Die Digitalisierung an den Holzwickeder Schulen läuft. Nur eben zäher als erwartet – das liegt zum einen an bürokratischen Hürden aber auch an teuren Überraschungen vor Ort.

Holzwickede

, 04.06.2020, 17:35 Uhr / Lesedauer: 3 min

Fast drei Monate ist es her, dass die Schulen im Land wegen des Coronavirus komplett schließen mussten. Vor rund einem Monat lief der Präsenzunterricht wieder an. Inwieweit der ausgeweitet werden kann, ist auch von den räumlichen und personellen Gegebenheiten in den einzelnen Schulen abhängig, wie Holzwickedes Erster Beigeordneter Bernd Kasischke am Mittwochabend im Schulausschuss deutlich machte.

Fakt ist: Das Coronavirus hat auch in Holzwickede gezeigt, wo im Bereich digitales Lernen die Schwachpunkte liegen. Ein Antrag der SPD-Fraktion hat dem Fachausschuss zudem aufgezeigt, dass es nicht reicht, den Blick nur auf die Schulen zu richten.

Ein Drittel aller Grundschüler hat Probleme beim Lernen auf Distanz

So wollte die SPD zuvorderst wissen, bei wie Schülern ein Lernen auf Distanz via digitaler Medien nur eingeschränkt oder gar nicht möglich war. Zumindest für die vier Grundschulen konnte die Frage beantwortete werden: Bei rund 200 Kindern und damit gut einem Drittel aller Grundschüler fehlten die technisches Geräte zu Hause, mangelte es an einer Internetverbindung oder erschwerten allgemeine Lebensumstände das Lernen abseits der Klassenräume.

Auf Abstand in der Rausinger Halle saßen auch die Leiterinnen und Leiter der Holzwickeder Schulen, die ihre Sicht der Dinge darstellten.

Auf Abstand in der Rausinger Halle saßen auch die Leiterinnen und Leiter der Holzwickeder Schulen, die ihre Sicht der Dinge darstellten. © Greis

Der Antrag der Genossen zeigte zudem drei Lösungsvorschläge auf, denen alle Fraktionen im Grundsatz per Beschluss zustimmten. Nur: Im Austausch mit den anwesenden Schulleitern, Verwaltung und einem Vertreter der für die Schulen zuständigen IT-Unternehmen zeigte sich schnell: Ganzheitliche Lösungen über die Gemeinde als Schulträger sind noch vor und während der Schulferien nicht zu erwarten.

Jetzt lesen

Den Kindern schulische Tablets mit nach Hause geben: Wünschenswert, aber alleine durch die aktuell übersichtliche Zahl an Geräten schwierig. Hier sind sich auch die Schulen uneins: Die Paul-Gerhardt-Schule gibt an, dass man zumindest beabsichtigt, vorhandene Tablets an bedürftige Schüler auszugeben. An der Dudenrothschule will man das nicht, befürchtet, dass dann die Geräte für den Unterricht vor Ort nicht ausreichen. Hinzu kommen Sicherheitsbedenken bezüglich heimischer Netzverbindungen sowie offene Versicherungsfragen.

Jetzt lesen

Öffentlich zugängliche Räume für Kinder zum Lernen und eine schulübergreifende Bildungs-Software waren weitere Vorschläge. So nannte Peter Wehlack (SPD) für den Antragsteller ein Beispiel aus seinem Berufsalltag als Rektor der Fridtjof-Nansen-Realschule in Kamen: „Es gibt eben auch den Fall des Kindes, das nur in Ruhe auf der Toilette telefonieren kann, weil in einer Wohnung noch fünf Geschwister leben.“

Beim Thema einheitliche Lernplattform wiederum muss konstatiert werden: Die eierlegende Wollmilchsau, die didaktisch alle Schulformen und Altersstufen mit Inhalten aus einer Hand bedient, gibt es nicht. Zudem müsse man zwischen Software für Unterrichtsinhalte und organisatorischen Programmen für Kommunikation, Notenvergabe etc. unterscheiden.

Jetzt lesen

Letztlich bleibt vom Antrag der SPD aber die Erkenntnis, dass es nicht reichen wird, den Schülern ein Tablet in die Hand zu drücken und dann wird das schon. Darauf weisen auch erste Erkenntnisse aus der Forschung hin – so etwa eine laufende Studie der TU Dortmund, die Voraussetzungen für und die Qualität von Unterricht in den eigenen vier Wänden untersucht.

Bernd Kasischke sah den SPD-Antrag letztlich als Orientierungshilfe für die laufende Umsetzung des Medienentwicklungsplanes (MEP), der seit Herbst 2019 die Digitalisierung der Schulen bis 2024 steuert. „Wir sind darüber froh, denn das lenkt unsere Arbeit in die richtige Richtung. Ohne individuelle Lösungen an den Schulen wird es aber nie gehen.“

Warten auf Freigabe für Fördermittel

Was den Stand der Dinge beim MEP anging, musste der Erste Beigeordnete einräumen, dass man in Verzug ist. Tablets, Interaktive Tafeln, Leitungen und Anschlüsse konnten bislang erst in geringerem Maße angeschafft und erneuert werden als erhofft.

In den Räumen der Josef-Reding-Schule sind die vorhandenen Leitungen nicht geeignet für die vorgesehene Internetverbindung, die ein Glasfaseranschluss hier deutlich beschleunigen soll. Bedeutet: neue Kabel. Kosten: 110.000 Euro.

In den Räumen der Josef-Reding-Schule sind die vorhandenen Leitungen nicht geeignet für die vorgesehene Internetverbindung, die ein Glasfaseranschluss hier deutlich beschleunigen soll. Bedeutet: neue Kabel. Kosten: 110.000 Euro. © Greis

Durch den Digitalpakt Schule des Bundes stehen der Gemeinde für geplante Maßnahmen aus 2019 und 2020 aktuell 480.000 Euro zur Verfügung – sobald der entsprechende Förderbescheid eintrudelt. „Vorher wollen wir keine Investitionen tätigen, weil wir einen Verwendungsnachweis erbringen müssen“, erklärt Kasischke den bürokratischen Stolperstein, der bei Unstimmigkeiten nachträglich zum Verlust von Fördermitteln führen könnte.

„Sobald der Bescheid da ist, werden wir mit Nachdruck daran arbeiten, unsere Ziele nachzuholen“, so Kasischke. Das betrifft auch eine umfangreiche und teure Infrastrukturmaßnahme an der Josef-Reding-Schule: Hier muss die komplette Verkabelung des Hauptschulgebäude für rund 110.000 Euro modernisiert werden. Kosten, die laut Bernd Kasischke ebenfalls über Mittel aus dem Digitalpakt gedeckt werden können – wenn der Bescheid eintrifft.

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Wirtschaft
Die Fleischindustrie im Kreuzfeuer: Das sagt Metzger Thomas Weljehausen zum Tönnies-Eklat
Meistgelesen