„Die reinste Ego-Show“: Was Frauen an der Politik abschreckt

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Im Holzwickeder Gemeinderat sitzen mehr als doppelt so viele Männer wie Frauen. Laut Ratsfrau Edda Schneider hat das einen Grund: Die örtliche Politik ist voll von männlichen Alpha-Tieren.

Holzwickede

, 17.11.2020, 19:52 Uhr / Lesedauer: 2 min

Eine Frau hat die Hosen an: Am Wochenende feiert Angela Merkel den 15. Jahrestag ihrer ersten Amtseinführung. Zu Beginn ihrer Kanzlerschaft hatten manche Wähler die Hoffnung, dass die Rolle von Frauen in der Politik wichtiger werden würde – ein Anlass, sich bei einer jungen Ratsfrau aus Holzwickede zu erkundigen, wie sie die Situation vor Ort beurteilt.

Edda Schneider (FDP) hat vor etwa 15 Jahren angefangen, sich in der Kommunalpolitik zu engagieren. Die 31-Jährige saß schon einmal für die inzwischen aufgelöste Wählergemeinschaft Junge Liste mehrere Jahre im Gemeinderat, ist inzwischen zur FDP gewechselt und hat bei der Kommunalwahl im September einen von zwei FDP-Sitzen gewonnen.

Auf eine Frau kommen im Gemeinderat im Schnitt mehr als zwei Männer

Sie ist eine von neun Frauen, die es in diesem Jahr in den 32-köpfigen Rat der Gemeinde geschafft haben. Die übrigen Mandate entfallen auf männliche Politiker. Einen Teil von ihnen macht Schneider dafür verantwortlich, dass es Frauen in Holzwickede nach wie vor schwer haben, in der Lokalpolitik Fuß zu fassen.

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Das größte Problem ist ihrer Auffassung nach, dass sich viele ältere Männer an ihre Ämter klammern: „Das ist manchmal die reinste Ego-Show“, sagt Schneider. In der Holzwickeder Kommunalpolitik gebe es so manchen Mandatsträger, der sich über seine Selbstdarstellung profiliere. Jüngere Ratskollegen – vor allem Frauen – würden von solchen Charakteren mitunter nicht ernst genommen.

In mehreren Fällen habe sie auch sexuelle Belästigungen erlebt: „Da wird schon mal der Arm über den Po gestreift“, sagt die 31-jährige Ratsfrau, „das waren teilweise Männer, die vom Alter her mein Opa sein könnten“. Besonders spürbar sei so ein „primatenhaftes Verhalten“ gewesen, wenn Alkohol im Spiel war.

Die erste Erfahrung dieser Art habe sie bereits im Alter von 15 Jahren gemacht: „Als erstes war ich schockiert, wusste nicht wie ich damit umgehen sollte“, erinnert sie sich. Anschließend habe sie sich darüber geärgert, dass sie nicht resolut genug darauf reagiert haben könnte.

Sexuelle Belästigungen wurden teilweise runtergespielt

„Man stellt sich die Frage, ob man das irgendwie provoziert haben könnte. Aber das ist Schwachsinn. Auch wenn man im Bikini da sitzen würde, hätte niemand das Recht, einen anzufassen“, sagt die 31-jährige Ratsfrau.

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Nicht nur das Verhalten einiger Männer an sich ist aus ihrer Sicht fragwürdig, sondern manchmal auch der allgemeine Umgang mit dem Thema. In der Vergangenheit seien Übergriffe von Ratskollegen teilweise runtergespielt worden. In einem Fall, so erzählt Schneider, habe es zur Konsequenz gehabt, dass sich ein älterer Ratsherr in einer größeren Runde habe entschuldigen müssen. „Das war seiner Fraktion furchtbar unangenehm“, sagt Schneider.

Die politischen Aufstiegschancen für Frauen, aber auch für junge Politiker, hält sie in vielen Parteien insgesamt für schlecht. Bei der Kommunalwahl seien viele junge – teilweise auch weibliche – Kandidaten angetreten, kaum einer von ihnen habe es am Ende in den Rat geschafft, weil die aussichtsreicheren vorderen Listenplätze mit älteren Parteikollegen besetzt wurden.

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