44 Gäste aus der Partnerstadt Louviers besuchen derzeit Holzwickede. Zwei von ihnen haben sich mit dem Freundeskreis-Vorsitzenden Jochen Hake einem deutsch-französischen Interview gestellt.

Holzwickede

, 23.11.2018, 05:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Mit dem Bus ist die französische Reisegruppe am Mittwochabend in Holzwickede angekommen. Nach der Ankunft haben sich Christian Wuilque, Gérard Lefébure und Jochen Hake zum Interview im Vivo an der Hauptstraße eingefunden. Weil auf Frankreichs Straßen aktuell gegen hohe Spritpreise demonstriert wird, gab das den Anlass für ein Gespräch über die Protestbewegung und die deutsch-französische Partnerschaft – auf politischer und zwischenmenschlicher Ebene.

Zu den Personen

Das sind die Interviewpartner

Christian Wuilque ist 65 Jahre alt (auf dem Foto links neben seiner Frau Marie). Er ist seit 2013 beauftragtes Ratsmitglied für Städtepartnerschaften der Stadt Louviers. Gérard Léfebure (79) ist das Pendant von Jochen Hake (61, auf dem Foto ganz links) im Comité de Jumelage Louviers-Holzwickede: Beide sitzen seit mehr als 20 Jahren den jeweiligen Freundschaftskreisen vor.

Wie verlief die Fahrt von Louviers nach Holzwickede?

Wuilque: Die Streiks flachen unter der Woche ab. Es ist spürbar, dass der harte Kern kleiner wird. Wir sind also recht gut durchgekommen.

Lefébure: Wir hatten vorab auch mit der Polizei telefoniert und haben auf deren Rat hin dann einen Autobahnabschnitt nahe Louviers gemieden.

Hake: Richtig im Stau standen unsere Gäste dann für eine halbe Stunde ausgerechnet kurz vor Holzwickede.

Wie bewerten Sie die „Gilets Jaunes“, die Protestbewegung der „Gelben Westen“?

Wuilque: Der Ärger, die Wut der Menschen hat sich zuletzt potenziert, weil die Kaufkraft sinkt. Neue Steuern unter Macron belasten die Menschen.

Bei den Protesten geht es im Kern also um mehr als hohe Benzin- und Dieselpreise?

Lefébure: Die geplanten Steuern auf Kraftstoff haben das Fass nur zum Überlaufen gebracht.

Wuilque: Macron will die Energiewende durchziehen. Das kostet eben Geld.

Lefébure: Aber für die Menschen geht das zu schnell. Sie sollen auf ihre Autos verzichten und in Paris fahren wieder alte Dieselbusse durch die Stadt. Das ist nicht konsequent und lässt sich der Bevölkerung nicht vermitteln.

Die Demonstranten legen Tankstellen lahm, blockieren Autobahnzufahrten. Zwei Menschen sind im Zuge der Proteste ums Leben gekommen. Finden Sie die Proteste radikal, überrascht Sie das?

Wuilque: Nein.

Hake: Das ist eine andere Mentalität. Die Franzosen äußern ihren Unmut schneller, gehen eher auf die Straße. Aber im Vergleich zu den Protesten junger Menschen in den Banlieues, als im Vorjahr die Autos brannten, sind die aktuellen Demonstrationen für Franzosen wohl nicht außergewöhnlich. Man muss aber auch sagen, dass die ganz große Protestwelle gegen Macron, die viele Experten vorausgesagt haben, eigentlich ausgeblieben ist.

„Der Populismus führt auf Sicht in den nächsten Krieg“

Demonstranten in gelben Warnwesten protestieren gegen höhere Spritpreise. Auf dem Plakat in der Mitte steht „Gelbe Westen, schwarzer Ärger“. © picture alliance/dpa


Wie geht es den Menschen in Louviers und in der Normandie, wo Sie leben?

Wuilque: Die Lebenshaltungskosten werden teurer. Das trifft vor allem die Mindestlohnverdiener.

Hake: Frankreich ist ein Flächenland. Hier fährt man noch mit seinem alten Diesel über Land zum nächsten Markt. Aber diese Probleme sind uns ja auch nicht unbekannt.

Wuilque: Dahinter steht der ökologische Wandel. Dafür gibt es keine einfache Lösung und Macron treibt ihn gerade radikal voran. Radikaler als Deutschland.

Das gemeinsame Gedenken zum Ersten Weltkrieg, Merkels Rede im EU-Parlament in Straßburg, Macrons Rede am Volkstrauertag im Deutschen Bundestag, die Pläne für ein eigenes Budget innerhalb der Eurozonen-Staaten: Frankreich und Deutschland zeigen sich auf politischer Ebene als geeinte Kraft. Inwieweit führt die Angst vor Populisten und einer handlungsunfähigen EU zu diesem Schulterschluss?

Wuilque: Das ist natürlich eine Reaktion auf die Rechten in Italien oder auf einen Präsidenten wie Trump. Der Populismus führt auf Sicht in den nächsten Krieg. Ich wurde nahe der belgischen Grenze geboren und kann nur sagen: Unsere Vorfahren würden sich im Grabe umdrehen, würden sie erleben, was momentan passiert.

Hake: Das sehe ich eins zu eins genauso.

„Der Populismus führt auf Sicht in den nächsten Krieg“

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron umarmt Bundeskanzlerin Angela Merkel im Bundestag: Der Franzose hilet zum Volktrauertag eine Rede, die schon fast als Liebeserklärung an die Deutschen verstanden wurde. © picture alliance/dpa

Auf politischer Ebene verstehen beide Länder anscheinend, was auf dem Spiel steht. Warum bleibt der Ruck in der Bevölkerung aus und müssen Macron und Merkel stattdessen in ihren Ländern eher mit Widerstand seitens der Bevölkerung kämpfen?

Wuilque: Die Menschen an der Basis verstehen die Politik nicht. Manche wollen sie auch nicht verstehen. Aber die Politik muss sich mehr erklären und tut es nicht. Nur so kann aber Populismus eingedämmt werden. Die Bedeutung Europas kommt nicht rüber. Es ist zu wenig, sich nur auf Frieden zu berufen. Wir brauchen ein Europa als Verteidigungs- und Finanzunion und einen europäischen Finanzminister mit eigenem Budget.

Diese Gedanken sind ja nicht neu, umsetzen lässt sich das schwerlich...

Wuilque: Es ist schwierig. Wir haben die Geschichte, die junge Generation nicht. Wir müssen immer wieder klar machen, dass das friedliche Zusammenleben innerhalb Europas nicht selbstverständlich ist.

Hake: Es gibt ja durchaus junge Menschen, die sich für ein geeintes Europa stark machen. Was aber fehlt, ist eine Bewegung, die aufsteht und deutlich macht, dass sie genug hat von Populisten wie Le Pen oder Salvini.

Die Briten verlassen die EU. Sind wir in einer Phase, in der eine weitere Aufspaltung der EU droht?

Wuilque: Trumps Populismus und der Brexit sorgen meiner Meinung nach für das Gegenteil. Trump will ja ein schwaches Europa und das schweißt uns eher zusammen.

Hake: Ich sehe das ähnlich. Frankreich und Deutschland sind das Herz dieser Union, daran wird sich auch nach Merkel nichts ändern. In letzter Konsequenz funktioniert nur ein gemeinsamer Weg.

Links im Internet

Die Freundeskreise im Netz

Den Internetauftritt des Comité de Jumelage finden Sie hier. Zum Freundeskreis Holzwickede-Louviers geht es unter www.hallo-salut.de

Sie leben die Partnerschaft beider Länder im Freundeskreis beziehungsweise durch das Comité de Jumelage Louviers-Holzwickede. Wie gewinnt man Menschen außerhalb dieser Kreise für eine gelebte Freundschaft?

Wuilque: Da sprechen wir seit Jahren drüber. Man muss aber auch sehen, dass sich viele Begegnungen und Kontakte im Privaten entwickelt haben, die eine Öffentlichkeit gar nicht mitbekommt.

Hake: Viele Dinge laufen ja. Ich denke an den Schulaustausch, den Austausch der Chöre. Wirtschaftsförderer Stefan Thiel war erstmals für einen Austausch in Louviers. Im kommenden Jahr erwarten wir wiederum Hotelfachschüler aus Frankreich bei uns. Wir wollen uns auch breit aufstellen mit Veranstaltungen wie dem Bürgerforum Europa im September auf Haus Opherdicke. Bemerkenswert ist auch, dass in Louviers schon viel länger Deutschkurse durch das Comité de Jumelage und die Stadt angeboten werden als wir bei uns Französisch-Kurse bieten.

Zum Abschluss: Herr Hake, was schätzt der Deutsche am Franzosen und am Menschen aus Louviers? Monsieur Wuilque, Monsieur Lefébure, was schätzen Sie am Deutschen und am Holzwickeder?

Hake: Ich mag einfach die französische Lebensart, die „art de vivre“. Wenn ich in Paris beim Kaffee und einer Zeitung auf einer Boulevardterrasse sitze – das ist es. Zum Glück hat sich meine Frau dieser Lebensart ebenfalls angeschlossen. An Louviers schätze ich, dass die Normannen ein ähnlicher Schlag Menschen sind wie wir Westfalen.

Léfebure: Ich meine, die Deutschen können ihr Leben im eigenen Umfeld besser gestalten und genießen als die Franzosen. Das ist bewundernswert. In Holzwickede mag ich das grüne Umfeld, die Gärten. Der Empfang hier ist zudem immer sehr herzlich.

Wuilque: Ich bin zum vierten Mal hier, hatte vorher beruflich nur Berlin gesehen. Einen ganz großen Unterschied zur Heimat stelle ich gar nicht fest. Das Schöne ist einfach dieses Zusammenkommen. Ich bin ein offener Typ und schätze die Gastfreundlichkeit, die uns entgegengebracht wird.

Die französischen Gäste bleiben bis Sonntag und wohnen in der Zeit bei Gastfamilien. Auf dem Programm der Reise steht neben Ausflügen ins Kloster Dahlheim und nach Dortmund auch ein deutsch-französischer Gemeinschaftsabend mit Tanz und Musik im Schulzentrum Holzwickede am Freitagabend.

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