Der 23. März 1945 war ein Freitag. Ein warmer und sonniger Frühlingstag inmitten des Zweiten Weltkriegs. Dann kamen die Bomben und zerstörten halb Holzwickede. 75 Jahre später erinnern sich die letzten Zeitzeugen.

Holzwickede

, 23.03.2020, 04:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Sie waren Kinder, die meist mit ihren Müttern, Geschwistern, Großeltern in Keller und Luftschutzbunker flüchteten, als die Bomber der Alliierten nahten, um das kriegswichtige Holzwickeder Reichsbahngelände zu zerstören.

Eine knappe Stunde lang gingen zwischen 13 und 14 Uhr ungezählte Bomben auf die Gemeinde nieder. Sie trafen nicht nur das Bahngelände, sondern zerstörten auch halb Holzwickede.

„Meine Mutter und ich hatten den Bunker zwischen Oststraße (heute Jahnstraße, Anm. d. Red.) und Arndtstraße gerade noch erreichen können“, erinnert sich Herbert Reckwitz. „Schnell kamen die Bombenabwürfe. Welle auf Welle. Das elektrische Licht setzte sofort aus. Der Bunker schüttelte und bewegte sich. Er wurde mehrmals getroffen.“

Herbert Reckwitz vor seinem Haus an der Jahnstraße. Hier lebten einst auch seine Großeltern, ehe der Bombenhagel das Anwesen zerstörte. Die Großeltern kamen dabei um. Wiederaufgebaut wurde das jetzige Wohnhaus einst auch mit Steinen des ursprünglichen Gebäudes.

Herbert Reckwitz vor seinem Haus an der Jahnstraße. Hier lebten einst auch seine Großeltern, ehe der Bombenhagel das Anwesen zerstörte. Die Großeltern kamen dabei um. Wiederaufgebaut wurde das jetzige Wohnhaus einst auch mit Steinen des ursprünglichen Gebäudes. © Greis

Coronavirus

Gedenkveranstaltung musste ausfallen

  • Für Sonntag, 22. März , war eine Gedenkveranstaltung in der Rausinger Halle geplant – das Coronavirus verhinderte diese.
  • Zentraler Teil wäre eine Rede von Zeitzeuge Herbert Reckwitz gewesen, in der er auch Erinnerungen anderer Holzwickeder an das Bombardement aufgegriffen hätte. Wir greifen seine Rede an dieser Stelle in Teilen auf.
  • Zudem waren im Vorfeld der Veranstaltung zwei Vorträge zum Thema von Wilhelm Hochgräber geplant. Die will der Ortshistoriker zu einem späteren Zeitpunkt nachholen.
  • In Gedenken der Opfer läuten 75 Jahre nach dem Angriff um 13.10 Uhr und um 13.50 Uhr die Glocken der Holzwickeder Kirchen. Die Uhrzeiten markieren Beginn und Ende der Bombardierung.

Durch den Bombenangriff die Großeltern verloren

Mehr als 50 Personen suchten im Bunker Schutz. „Damals erlebte ich meinen ersten Gottesdienst in Angst und Not. Spontan flehten wir alle, laut oder leise, Gott sollte unsere Hilfe sein in den großen Nöten, die uns getroffen hatten“, sagt Herbert Reckwitz, der später Pfarrer wurde.

Eine Bombe zerschlug die Decke des Bunkers. Menschen starben. Nach einigen Minuten legte sich der Staub. Das Sonnenlicht flimmerte durch die Trümmer. Herbert Reckwitz und seine Mutter lebten. Beide suchten nach dem Angriff das Haus der Großeltern auf. Sie waren dort geblieben. Das Haus in brennenden Trümmern. Die Großeltern begraben.

Herbert Reckwitz sah das zerbombte Holzwickede, die Verletzten, die Verbrannten, die Verschütteten. Er war zehn Jahre alt. „Ich werde das nie vergessen, aber ich habe es verarbeitet“, sagt er. Und er sagt auch: „Auschwitz wurde am 27. Januar befreit. Im Februar wurde Dresden bombardiert. Am 12. März gab es den letzten großen Bombenangriff auf Dortmund. Am 8. Mai endete der Krieg für uns.“ Hitlers Nazi-Reich war besiegt.

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Letztlich ein Randereignis inmitten schrecklicher Jahre

„Ich habe einen Bombenangriff miterleben müssen. Mir hat das gereicht. Aber alleine 1945 ist so viel mehr passiert. Da ist der Bombenangriff auf Holzwickede letztlich ein Randereignis.“ Im Wissen, dass nachfolgende Generationen so etwas in Deutschland nie wieder erleben mussten, darf das sagen, wer es erlebte – auch wenn damals mehr als 50 Menschen in der Gemeinde ihr Leben ließen. Zwölf davon alleine im Alten Dorf – fernab vom Güterbahnhof.

Nicht zerstört wurden bei dem verheerenden Bombenangriff am 23. März 1945 das Holzwickeder Rathaus.

Nicht zerstört wurden bei dem verheerenden Bombenangriff am 23. März 1945 das Holzwickeder Rathaus. Auch die beiden Kirchen in der Gemeindemitte haben den Angriff schadlos überstanden. Im Hintergrund lässt sich nicht nur anhand der Zeche Caroline aber erahnen, welch Zerstörung die Abwürfe verursachten. © Wilhelmy – Holzwickede in alten Ansichten

75 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg gibt es immer weniger Zeitzeugen wie Herbert Reckwitz. Aber es gibt sie noch. Stellvertretend und in Auszügen erinnern sich an dieser Stelle vier weitere Überlebende aus dem Alten Dorf.

Marlies Schumann (gebürtige Hoppe) war damals zehn Jahre alt und überlebte im Bunker im Alten Dorf: „Die südliche Eingangstür wurde plötzlich noch geöffnet, einige Personen suchten Schutz. Da wurde die Tür durch eine Bombe getroffen. Die Geflüchteten wurden mit Tür etwa 15 Treppenstufen hinabgeschleudert und verschüttet. Es war die Familie Kollmann.“ Die fünfköpfige Familie ist unter den 44 mit Namen gelisteten Todesopfern.

Annemarie Hübbe (gebürtige Klingsporn) war damals neun Jahre alt. Sie hatte mit der Familie gerade das Mittagsmahl beendet, als nur noch die Flucht in den Kellerraum blieb: „Unsere Mutter rief schluchzend nach ihrem Mann und Sohn, die es im Keller nicht aushielten und draußen vor den Bombenwellen davonlaufen wollten. Mein Vater und Bruder stürzten plötzlich in den Keller und berichteten von unglaublichen Verwüstungen, überall totale Zerstörung, überall aufgewühlte Erde. Wo sollte das enden?“

Heinrich Fiene, damals zehn Jahre alt, überlebte knapp im Rübenkeller unter der hofeigenen Scheune: „Der Vater hatte Stroh einlagern lassen, damit Sprengbomben nicht durchschlagen.“ Letztlich brannte nicht nur die Scheune sondern auch das als Schutz gedachte Stroh: „Es gelang mir durch ein Kellerloch in die Scheune und unter Lebensgefahr durch den Brand hindurch ins Freie zu springen.“

Christel Kersting (gebürtige Römer), war damals acht Jahre alt: „Ich sah verwundete und verschüttete Personen und erinnere mich, wie die im nahen Bunker ums Leben gekommene Frau Flunkert und ihre Enkelin ins Chaos des Büscher‘schen Hofs getragen und beweint wurden, ehe ihre Leichen in die halb zerstörte Friedhofskapelle überführt wurden.“

Im Einsatz an diesem 23. März 1945 waren Dr. Kurt Watermann als damaliger Luftschutzarzt und Dechant Aloysius Gemmeke. „Ich kann mich noch an die Vielzahl und Vielfalt der Schwer- und Leichtverletzten erinnern. (...) Um vierundzwanzig Uhr brachte ich die letzte Patientin zur Operation nach Unna“, ist in einem Erinnerungsbericht von Watermann zu lesen.

Pfarrer Gemmeke beschreibt in seinem Seelsorgebericht, wie er über die Sölder Straße nach Holzwickede kam, hier einer Toten noch die heilige Ölung spendete. Auf dem Weg in die Gemeindemitte weiter Tote und Verletzte. „Die Häuser sind zerschlagen und brennen aus. Männer stehen mit Tränen in den Augen vor dem Grabe ihrer Habe“, schrieb er einst.

Bei allem Leid nicht an der Schuldfrage zweifeln

Bei allem Leid, den der 23. März 1945 über die Gemeinde brachte, ordnet Herbert Reckwitz ein. „Wir denken an das Elend, das der Zweite Weltkrieg bei vielen Völkern bewirkte. Vergessen wir nicht: Der Krieg wurde von uns Deutschen begonnen und schließlich verloren.“ Die Deutschen haben in der Mehrheit dem Nationalsozialismus nicht widerstanden.

Gerade nach den Ereignissen in Halle und Hanau habe man daher allen Grund, sich dafür einzusetzen, „dass Holzwickede ein Ort ohne Rassismus und mit Courage bleibt.“

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