Weil ein Atomangriff auf die Raketenstation in Hengsen noch Ende der 1970er Jahre befürchtet wurde, rüstete man in Schwerte eine Tiefgarage als Bunker auf. Von einer „Beruhigungspille“ spricht ein Zeitzeuge.

Hengsen

, 12.08.2018, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Am ganzen Körper schlimmste Verbrennungen zweiten und dritten Grades, bis auf die Knochen. Das drohte im Ernstfall allen, die nicht im Schwerter Atombunker unter dem Marktplatz Schutz fanden. Der Ernstfall, das war im Kalten Krieg ein sowjetischer Atomraketen-Angriff auf die amerikanische Atom-Basis im kaum zehn Kilometer entfernten Holzwickede-Hengsen. Keine Horrorvision, sondern Planspiel der Militärs. Denn die Besatzung in Hengsen bedrohte sich mit einer sowjetischen Stellung im polnischen Warschau gegenseitig mit den verheerenden Waffen.

Hitzewelle eines Raketeneinschlags in Holzwickede hätte sich im Umkreis von zwölf Kilometern ausgebreitet

„Bei einem Einschlag von Raketen aus Warschau wäre eine Temperatur von 20 Millionen Grad entstanden. Die Hitzewelle hätte sich im Umkreis von zwölf Kilometern um Holzwickede ausgebreitet“, berichtet Dr. Theo Surmann. Der heute 76-Jährige war in das Schreckensszenario der Militärs eingeweiht. Zusammen mit einem weiteren Kollegen aus Schwerte, der als Bunkerarzt vorgesehen war, sollte er die Versorgung der Bevölkerung übernehmen. Die hätte ihre Stadt kaum wiedererkannt, denn die extreme Druckwelle hätte die Gebäude weitgehend zerstört. Ganz zu schweigen von der Verseuchung mit Neutronen- und Gammastrahlung aus der Kernspaltung.

Dr. Surmann erfasst noch heute ein mulmiges Gefühl, wenn er in die Tiefgarage in der Schwerter Innenstadt einfährt

Ein mulmiges Gefühl erfasst Dr. Surmann deshalb immer noch, wenn er in die Tiefgarage mit den schweren Stahltoren und kriegerisch anmutenden Eisen-Armaturen an den Wänden hineinfährt. Als die staatlichen Stellen von den Plänen für das 1979/80 errichtete City-Centrum hörten, sei das NRW-Innenministerium an die Stadt herangetreten: „Die wollten einen Bunker.“ Im Gegenzug winkte man mit Zuschüssen für den Bau.

Das Ergebnis war aber eher eine Beruhigungspille, wie vielerorts in der Bundesrepublik in dieser Zeit. „Für seine Zwecke ist der Bunker eine absolute Fehlkonstruktion“, sagt der Mediziner. Im mittleren Teil der Tiefgarage sollten 1685 Menschen drei Wochen lang ausharren – auf jeweils zwei Quadratmetern, ohne Betten: Für die tägliche Versorgung war das völlig unzureichend.“ Woher die Lebensmittel kommen sollten, weiß der Mediziner nicht. Er ist aber überzeugt, dass es entgegen aller offiziellen Beteuerungen doch eine Liste der Schwerter gab, die eingelassen werden sollten: „Im Prinzip stand ich auf der Liste, aber meine Familie nicht.“ Für Kleinkinder – seine Kinder wurden 1965 und 1974 geboren – sei die Anlage nicht vorgesehen gewesen.

Männer mit Schlapphüten und langen Mänteln standen plötzlich vor der Tür des Arztes

Schon während seiner Studienzeit in Köln, so berichtet Dr. Surmann, hätten der Militärische Abschirmdienst (MAD) und der Bundesnachrichtendienst (BND) versucht, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Später standen die Männer in langen Mänteln und mit Hut, geradeso wie in einem Agentenfilm, dann auf einmal vor seiner Praxis über der Adler-Apotheke an der Hüsingstraße. Man wollte den Arzt anwerben, der nur wenige Schritte von der Tiefgarage entfernt arbeitete.

Weitere Einblicke in die militärischen Planungen erhielt Dr. Surmann, als er 1972 zu einer Stabsrahmenübung der 7. Division in Unna gerufen wurde: „Dabei habe ich mitbekommen, dass man einen Nuklearangriff von der Sowjetunion befürchtete.“ Die Amerikaner seien an den Planspielen beteiligt gewesen. „Alle waren in der Wahnvorstellung, man könnte diese Strahlung überstehen.“

Beim Probealarm der Sirenen standen dem Mediziner die Haare zu Berge

Als der Schwerter Bunker fertig war, sei die Raketenstation in Holzwickede mit ihren Nike-Raketen noch einmal modernisiert worden, berichtet Dr. Surmann. Mit Nuklear-Sprengköpfen unterschiedlicher, aber gewaltiger Sprengkraft: „Insgesamt waren dort 136 Kilotonnen auf Warschau gerichtet.“ Zum Vergleich: Hiroshima wurde im Zweiten Weltkrieg mit einer 15-Kilotonnen-Atombombe zerstört, Nagasaki mit einer von 21 Kilotonnen.

„Das sind die Kenntnisse, die ich habe“, erklärt Dr. Surmann. Kein Wunder, dass ihm jedes Mal alle Haare zu Berge standen, wenn die Sirene gegenüber seiner Praxis zur Probe blies. Das passierte im Kalten Krieg jede Woche, nur dass die meisten Schwerter nicht so genau wussten, warum. Viele glaubten, es werde nur die Funktionsfähigkeit der Anlage für Feuerwehreinsätze getestet. In Wirklichkeit jedoch bedeutete der einminütige, an- und abschwellende Ton einen Luft- oder ABC-Alarm. Vor und nachher dröhnte jeweils ein einminütiger Dauerton über die Stadt.

Das regelmäßige Probeblasen ist seit der Auflösung des Ostblocks verstummt. „Es ist heute leider wieder genauso brandgefährlich wie damals – und das hätte ich mir nicht träumen lassen“, sagt Dr. Surmann mit Blick auf die atomare Aufrüstung in vielen Ländern der Erde.

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