Bundesweit wird dieses Jahr das von Walter Gropius im Jahr 1919 begründete Bauhaus gefeiert. Gestalterische Ideen von damals geben noch heute Impulse – auch für den Rathaus-Anbau in Holzwickede.

Holzwickede

, 09.10.2019, 04:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Schaut man sich als Laie den Entwurf zum Rathausanbau an, lässt sich leicht erkennen: Kubische Form, rechte Winkel, keine Schnörkel. Mit dem nötigen Halbwissen lässt sich 100 Jahre, nachdem Walter Gropius in Weimar das Bauhaus begründete, schnell schlaumeiern: Schau her, ein Anbau im Bauhaus-Stil.

Wer das sagt, begeht schon den ersten Fehler: „Man kann nicht von Stil sprechen. Bauhaus beschreibt vielmehr eine Schule, die sich auf viel mehr als einen Stil versteht“, sagt Thorsten Kock.

Zusammen mit Martin Bez hat Kock im Jahr 2001 ein gleichnamiges Architekturbüro in Stuttgart gegründet. Ein Entwurf von Bez+Kock für die Umgestaltung des Rathauses hatte sich Anfang 2017 gegen die Entwürfe von insgesamt 13 Planungsbüros durchgesetzt.

So viel Bauhaus steckt im Anbau für das Holzwickeder Rathaus

Die Architekten Thorsten Kock und Sebastian Linder (r.) verantworten die Entwürfe zum Rathausanbau. © Greis

Fast drei Jahre später rückt der Start der Bauphase für den Anbau näher. Am Dienstagabend wurden im nicht öffentlichen Teil des Planungs- und Bauausschusses die Aufträge für den Rohbau vergeben. Bauamtsleiter Uwe Nettlenbusch hofft, dass rund um das historische Rathaus noch Ende dieses Monats die Arbeiten beginnen.
Wenn alles nach Plan läuft, sollen Anbau und Sanierung des Bestandsgebäudes bis 2021 abgeschlossen sein. Sucht man dann nach Parallelen zur Bauhaus-Schule, finden sich die nicht zwingend über optische Merkmale.

„Architektur muss an erster Stelle pragmatisch sein“

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„Ob Bauhaus oder nicht: Architektur muss an erster Stelle pragmatisch sein. Sie dient einem Nutzen und unterscheidet sich so von der reinen Kunst. Da berufe ich mich gerne auf Adolf Loos, ein österreichischer Architekt, etwas älter als die Bauhäusler, der schon vor ihnen den damals radikalen Ansatz verfolgte: Alles, was einem Zweck dient, muss aus dem Reich der Kunst verbannt werden“, sagt Thorsten Kock.

Zwar freue er sich, wenn der Betrachter das Kunstvolle in der Architektur sieht. Aber als Architekt müsse man sich immer die Frage stellen, welche Funktionen ein Gebäude erfüllen muss. „Diese Ansätze sind aber älter als das Bauhaus“, so Kock.

Mit einem Aspekt der Bauhaus-Werkstätten in Weimar und Dessau kann sich der Stuttgarter Architekt indes voll und ganz identifizieren: „Die Bauhäusler wollten Kunst und Handwerk zusammenbringen. Ein Aspekt, der mir als ausgebildeter Zimmermann sehr nahe ist“, sagt Kock. Die Achtung für das Handwerk ist seiner Meinung nach heute in den Hintergrund gerückt.

Der Anbau soll das Bestandsgebäude nicht in den Schatten stellen

Ohne das Handwerk könne Architektur jedoch nicht entstehen. An der Stelle ist Kock wieder beim Holzwickeder Rathaus: „Das wirkt sich auf unsere Arbeit aus, wenn wir wenige aber wertige Materialien einsetzen wollen, die handwerklich richtig und kunstvoll in Verbindung miteinander gebracht werden.“

So viel Bauhaus steckt im Anbau für das Holzwickeder Rathaus

Ein Blick ins Bürgerforum: Im Inneren wird der Klinker der Außenfassade aufgegriffen. Was man im Entwurf nicht sieht, ist die Außenwand des alten Rathauses, die ebenfalls im Innenbereich des Forums liegt. „Das wird auch für uns sehr spannend, wie das am Ende wirkt“ sagt Architekt Thorsten Kock. © RENDERBAR für Bez+Kock Architekt

Daraus ergibt sich für Thorsten Kock in Holzwickede die Anforderung: „Wir wollen das Alte leben lassen und das Neue so hinstellen, dass es als eigenständiges Werk wirkt.“

Zwar nicht in der Auswahl aber bei der Verwendung der Materialien wie Klinker für die Fassaden würden sich dann durchaus Ansätze aus dem Bauhaus widerspiegeln. „Keine Ornamente, sondern das Material für sich stehen lassen. Reduzieren auf das Einfache, das sich auch in der Geometrie und in den Proportionen des Gebäudes widerspiegelt“, sagt Sebastian Linder, der für Bez+Kock als leitender Architekt das Projekt in der Emscherquellgemeinde betreut.

Sparen und Bauen unter dem Bauhaus-Deckmantel

Hier liege laut Linder aber auch die Gefahr der Bauhaus-Ideen: „Wo beispielsweise Neubaugebiete weiß und grau sind, wird das Bauhaus missverstanden. Hier sieht man oft in Details wie Fensteranschlüssen oder den Proportionen Dinge, die es im Bauhaus nicht gegeben hätte.“ Sein Chef stimmt zu: „Man reduziert, wird billiger und nennt es am Ende Bauhaus. Da würde sich ein Walter Gropius im Grabe umdrehen.“

Die beiden Architekten begrüßen, dass das Bauhaus-Jahr auch zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der Gestaltungsschule führt. „Vieles wirkt im Nachgang revolutionär. Aber aus der Distanz betrachtet, sieht man auch am Bauhaus, dass es aus einer steten Entwicklung hervorging“, sagt Thorsten Kock.

So viel Bauhaus steckt im Anbau für das Holzwickeder Rathaus

Das Haus Schulenburg in Gera wurde von Henry van de Velde entworfen, der als einer der Bauhaus-Vorreiter gilt. Die einstige Villa eines Textilfabrikanten entstand zur selben Zeit wie das Rathaus in Holzwickede. Heute beherbergt es ein Museum zu Ehren des Erbauers. © picture alliance/dpa

An diesem Punkt könne man sogar das 1915 eröffnete historische Rathaus einbeziehen, das man dem ausgehenden Jugendstil zuordnen kann. Kock nennt den belgischen Architekten Henry van de Velde. Der wurde Mitte des 19. Jahrhunderts geboren, wirkte aber bis weit ins 20. Jahrhundert hinein und gilt als einer der Bauhaus-Wegbereiter. „Schauen Sie sich mal Gebäude von ihm an. Da erkennt man durchaus Ähnlichkeiten. So weit ist das alte Rathaus dann auch nicht mehr von den Entwicklungen weg, die kurz darauf eingesetzt haben.“

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