Die Herausforderung wartet in den eigenen Reihen

dz110 Jahre evangelische Frauenhilfe

Die evangelische Frauenhilfe Holzwickede feiert sein 110-jähriges Bestehen mit einem Festnachmittag. Die Rolle der Gemeinschaft hat sich dabei über die Jahrzehnte drastisch gewandelt.

Holzwickede

, 25.10.2018, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Früher sind die Frauen mit der Heirat der Frauenhilfe beigetreten. Heute reicht ein Blick durch den Saal im Gemeindehaus an der Goethestraße, um zu erkennen: Da hat sich im Laufe der Jahre etwas verschoben. „Die Kinder sind längst aus dem Haus, der Mann ist vielleicht schon verstorben. Heute finden Frauen in ihrer dritten Lebensphase den Weg zu uns“, sagt Annemarie Hübbe, die zusammen mit Evelin Hartwig die Holzwickeder Frauenhilfe leitet.

Für knapp 100 Damen und in Pfarrer Michael Niggebaum auch einen Mann haben sie ein Programm für den Festnachmittag zusammengestellt, in dem sich die Mitglieder nicht nur auf ihre Historie besinnen, sondern auch auf die Rolle der Frauenhilfe in Gegenwart und Zukunft eingehen. Angeführt von Evelin Hartwig beleuchtete ein Gruppenvortrag die wechselvolle Geschichte der Gemeinschaft.

Kümmerten sich die Frauen in den Anfangsjahren nach ihrer Gründung im August 1908 vornehmlich um Kranke, junge Mütter und Alte; übernahmen die Frauen in Kriegszeiten oft die Verantwortung für Familien und das soziale Miteinander in der Gemeinde. Nach dem Krieg übernahmen zunehmend Wohlfahrtsverbände die Aufgaben der Frauenhilfe. „Da sind sie auch gut aufgehoben“, sagt Hübbe.

Die Herausforderung wartet in den eigenen Reihen

Die Mitglieder der Holzwickeder Frauenhilfe machten nur einen Teil der Gäste aus. Auch der Bezirksverband, die evangelische Frauenhilfe Opherdicke und die katholische Frauengemeinschaft Liebfrauen füllten mit ihren Vertreterinnen den Saal im Gemeindehaus. © UDO HENNES

Für die Frauenhilfe bedeutete das in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg aber auch einen Bedeutungsverlust. Man trat ihr nicht mehr mit Heirat bei, die Mitgliederzahlen sanken. Zählte man Mitte der 1950er-Jahre noch fast 700 Mitglieder, halten heute noch rund 80 Damen in Holzwickede dem Verband die Treue. Diesen Imageverlust sprechen die Damen im Vortrag an, als „veraltet und ewig gestrig“ habe man ihre Gemeinschaft abgestempelt.

Die Frauenhilfe suchte neue Herausforderungen und fand sie in der Globalisierung. Ausbeutung und Unterdrückung von Frauen sind in vielen Ländern der Erde noch immer ein Thema. „Also haben wir uns informiert. Über Sextourismus in Asien. Kinderarbeit in indischen Steinbrüchen oder die Genitalverstümmelung von Frauen und Kindern“, sagt Annemarie Hübbe. Dagegen stemmen sich die Damen – mit ihrem Mitgliedsbeitrag und mit Spenden.

Neue Aufgaben in der heutigen Zeit

Dass die Frauenhilfe sich heute an ältere Damen wendet, ist für sie kein Nachteil. Lokal übernimmt die Gemeinschaft eine andere Aufgabe: Einsamkeit vermeiden. „Wir helfen uns und unseren Nächsten. Junge Frauen würden sich doch heute bei uns langweilen“, sagt Hübbe. Einer Herausforderung müsse sich die Frauenhilfe aber auch auf lokaler Ebene stellen: „Altersarmut ist weiblich. Wir merken das, wenn Mitglieder beispielsweise auf Ausflüge verzichten“, sagt Hübbe. Ein sensibles Thema, möchte doch niemand zugeben, sich etwas nicht leisten zu können. „Wir wollen uns zusammensetzen, um eine Lösung zu finden, bei der sich niemand offenbaren muss“, sagt Hübbe.

Die Herausforderung wartet in den eigenen Reihen

Für Annemarie Hübbe (l.) und Evelin Hartwig gab es von Pfarrer Michael Niggebaum Blumen. © UDO HENNES

In ihr 111. Jahr geht die Frauenhilfe Holzwickede im Wissen, ihre Rolle im gesellschaftlichen Leben gefunden und angenommen zu haben. Geschätzt und mit Gastgeschenken bedacht wurden die Holzwickeder Damen auch von ihren Gästen: Die evangelische Frauenhilfe Opherdicke war ebenso vertreten wie die katholische Frauengemeinschaft Liebfrauen und Vertreterinnen des Bezirksverbandes. Pfarrer Michael Niggebaum dankte den Damen für ihren Einsatz, hob dabei Hübbe und Hartwig als Leiterinnen hervor und sorgte dann mit wenigen Worten für gelöste Stimmung: „Pfarrerin Claudia Brühl-Vonhoff und ich haben beschlossen, dass die Kirchengemeinde die Rechnung für Kaffee und Kurchen übernimmt.“

Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Hilfsorganisation für Kinder
Ziel erreicht: Kinderglück hat sich vom Verein zur Stiftung entwickelt
Hellweger Anzeiger Digitalisierung
(K)ein großer Wurf: Warum Schulen für die Digitalisierung einen langen Atem brauchen
Hellweger Anzeiger Aktion Weihnachtsgeld
„Wir für Holzwickede“ fehlen nach Bücher- und Kuchenverkauf noch 5000 Euro
Hellweger Anzeiger Prozess gegen Mutter
Holzwickederin ließ Kinder in verrauchter Wohnung zurück: Jetzt ist das Urteil gesprochen
Meistgelesen