Die Regeln zur Leinenpflicht sind oft nicht einfach zu überblicken. In der aktuellen Jahreszeit appelliert ein ehemaliger Pastor: Verzichtet nicht auf die Leine. Unterstützung kommt von einer Hunde-Expertin.

Holzwickede

, 29.05.2020, 17:15 Uhr / Lesedauer: 3 min

Regelmäßig macht sich Josef Eickhoff gen Haarstrang auf zum Spaziergang. Nahe seines Wohnhauses lädt am Hengser Weg ein Trampelpfad ein, sich über eine Leitplanke zu schwingen. Die ist für den 83-Jährigen kein Hindernis. Hügelaufwärts geht es über den Pfad einige Meter bis zu einem namenlosen Weg.

Der sei vor einigen Jahren angelegt worden, als man hier an einem Graben für einen Zulauf des Holzwickeder Bachs zugange war. Ein Anschluss an den Hengser Weg ist dabei offensichtlich nicht erfolgt. Und trotz der Leitplanke dient der Trampelpfad eben vielen Spaziergängern als Verbindung.

Josef Eickhoff geht regelmäßig zwischen den Feldern und Wiesen spazieren. Hier hatte er auch die Begegnung mit dem jungen Reh, das zutraulich auf ihn zuging.

Josef Eickhoff geht regelmäßig zwischen den Feldern und Wiesen spazieren. Hier hatte er auch die Begegnung mit dem jungen Reh, das zutraulich auf ihn zuging. © Greis

Jetzt lesen

Leinenpflicht

Wenig Möglichkeiten für freien Lauf

  • Innerhalb der Gemeinde gehören Hunde auf allen Verkehrsflächen an die Leine. Das umfasst beispielsweise Straßen, Gehwege, Plätze. Bestimmte Bereiche wie Spielplätze sind gänzlich tabu. Hier richten sich die Vorgaben nach dem NRW-Landeshundegesetz.
  • Auf Wiesen und in Wäldern kommt es darauf an. Beispiel Truppenübungsplatz: Das Areal ist als Naturschutzgebiet ausgewiesen. Hier gilt Leinenpflicht und Hunde gehören wie der Mensch auf die Wege. Darauf machen Schilder aufmerksam. Zuständig ist hier aber nicht die Gemeinde. Die Bundeswehr sowie der örtliche Jagdaufseher sind für Kontrollen zuständig.
  • Außerhalb von Naturschutzgebieten darf davon ausgegangen werden, dass beispielsweise Wiesen, Felder oder Forste einen Besitzer haben. Und ein Landwirt wird wenig begeistert sein, wenn ein Hund über sein Feld stromert und gar noch sein Geschäft verrichtet.
  • Torsten Doennges aus dem Ordnungsamt appelliert an den gesunden Menschenverstand: „Der Halter ist dafür verantwortlich, dass vom Hund keine Gefahr ausgeht. Natürlich kann ich den Hund laufen lassen, wenn es nicht explizit verboten ist. Bis etwas passiert. Dann muss ich mich als Halter verantworten. Man muss sich an Regeln halten und im Zweifel ist es nun mal der Hundehalter, der sich zurücknehmen muss.“

Vor gut zwei Wochen führte Eickhoffs Weg den Hügel hinauf, als er eine merkwürdige Begegnung hatte. Ein junges Reh kam ihm aus einer Wiese heraus entgegen. „Das hatte gar keine Scheu“, sagt der Senior. Er weiß auch warum: „Das war ein Schmaltier. Ein einjähriges Reh, das noch mit der Mutter unterwegs ist.“

Am Tag der Begegnung wollte die Ricke mit dem jungen Tier aber anscheinend nichts zu tun haben. Der Grund liegt an der Jahreszeit: Im Mai und Juni bringen die Ricken ihren Nachwuchs zur Welt. Um in Ruhe gebären zu können, verstieß sie ihr Jungtier vorübergehend. Das war anscheinend davon so verwirrt, dass es für einen Moment die Nähe zu Josef Eickhoff suchte.

Spaziergänger und Hundehalter sollen Rücksicht nehmen

Nach der Geburt verbleiben die Kitze gut einen Monat geschützt im Dickicht. Die Mutter äst derweil und sucht das Jungtier zum Säugen auf. Die aktuellen Wochen sind deshalb auch der Grund, warum Josef Eickhoff einen Appell an Spaziergänger richtet, beim Gang in die Natur entsprechend Rücksicht zu nehmen.

Insbesondere sollten Hundehalter ihre Tiere gerade jetzt an der Leine führen. „Ich will niemanden zurechtweisen. Ich liebe Tiere, hatte früher selbst Hunde“, sagt Eickhoff. Begeistert erzählt er davon, wie er am zweiten Mai-Wochenende an der Nabu-Vogelzählaktion teilnahm. Blau- und Kohlmeisen, Gelbspötter, Heckenbraunellen, Grün- und Distelfinken waren nur einige der Arten, die er vermerkte. „Sogar ein Kuckuck auf Durchreise war dabei“, sagt er.

Wenn er rund ums Haus unterwegs ist, spricht er Hundehalter mit Ruhe und Gelassenheit an. „Die Nachbarn kenne ich und sie kennen mich. Da ist alles gut“, sagt Eickhoff. Aber manche Begegnungen verlaufen eben auch unfreundlich.

Trotz Holzwickeder Straße und A1 in der Nähe: Für Josef Eickhoff beginnt die Natur vor der Haustüre. Ein Eichhörnchen bedient sich regelmäßig an der Nussernte des 83-Jährigen.

Trotz Holzwickeder Straße und A1 in der Nähe: Für Josef Eickhoff beginnt die Natur vor der Haustüre. Ein Eichhörnchen bedient sich regelmäßig an der Nussernte des 83-Jährigen. © Greis

Jetzt lesen

Jäger mit dem Fernglas

Josef Eickhoff war nicht nur jahrelang Pastor im Ort und hält – offiziell im Ruhestand – noch heute mittwochs in St. Stephanus die Heilige Messe. Er hat einst auch eine Jagdausbildung absolviert. „Damit ich mich fachgerecht mit meinem damaligen Vikar unterhalten konnte“, sagt er und lacht. Tiere erlegen – darum sei es ihm nie gegangen. „Ein Mal habe ich einen Fuchs geschossen. Aber nie ein Reh. Im Grunde jage ich nur mit dem Fernglas“, so der 83-Jährige.

Aber als Jäger weiß er auch: Ob nun stark oder weniger stark ausgeprägt, hat der Hund doch einen Jagdtrieb. „Meiner macht das nicht. Das höre ich immer wieder“, sagt er. Und dann gehe der Hund doch durch und dem Wild hinterher. Solche Situationen setzen Wildtiere nicht nur unter Stress, sie können auch gefährlich werden.

Eickhoffs Appell, die Leine zu nutzen, schließt den Schutz des Menschen ein. Die A1 verläuft gut 200 Meter von seinem Haus entfernt. Auch die Holzwickeder Straße darf diesbezüglich als Risiko eingestuft werden. Nicht nur für die Wildtiere – sondern auch für einen Hund im Jagdfieber und natürlich auch für jegliche Verkehrsteilnehmer.

Jetzt lesen

Unwahrscheinlich? Haben die Polizisten vorab vielleicht auch gedacht, bevor sie am Mittwoch im Bereich der A1 ein Rehkitz an der Raststätte Lichtendorf retteten, das sich unter einem Lkw versteckte.

Unterstützt wird Josef Eickhoff in seinem Appell von Marion Jemison. Sie betreibt im Siepen eine Hundepension, kümmert sich zudem um Straßenhunde aus Osteuropa. Rehe im Waldgebiet rund um den Holzwickeder Bach gehören für sie seit Jahren zum gewohnten Bild. Luftlinie liegen zwischen ihrer Adresse und der von Josef Eickhoff rund 800 Meter – und eben die A1.

„Hunde gehören angeleint. Ganz einfach. Jeder muss sich an Regeln halten und wer Tiere liebt, der hält sich daran“, sagt Jemison. Sie verweist auf Schleppleinen, die den eigenen Vierbeinern gut und gerne zwischen zehn und 15 Metern Auslauf bieten und dennoch sei der Hund im Falle eines Falles unter Kontrolle und schnell wieder bei Fuß.

Jetzt lesen

Beim Spaziergang auf den Wegen bleiben

Aber auch mit viel Leinenlauf ist für Marion Jemison nicht alles erlaubt: „Mensch und Hund gehören auf die Wege. Der Hund hat im Unterholz nichts verloren.“ Aktuell habe sie sechs Hunde in Obhut. Mitunter von der Straße müssten die zunächst erzogen werden. Deshalb würde sie überhaupt nur ihrem Familienhund trauen, auch ohne Leine am Fuß zu bleiben.

„Ich finde es einfach verwerflich, Hunde einfach so laufen zu lassen“, sagt sie. Der Mensch sei hier gefordert, Rücksicht auf die Natur zu nehmen. Das würde gewährleisten, dass sowohl sie als auch Josef Eickhoff und alle Naturliebhaber auch weiterhin Freude am Anblick einer lebendigen Fauna haben.

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Bundeswehr-Übungsplatz
Trotz Betretungsverbot: „Truppi“ bleibt beliebtes Ziel für den Sonntagsausflug
Hellweger Anzeiger „Foodsharing“
Geben und nehmen: Holzwickeder können auch künftig Lebensmittel per Kiste teilen