Im kommenden Jahr jährt sich ein großflächiger Bombenangriff während des Zweiten Weltkrieges zum 75. Mal. Die VHS-Gruppe Spurensuche regt eine Gedenkveranstaltung an.

Holzwickede

, 23.07.2019, 09:54 Uhr / Lesedauer: 3 min

Eigentlich recherchiert die VHS-Gruppe Spurensuche zu Opfern des Nationalsozialismus – und hat darüber auch die Verlegung von Stolpersteinen in Holzwickede für eben jene Opfer in Gang gebracht.

Im März 2018 und Februar dieses Jahres hat der Kölner Künstler Gunter Demnig goldene Steine an den einstigen Adressen der NS-Opfer in den Boden gelassen. Zehn Stolpersteine erinnern in der Gemeinde an die Verbrechen der Nationalsozialisten.

Vor 75 Jahren: Spurensucher wollen an Bombardierung Holzwickedes erinnern

Direkt vor dem Haus an der Nordstraße 19 verlegt Gunter Demnig im Beisein vieler Zuschauer einen Stolperstein. Dieser erinnert an den einst hier lebenden Friedrich Ellerkmann. Weil er geistig behindert war, wurde er Opfer der Nationalsozialisten. © Marcel Drawe

Aus den Reihen der Spurensucher kam bereits im Vorfeld des 23. März auch der Vorschlag, an dieses Datum zu erinnern: Es waren zwar nicht die ersten Bomben, die während des Zweiten Weltkrieges auf Holzwickede niedergingen, aber an diesem Tag im Jahr 1945 erfolgte der schwerste Angriff auf die Gemeinde durch die Streitkräfte der Alliierten.

„Streng genommen passt die Idee nicht in die NS-Opfergruppe. Aber die Nazis haben den Krieg angefangen, also brauchten wir uns nicht wundern, dass der Krieg zu uns kam“, sagt Spurensucher Wilhelm Hochgräber.

Ausschuss im September soll Gedenkveranstaltung thematisieren

Die Verwaltung hat er über das Vorhaben bereits informiert, ein zusätzliches Anschreiben an die Gemeinde und die Fraktionen soll folgen. Hochgräber hofft, dass das Thema im nächsten Kulturausschuss im September auf der Tagesordnung steht.

„Ob und in welchem Rahmen eine Gedenkfeier stattfindet – das liegt dann bei Verwaltung und Politik“, sagt Hochgräber und fügt an: „Wenn das läuft, dann wird es eine große Sache.“

Hochgräber hat bereits Zeitzeugenberichte recherchiert. Auch Überlebende des Angriffs gibt es noch, die er teils persönlich kennt. „Da sind erschütternde Berichte darunter“, sagt Hochgräber über den Angriff, der damals den Bahnanlagen in Holzwickede, Unna und Geisecke galt.

Viele Tote – Bomben streuten in die Wohngebiete

Der Fliegerangriff dauerte rund 45 Minuten. Galt der Angriff zwar den Bahnanlagen und brannten rund 1000 Güterwaggons aus, so streuten die Bomben auch in die Wohngebiete. In Willy Timms Buch „Geschichte der Gemeinde Holzwickede“ sind 54 Tote vermerkt. 55 Wohnhäuser wurden zerstört, mehr als 250 beschädigt.

Vor 75 Jahren: Spurensucher wollen an Bombardierung Holzwickedes erinnern

Spätes Zeugnis: Auf diesem Grundstück an der Karlstraße wurde 2017 eine 50-Kilo-Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden, als Arbeiten für den Bau eines Mehrfamilienhauses durchgeführt wurden. © Christoph Ueberfeld

Hochgräber regt für eine etwaige Gedenkveranstaltung den 22. März als Termin an – ein Sonntag vor dem eigentlichen Datum. Trifft die Spurensucher-Idee auf Zustimmung, muss ein passender Termin für die nächste Stolperstein-Verlegung gefunden werden.

Auch im kommenden Jahr soll an NS-Opfer erinnert werden. „Es wäre ungünstig, wenn die Termine zu dicht beieinander liegen“, sagt Hochgräber. Beim Thema Stolpersteine müsse man sich jedoch nach dem Terminkalender von Künstler Demnig richten.

Vorstudie zur NS-Zeit in Holzwickede zeigt neue Forschungsziele

Übergeordnet würden beide Gedenkveranstaltungen zum Vorhaben der Verwaltung passen, die Geschichte Holzwickedes während der Zeit des Nationalsozialismus zu beleuchten. Ein Vorstudie zum Thema hat die Studentin Sally Woggon von der Bochumer Ruhr-Universität kürzlich abgeschlossen und im Kulturausschuss vorgestellt.

Die Studie kategorisiert dabei vor allem Unterlagen und Akten aus dem Gemeindearchiv und gibt Anregungen für weitere Forschungsaspekte, die man auf politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Ebene weiterverfolgen könnte.

„Personalwechsel innerhalb der Verwaltung mit NSDAP-Bezug; Briefwechsel zwischen Bürgern und dem Bürgermeister, die auf Verfolgung und einen Kirchenstreit hinweisen; Unternehmen und ihr Einfluss auf die Gemeindepolitik vor dem Hintergrund der NS-Politik“, führte Woggon dabei als mögliche Forschungsziele auf.

Woggon musste bei ihrer Arbeit nach eigener Aussage mit einem lückenhaften und unsortierten Gemeindearchiv kämpfen. Ein Umstand, der sich durch die neue Archivarin Silke Becker verbessern soll.

Abriss über Holzwickedes Jahre im NS-Regime „illusorisch“

Politik und Verwaltung schwebte stattdessen ein kompletter Abriss zur NS-Zeit in Holzwickede vor. „Das war ein illusorischer Gedanke“, sagt Hochgräber. Der Weg der jungen Studentin sei aber richtig gewesen. „Man arbeitet von unten nach oben. Und es muss klar sein, dass man weitere Archive anzapfen muss“, sagt Hochgräber.

Nach der Vorstellung von Woggons Ergebnisse hat der Ausschuss beschlossen, dass die Verwaltung bis zur nächsten Sitzung im September prüfen soll, wie und unter welchem finanziellen Aufwand die Forschungsarbeite fortgesetzt werden könnte. „Ich hoffe sehr, dass Frau Woggon weitermachen kann und will“, sagt Wilhelm Hochgräber.

Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger 365-Euro-Ticket

Bus und Bahn für einen Euro am Tag: Billig allein reicht nicht für die Verkehrswende

Meistgelesen