Der Arzt stellt ein Rezept aus. Der Patient geht zur Apotheke, um es einzulösen. Doch hier ist das Medikament nicht vorrätig. Das kommt immer häufiger vor und kostet Apotheker, Ärzte und Kunden Zeit und Nerven.

Holzwickede

, 05.09.2019, 17:04 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ein Besuch unter der Woche in der Rathaus-Apotheke von Christian van Bremen macht das Problem recht schnell deutlich. Als van Bremen das Warensystem am PC erklärt, kommt eine junge Frau mit ihrem Freund in die Aptheke. Sie sei von der benachbarten Allee-Apotheke an van Bremen verwiesen worden. Die im Rezept vorgegebene Menge eines Antibiotikums hatte man dort nicht vorrätig.

Christian van Bremen schaut im System nach und muss die junge Frau ebenfalls enttäuschen. Das Rezept verlangt eine 15er-Packung des Antibiotikums. Wie in der Allee-Apotheke hat er aber nur eine 10er-Packung. „Dann geben Sie mir doch zwei“, sagt die Kundin. Aber das muss der Apotheker ablehnen – ohne Rücksprache mit dem Arzt darf er das nicht.

Der Kompromiss: Die junge Frau bekommt eine 10er-Packung, zahlt eine Zulage von 5 Euro und muss im Nachgang mit ihrem Arzt klären, ob das ausreichend ist – oder eben nochmal eine 10er-Packung nötig ist. Inklusive erneuter Zuzahlung.

Genervte Kunden, Apotheker und Ärzte

Ein Zustand, der alle Beteiligten nervt: Die Kundin ist unzufrieden und kann nicht nachvollziehen, warum ein vom Arzt verschriebens Rezept nicht eingelöst werden kann. Der Arzt hat Mehraufwand, wenn Patienten oder Apotheker sich an ihn wenden und um ein alternatives Medikament oder ein angepasstes Rezept bitten. Und die Apotheker und ihre Mitarbeiter sind gestresst, weil sie sich immer wieder erklären müssen.

Und das hat selten Erfolg, denn für Kunden ist kaum nachvollziehbar, wie das Warensystem in der Apotheke funktioniert. Der normale Verlauf wäre: Ein Arzt verordnet ein Medikament. In der Apotheke ist es vorrätig, der Kunde wird beraten und bekommt das Medikament ausgehändigt. Das Produkt wird beim Großhändler nachbestellt und innerhalb von drei Stunden geliefert. „So soll es sein“, sagt Christian van Bremen.

Nicht immer gibt es ein alternatives Arzneimittel

In 90 Prozent aller Fälle könne man zwar auf Alternativen zurückgreifen, „aber es kann vorkommen, dass es einzelne Arzneien nicht gibt“, sagt der Apotheker. Das betrifft sowohl Impfstoffe wie auch Schmerzmittel, Blutdrucksenker oder Hormonpflaster. Als Beispiel nennt van Bremen einen neuen Herpes-Impfstoff. „Erstmalige Impfungen waren möglich, nach einem halben Jahr muss aber eine Nachimpfung erfolgen. Es gibt den Impfstoff aber nirgends. Dadurch wird die Impfung natürlich sinnlos.“

Aktuell hat van Bremen täglich um die 90 sogenannter Defekte im System – Arzneimittel, die nicht lieferbar sind. Vor zwei Jahren lag man in der Regel bei 20 Defekten. Die Gründe dafür sind vielfältig. Zum einen werden Wirkstoffe für Medikamente fast ausschließlich in Asien von wenigen Herstellern produziert. Kommt es hier zu Problemen hat das Auswirkungen auf die Arzneimittelproduktion. „Das erinnert mitunter schon an Mangelwirtschaft, ist aber auch kein ganz neues Problem“, sagt van Bremen.

„Mangelwirtschaft“ – darum werden manche Arzneimittel in Holzwickedes Apotheken knapp

Rund 5000 verschiedenen Produkte hat Christian van Bremen in der Rathaus-Apotheke vorrätig. Mitunter bleiben Fächer aber auch leer, weil es immer häufiger zu Lieferproblemen kommt. © Udo Hennes

Seiner Meinung nach hat sich die Situation auch verschärft, weil für Medikamente auch im Ausland der Bedarf steigt. Und mit einem ungeordneten Brexit vor Augen hat die Regierung in Großbritannien bereits vor Monaten die Pharmaunternehmen angewiesen, zusätzliche Vorräte anzulegen.

Zumindest für einen erhöhte Arbeitsaufwand sorgen zudem Rabattverträge zwischen Krankenkassen und Herstellern. Laut der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände gibt es mittlerweile 28.000 solcher Verträge, die zwar mitunter für günstigere Medikamente sorgen, andererseits aber den deutschen Markt unattraktiver machen und für Apotheker und Ärzte einen erhöhten Aufwand bedeuten.

Apotheken sind an die Rabattverträge der Krankenkassen gebunden

„Wenn der Arzt Ratiopharm für 12,50 Euro verordnet, sind wir daran gebunden. Haben wir das nicht vorrätig, müssen wir mit dem Arzt Rücksprache halten und darlegen, warum das Medikament nicht vorrätig ist. Ohne Begründung können wir keine Alternative ausgeben, da machen die Kassen nicht mit“, nennt Sonja Wahlhäuser ein Beispiel. Die Apothekerin in der Allee-Apotheke kennt die Probleme von Christian van Bremen.

Und auch Jutta Kühle, Inhaberin der Avie-Apotheke am Borsig-Center bestätigt die Problematik. „Das betrifft alle Apotheken. Für die Kunden ist das schwer nachvollziehbar, wir müssen uns immer wieder erklären“, sagt Kühle. Die Situation erhöht den Arbeitsaufwand in Apotheken und Arztpraxen und sorgt bei Kunden für Verdruss. „Man lässt uns damit im Regen stehen“, sagt Christian van Bremen.

Ende September findet in Düsseldorf der Apothekertag statt. Auf Nachfrage bestätigt Nina Grunsky, Sprecherin beim Apothekerverband Westfalen-Lippe das die Medikamentenversorgung dann ein zentrales Thema darstelle. „Eine Forderung von uns ist, das in den Rabattverträgen nicht nur der günstigste Preis sondern auch die Verfügbarkeit eines Medikaments berücksichtigt werden muss.“

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