Der Holzwickeder Kevin O‘Neil hat sich vom Solo-Beatboxer zum Bluesmusiker in einer Band entwickelt. Was erstmal ungewohnt erscheint, ist mit Blick auf die Musikgeschichte naheliegend.

Holzwickede

, 29.09.2019, 04:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Preise bekommen, das kennt Kevin Glasmacher aus Holzwickede schon. Unter seinem Künstlernamen Kevin O‘Neil war er 2014 bereits Deutscher Meister im Beatboxen. Drei Jahre später sicherte er sich den Titel nochmal im Team.

Mitte September kam für den 27-Jährigen eine weitere Auszeichung hinzu, diesmal als Teil einer Band: Zusammen mit Gitarrist Sean Athens aus Letmathe und Chris Kramer aus Holzen gewann er den „German Blues Award“ beim gleichnamigen Festival in Eutin Mitte September für das 2018 erschienene Album „Way back home“.

Video
Beatboxen für Anfänger mit Kevin O'Neil

Trio setzt sich gegen vier Mitbewerber bei Blues Awards durch

Um den Preis konkurrierten fünf Bands, die zuvor von einer Fachjury auserwählt wurden. Schließlich durften Blues-Fans per Online-Abstimmung ihre Favoriten wählen. Die Dreier-Kombo aus Westfalen sicherte sich als „Chris Kramer & Beatbox’N’Blues“ die meisten Stimmen.

Ein Beatboxer als Bandmitglied? Wer kommt darauf und wie passt das zusammen? „Beatboxer sind ja eigentlich Solisten, battlen sich untereinander auf der Bühne. Kevin hat gelernt, für uns als Schlagzeuger zu fungieren. Macht man die Augen zu, hört man ein Schlagzeug. Öffnet man die Augen, ist da keines. Das ist unser Alleinstellungsmerkmal“, sagt Chris Kramer.

Seit Mitte der 1990er-Jahre ist der 49-Jährige Berufsmusiker, betreibt auch einen kleinen Musikverlag. Er ist in verschiedenen Projekten involviert, hat unter anderem auch ein Musical verfasst – „Die kleine Mundharmonika“ – und ist so auf Beatboxer O‘Neil gestoßen. „Die Mundharmonika wird von den anderen Instrumenten ausgestoßen und geht auf Weltreise. Dabei lernt sie eben auch einen Beatboxer kennen“, sagt Kramer.

Mit Video: Preisgekrönter Blues – auch dank eines Holzwickeder Beatboxers

Kevin O'Neil, Chris Kramer und Sean Athens sind "Chris Kramer & Beatbox'N'Blues". Für ihr Album „Way Back Home“ wurden sie kürzlich ausgezeichnet. © privat

„Ich wusste gar nicht, was der von mir will“

„Ich saß mit einem Kumpel auf der Couch, als das Handy klingelte. Ich wusste gar nicht, was der von mir will“, sagt O‘Neil und lacht. Der Holzwickeder fuhr mit seinem Kumpel spontan zu Kramer. Der packte seine Gitarre aus, beide jamten eine Runde – es passte sofort. „Ich hatte zuvor andere Beatboxer gefragt. Das hat nicht hingehauen“, erinnert sich Chris Kramer.

Mit Blues hatte der Beatboxer bis dato nichts zu tun. Mittlerweile sitzt er in Kramers Wohnzimmer und trägt ein T-Shirt des bekannten Blues-Musikers Howlin‘ Wolf – ein Mitbringsel von einer Tour durch die Südstaaten der USA. Das war 2016, als man ebenfalls in Eutin als Liveband die Blues Challenge gewann und eine Tour durch das Heimatland des Blues gewann.

Von den Erlebnissen zehrt das Trio noch heute. Für Gitarrist Sean Athens ging damit gar ein Kindheitstraum in Erfüllung. Er stieß erst kurz vor dem damaligen Auftritt in Eutin dazu und spielte sich fest in die Band. „Bis dahin habe ich mir in der Szene den Popo abgespielt. Ich bin mit Musikern wie Gary Moore oder Joe Bonamassa aufgewachsen. Für mich war das ein Geschenk, hier zu spielen“, sagt der 26-Jährige.

„Die Traditionalisten haben den Schlagzeuger vermisst. Aber der Großteil fand es cool, es war was Neues. Und weil die meisten Blues-Fans eher zur Generation der Rolling Stones gehören, hatten die plötzlich etwas, was auch ihre Enkel begeisterte“, sagt Chris Kramer. Der erste Auftritt in der heutigen Besetzung sei damals ein „Magic Moment“ für ihn gewesen.

Der Beatboxer musste sich an das Zusammenspiel in einer Band gewöhnen

Für den Beatboxer Kevin O‘Neil war das Zusammenspiel mit einem Gitarristen und einem Sänger beziehungsweise der Mundharmonika von Chris Kramer zunächst ungewohnt. „Es gab zwei Schwierigkeiten: Ich musste lernen, mich zurückzunehmen und im Dienst der Band auch mal über Minuten die Beatgrundlage zu geben. Und man muss dann den Takt halten und lernen, mit Metronom zu üben.“

Wer das Album der Band hört, dem wird der Beatboxer erst auffallen, wenn er zwischendurch kurze Soloparts einnimmt. Davon ab klingt es, als ob ein Schlagzeuger sein Werk verrichtet. Mit der Zeit macht es regelrecht Spaß herauszuhören, wo der Mundartist seine Gesichtsmuskeln im Spiel hat.

Mit Video: Preisgekrönter Blues – auch dank eines Holzwickeder Beatboxers

Beatboxer Kevin O´Neal, Chris Kramer mit seiner Mundharmonika und Sean Athens (v.l.) an der Gitarre interpretieren den Blues auf ganz eigene Art. © Archiv

Auch die mussten sich übrigens erst an die neuen Anforderung gewöhnen: Als Beatboxer geht es mal über zwei Minuten, mal über 90 Sekunden. Ein Song von „Chris Kramer & Beatbox‘N‘Blues“ dauert locker doppelt so lange. „Die Luft ist dabei nicht das Problem, weil ich Töne beim Ein- und Ausatmen erzeuge. Nach zwei Stunden Spielen wird die Gesichtsmuskulatur müde“, sagt der Holzwickeder, der mittlerweile in Dortmund lebt.

Auftritte in der Nähe

Chris Kramer & Beatbox‘N‘Blues

Derzeit arbeitet das Blues-Trio an einem neuen Album, das im kommenden Jahr erscheinen soll. Bevor es zudem demnächst mit Thomas Godoj auf Tour geht, kann man Chris Kramer, Sean Athens und Kevin O‘Neil auch in der Region erleben:
  • 8. November: Hansa-Theater, Dortmund-Hörde
  • 9. November: Werkhof Kulturzentrum, Hagen
  • 15. November: Glashaus, Herten
  • 16. November: Hot Jazz Club, Münster

Nicht nur Kramer – auch Athens und O‘Neil, der sich einst nach einem bekannten und sehr großen Basketballer benannte, leben mittlerweile von der Musik. Das ungewöhnliche Trio ist auch bei Festivals im Ausland gefragt – von Spanien bis Skandinavien. Aktuell proben sie meist drei Mal in der Woche je um die fünf Stunden, um sich für eine bundesweite Unplugged-Tour mit Thomas Godoj vorzubereiten, die im Dezember startet. Bis dahin wird das Blues-Trio noch einige Auftritte in der Region haben.

Alles kommt aus dem Blues

Bleibt die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Blues und Beatboxen. Die Antwort darauf hat Chris Kramer und sie ist eigentlich ganz simpel: „Aus dem Blues haben sich alle anderen Genres entwickelt: Rock, Funk, Hip Hop. Wenn ich Hip Hop höre, dann höre ich Blues.“

Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger „Vorhang auf, Holzwickede“

Musicalverein will weiter auf hohem Niveau arbeiten, hat aber ein Raumproblem

Hellweger Anzeiger Wahl bei Generalversammlung

Bürgerschützen müssen noch einige Monate ohne ersten Vorsitzenden auskommen

Meistgelesen