Ende Februar ist der Schnee geschmolzen, können die Rohbauarbeiten am Marktplatz wieder aufgenommen werden. Der Innenausbau dürfte dann zur zweiten Jahreshälfte an Fahrt aufnehmen. © www.blossey.eu
Rat- und Bürgerhaus

Aufträge aus der EU fürs Rathaus: „Der spanische Fliesenleger kommt nicht um die Ecke“

Nach dem zwischenzeitlichen Wintereinbruch wird auf der Rathausbaustelle wieder gearbeitet. Für den Großteil der Gewerke hat sich ein Auftragnehmer gefunden – mitunter braucht es dafür aber mehr als einen Anlauf.

Schnee und Eis haben im Februar nur für eine kurze Baupause gesorgt, die sich in der Gesamtheit wohl nur unmerklich auf die Fertigstellung auswirken wird. Nach Erdgeschoss und erster Etage sind die Rohbauarbeiten aktuell im zweiten Obergeschoss angekommen, danach folgt das Dach für den Anbau. Derweil gehen auch die Arbeiten im historischen Altbau voran, der mit dem Neubau verbunden wird.

„Ich denke, dass uns der Rohbau noch gut zwei bis drei Monate beschäftigen wird“, sagt Bauamtsleiter Uwe Nettlenbusch. Erst mit Abschluss der Dacharbeiten wird der Weg für eine Vielzahl von Gewerken im Inneren der Baustelle frei – von Maler- und Estricharbeiten, Parkettböden, Elektroinstallationen, sanitären Anlagen bis Schlosserarbeiten braucht es entsprechende Handwerksbetriebe. Und wenn etwa 600 Quadratmeter Fliesen gelegt werden müssen, dann sind im Altbau auch immer die Anforderungen des Denkmalschutzes zu berücksichtigen.

Weil das gesamte Projekt zu großen Teilen über das Integrierte Stadtentwicklungskonzept (ISEK) gefördert wird, muss sich die Gemeinde bei den Ausschreibungen an bestimmte Vorgaben im Rahmen eines Vergabegesetzes halten. So müssen acht von zehn Aufträgen innerhalb der EU ausgeschrieben werden. Nur ein kleiner Teil der nötigen Leistungen darf innerhalb Deutschlands ausgeschrieben werden.

Schnee und Eis legten die Arbeiten auf der Rathausbaustelle im Februar kurzzeitig lahm. © Marcel Drawe © Marcel Drawe

Trotz EU-weiter Ausschreibung kommen die Angebote meist von regionalen Unternehmen

„Wir haben uns natürlich vorab unsere Gedanken gemacht, wie wir das aufteilen“, sagt Uwe Nettlenbusch. EU-weite Ausschreibungen können in der Theorie zwar dazu führen, dass Bewerbungen aus Frankreich oder Tschechien eingehen. Die Praxis sieht aber anders aus. „Formell sind wir etwa ab bestimmten Wertgrenzen zu EU-Ausschreibungen verpflichtet. Dennoch waren bislang keine Anbieter aus dem Ausland unter den Bewerbern. Das sind meist Unternehmen aus der Umgebung“, weiß Nettlenbusch.

Lediglich am Anfang des Projekts, als ein Architekturvorschlag in einem europaweiten Wettbewerb gesucht wurde, brachte auch ein spanisches Büro einen Vorschlag ein. Letztlich nicht ungewöhnlich, wenn ein Unternehmen eine entsprechende Größe aufweist und Niederlassungen im Auftragsland betreibt.

Auftragsvergabe läuft elektronisch über Portal der EU

Den Zuschlag bekommen hatte letztlich das Architekturbüro Bez+Kock aus Stuttgart. Die Architekten stehen auch während des Baus im Austausch mit dem Bauamt. „Ein Anbieter für die Dachkonstruktion ist momentan in der Prüfung. Da ist auch das Architekturbüro entsprechend involviert“, so Nettlenbusch.

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Neues Rat- und Bürgerhaus: Rundgang auf der Baustelle

In dem Umfang hat die Gemeindeverwaltung bezüglich EU-weiter Auftragsvergaben beim künftigen Rat- und Bürgerhaus auch Neuland betreten. Die Aufträge werden elektronisch über eine eigene Plattform ausgewiesen. Das sogenannte „Tenders Electronic Daily“ – kurz TED – ist dabei ein Online-Dienst der EU, der Auftraggeber und -nehmer zusammenbringt. Öffentliche Aufträge sind dabei für jeden über die Plattform einsehbar.

Dadurch wird auch eine Herausforderung sichtbar, die das Holzwickeder Millionenprojekt mit sich bringt: das begrenzte Budget. Ursprünglich waren 19,53 Millionen Euro an Gesamtkosten angesetzt. Mittlerweile hat sich das vor allem durch Anforderungen an den Denkmalschutz auf 19,99 Millionen Euro erhöht.

„Sind für ein Gewerk 50.000 Euro vorgesehen, die Angebote liegen aber bei 100.000 Euro, dann ist das für uns nicht wirtschaftlich.“

Bauamtsleiter Uwe Nettlenbusch

Aktuell finden sich im TED mit Bezug zur Rathausbaustelle 16 Aufträge. Sieben davon wurden im Mai vergangenen Jahres eingestellt. Sechs davon wurden im Juli dann nochmals ausgeschrieben, für ein weiteres Gewerk aus dem Mai wird aktuell ein Auftragnehmer gesucht.

„Es ist schon so, dass Aufträge mitunter 50 mal abgerufen werden, letztlich aber nur fünf konkrete Angebote eingehen. Sind für ein Gewerk 50.000 Euro vorgesehen, die Angebote liegen aber bei 100.000 Euro, dann ist das für uns nicht wirtschaftlich. Dann heben wir das auf und müssen unsere Anforderungen optimieren“, so Nettlenbusch.

Es geht weiter: Anfang März parkt ein LKW auf dem Marktplatz, liefert weitere Gerüstbauteile für den Rohbau. © Greis © Greis

Großteil der Ausschreibungen für Rat- und Bürgerhaus ist vergeben

Rund 50 Ausschreibungen habe man bislang verfasst, davon knapp 40 für den Rohbau. „Rund 85 Prozent der Aufträge sind mittlerweile vergeben und wir lagen dabei im Budget“, sagt der Bauamtsleiter mit Blick auf die Gesamtkosten. Dass etwa Schlosserarbeiten für Treppenhandläufe im Vorjahr keinen passenden Auftragnehmer fanden und die Arbeiten erneut ausgeschrieben werden, sei zeitlich zunächst kein Problem.

„Neben dem baulichen Zeitplan gibt es einen Vergabeterminplan, der signalisiert: Zu einem Zeitpunkt X müssen wir ausschreiben, um zu einem Zeitpunkt Y den Auftrag zu vergeben, damit er zum Zeitpunkt Z umgesetzt wird“, erläutert Uwe Nettlenbusch. Insbesondere für den Innenausbau steht ergo erst die zweite Jahreshälfte im Blickpunkt.

Grundsätzlich sei die Auftragsvergabe über das EU-Portal eine Erleichterung und führe nicht dazu, dass „plötzlich der spanische Fliesenleger um die Ecke kommt.“ Der Arbeitsaufwand für eine kleine Verwaltung wie die Holzwickeder sei durch das digitale Portal gesunken, verfügt man nicht wie größere Städte über ein eigenes Vergabeamt. „Da ist bei uns eben nur ein Kollege für zuständig, der sich da reingearbeitet hat“, sagt Nettlenbusch.

Inwieweit für ein Bauprojekt letztlich EU-weite Ausschreibungen nötig sind, ob Gewerke separat im Inland gesucht werden oder ein Generalunternehmen ein Gebäude schlüsselfertig übergibt, hängt einfach ausgedrückt vor allem von den Förderbedingungen und den Kosten ab.

So geht Nettlenbusch davon aus, dass etwa der OGS-Neubau an der Dudenrothschule auch über eine Einzelgewerksvergabe realisiert wird. Hier steht zumindest eine Landesförderung in Aussicht. Anders kann sich das beim geplanten Anbau am Schulzentrum fürs Gymnasium darstellen. „Da kann ein Generalunternehmen sinnvoll sein. Aber mit Blick auf die künftige Zügigkeit braucht es hier erst ein neues Raumkonzept“, weiß der Bauamtsleiter.

Über den Autor
Redaktion Holzwickede
Jahrgang 1985, aufgewachsen auf dem Land in Thüringen. Fürs Studium 2007 nach Dortmund gekommen. Schreibt über alles, was in Holzwickede passiert. 17.000 Einwohner mit Dorfcharakter – wie in der alten Heimat. Nicht ganz: Dort würden 17.000 Einwohner locker zur Kreisstadt reichen. Willkommen im Ruhrgebiet.
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Christian Greis
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