„Wenn Sie so einen Standort öffnen wollen, müssen Sie von Beginn an offen zum Vermieter sein. Wir hatten ein Gebäude an der Martinstraße am Gesundheitsamt. Der Vermieter fand unser Vorhaben gut, aber plötzlich konnten wir die Immobilie nicht mehr haben“, sagt Plattner. Ganz in der Nähe befindet sich mit dem Café Kick bereits ein großer Konsumraum. Eine offizielle Begründung für die Absage hat Plattner nicht – er vermutet, dass innerstädtische Seilschaften eine Rolle gespielt haben könnten.

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Plattners Erfahrung mit Heroin-Ambulanzen an zwei Standorten

„Dann habe ich an einen Mediziner aus Berlin gedacht, der eine Ambulanz abseits der üblichen Szene eröffnet hat“, sagt Dr. Plattner. Da er bereits eine Praxis in Düsseldorf und seit Sommer auch in Wuppertal betreibt, hat er mittlerweile Erfahrungswerte sammeln können: In der Landeshauptstadt liegt seine Praxis nahe am Worringer Platz, der als Szenetreff etabliert war, bevor Plattner in der Nähe seine Ambulanz eröffnete.

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„Wer gegen die hohen Auflagen verstößt, der fliegt aus der Behandlung.“
Dr. Christian Plattner

Diamorphin-Ambulanz

Hilfe für schwer suchtkranke Menschen

  • In ganz Deutschland gibt es ein Dutzend Diamorphinambulanzen. Hier bekommen schwerst Suchtkranke reines Heroin auf Rezept, dass nur vor Ort konsumiert werden darf.
  • Patienten haben langjährigen Drogenkonsum hinter sich, oftmals ausgelöst durch traumatische Erfahrungen wie etwa Misshandlungen in der Kindheit.
  • Diamorphin gilt wie das geläufigere Methadon als Substitutionsmittel, also als Ersatzstoff für Drogenabhängige.
  • Nach einer langjährigen Studie wurde der Wirkstoff 2009 unter hohen Auflagen als Arzneimittel zugelassen.
  • Im Gegensatz zu Straßenheroin, das meist einen geringen prozentualen Wirkstoffanteil und dafür umso mehr Fremdstoffe zum Strecken enthält, ist Diamorphin 100 Prozent rein.
  • Die Wirkung als Arzneimittel ist wissenschaftlich unbestritten, darauf verweist etwa der Abschlussbericht zur genannten Heroin-Studie des Bundesgesundheitsministeriums.

„Um den Worringer haben wir gemischte Wohnbebauung. Da wird auf dem Platz konsumiert, auch in Hauseingänge uriniert. Das fällt letztlich auf mich zurück, obwohl es das vor mir gab und das nicht meine Patienten sind“, so der Mediziner. In Wuppertal wiederum liege seine Praxis nicht in einem Wohngebiet, es gab vorher auch keine Szene und „hier gibt es auch jetzt keinen Konsum rund um die Praxis“, sagt Christian Plattner.

Dem Vermieter in Holzwickede habe man von Beginn an transparent aufgezeigt, wer und wie in der Ambulanz behandelt wird. „Klar hat auch der Vermieter seine Bedenken, aber er steht dem Projekt aufgeschlossen gegenüber. Und ich kann die Aufregung bei anderen Mieter verstehen, aber das gibt sich im Praxisbetrieb ganz schnell“, ist sich der Arzt sicher.

Und er macht klar, dass seine Patienten keine Narrenfreiheit genießen. „Ich sage offen, dass es wie bei anderen Suchtkranken auch immer Ausreißer geben wird. Aber: Wer gegen die hohen Auflagen verstößt, der fliegt aus der Behandlung.“

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